Gesellschaft

Er versucht, dem Borkenkäfer zuvorzukommen

Früher gab es ein bis zwei Borkenkäfer-Generationen pro Sommer. Heute sind es bis zu drei. Grund ist, und einige müssen jetzt ganz stark sein, der Klimawandel.

Er versucht, dem Borkenkäfer zuvorzukommen

Revierförster Sebastian Wittwer

Mit den Temperaturen steigt der Stress für die Fichten – und damit die Gefahr von Schädlingsbefall. Für Illnau-Effretikons Revierförster Sebastian Wittwer bedeutet das erhöhte Aufmerksamkeit.

«Heiss und trocken – das sind Bedingungen, wie sie der Borkenkäfer liebt.» Sebastian Wittwer kniet am Fuss einer mächtigen Fichte im Illnauer Grütforenwald. «Grüne Tannennadeln am Boden sind ein typisches Anzeichen für einen starken Befall.»

Ein Blick zu den Wipfeln zeigt, dass gleich fünf Bäume ihre Nadeln verloren haben. «Die sind bereits alle abgestorben, wir sind zu spät gekommen.»

Wittwer leitet den Forstbetrieb von Illnau-Effretikon. Zu seinem Team gehören neben einem Vorarbeiter und einem Forstwart zwei Lehrlinge.

«Eine schlagkräftige Truppe», wie er sagt. Schlagkräftig müssen die Forstwarte aber nicht nur beim Holzen sein, sondern auch im Kampf gegen den Borkenkäfer. Und schnell: «Rasches Reagieren ist die einzige Chance, diesen Schädling einigermassen zu kontrollieren.»

Schwarzspecht als Warnsystem

Die Gemeine Fichte – auch Rottanne genannt – ist der beliebteste Wirtsbaum der Borkenkäfer. Genauer gesagt des Buchdruckers, eine von 112 in der Schweiz bekannten Unterarten des Borkenkäfers. Da dieser die ökonomisch schwersten Waldschäden verursacht, ist er entsprechend gefürchtet.

Bäume an Waldrändern oder Lichtungen seien besonders gefährdet, da sie stark der Sonne ausgesetzt seien, sagt Wittwer. Sind mehrere betroffen, spricht man von einem «Käfernest».

«Früher gab es in der Regel ein oder zwei Buchdrucker-Generationen pro Sommer. Heute, mit der Klimaerwärmung, sind es bis zu drei.»

Es sei ein Teufelskreis: «Während die immer heisser und trockener werdenden Sommer die Käfer aufleben lassen, sind die Fichten dauergestresst.» Das wiederum mache sie anfällig, gerade auch für Stürme. «Und frisches Sturmholz ist ein gefundenes Fressen für den Borkenkäfer.»

Gesunde Fichten wehren sich gegen einen Käferbefall mit der Abgabe von Harz. Harzläufe an den Stämmen sind daher neben braunem Bohrmehl ein erstes Alarmzeichen für den Förster.

Das Gleiche gilt für starke Spechtaktivität. Wittwers «Lieblingsmitarbeiter» ist denn auch der Schwarzspecht, einer der wichtigsten natürlichen Gegenspieler des Buchdruckers.

Es geht mir gegen den Strich, wenn ein 120-jähriger Baum als Käferholz verbrannt wird.

Sebastian Wittwer, Revierförster

Der rund fünf Millimeter grosse Buchdrucker legt seine Gänge direkt unter der Borke an. Dabei entsteht ein hübsches Muster, dem er seinen Namen verdankt. Die Paarung findet in einer sogenannten «Rammelkammer» statt.

Die geschlüpften Larven fressen sich durch den weichen Bastteil der Rinde, bevor sie sich verpuppen. Nach insgesamt acht Wochen fliegt dann die nächste Generation Käfer aus.

Borkenkaefer-Repo in Illnau - Spuren der Borkenkaefer. Foto: Madeleine Schoder
Die Bohrgänge des Borkenkäfers liegen direkt unter der Rinde.

Der Borkenkäfer macht aber nicht nur Gänge, er schleppt auch Pilze wie den Blaupilz ein. Dieser verstopft die Leitgefässe im Splintholz, der Baum «verdurstet» sozusagen. Blaupilzbefall mindert die Holzqualität zwar nicht, durch die Verfärbung sinkt aber der Marktwert.

«Es geht mir gegen den Strich, wenn ein 120-jähriger Baum als Käferholz verbrannt wird», sagt der Revierförster. 600 Kubik Käferholz musste der Forstbetrieb Illnau-Effretikon 2022 notfallmässig entfernen. «Wegen der hohen Holznachfrage im letzten Jahr konnten wir zum Glück alles verwerten, wenn auch mit Preisabschlägen.»

Befallene Bäume müssen umgehend gefällt werden. «Der ideale Zeitpunkt ist dann, wenn der Borkenkäfer noch im Baum ist und mit ihm seine Larven.»

Ein sportliches Unterfangen, wenn man weiss, dass ein Drittel des Gemeindegebiets von Illnau-Effretikon bewaldet ist. 80 Prozent der rund 1000 Hektaren gehören Privaten, darunter sieben Waldkorporationen, der Rest der Stadt oder dem Kanton.

Die Baumentnahme müssen die Waldbesitzer entweder selbst übernehmen – oder aber aus dem eigenen Sack bezahlen.

Durchmischung durch Verjüngung

Aktuell besteht der Wald rund um Illnau-Effretikon zu 40 Prozent aus Fichten, wobei der Bestand stark am Abnehmen ist. «Das ist einerseits gut im Hinblick auf die Klimaerwärmung», sagt Wittwer.

«Andererseits geht so laufend wertvolles Bau- und Brauchholz verloren, das über Jahrzehnte gepflegt wurde.»

Ein strukturierter Wald ist weniger anfällig, wenn eine Baumart ausfällt.

Sebastian Wittwer, Revierförster

Er versuche denn auch, den alten Fichtenbestand zu schützen, den Wald aber gleichzeitig mit anderen Arten zu verjüngen. «Eigentlich wäre die Buche bei uns dominant, aber auch diese kämpft mit der Trockenheit und den hohen Temperaturen.»

Stattdessen setzt er auf Eiche, Edelkastanie, Wildkirsche oder auch die Linde. «Ein strukturierter Wald ist weniger anfällig, wenn eine Baumart ausfällt.» Im Gespräch seien auch Exoten wie Libanonzeder oder Douglasie. Diese seien zwar für einige Naturschützer ein rotes Tuch.

Aber: «Es gibt einen Generationenvertrag, und es muss doch möglich sein, dass auch in 100 Jahren noch auf den Baustoff Holz zurückgegriffen werden kann.»

Sebastian Wittwer hat die fünf vom Borkenkäfer befallenen Fichten mit einer roten Sprühmarkierung versehen, damit sein Team sie in den nächsten Tagen fällt.

Es tue ihm von Herzen weh, solch mächtige Bäume notfallmässig fällen zu müssen. Dem Borkenkäfer selbst sei er aber nicht gram: «Auch wenn die Waldbesitzer das nicht immer gern hören, er spielt eine wichtige ökologische Rolle beim Abbau geschwächter oder toter Bäume.»

Dazu sei er Nahrung für andere Tiere. «Die Probleme beginnen dort, wo das Ökosystem aus dem Gleichgewicht gerät. Und daran sind wir wohl alle mitbeteiligt.»

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