Das Statthalteramt war sein Jugendtraum
Pfäffiker Statthalter im Porträt
Seit Anfang Jahr ist Erkan Metschli-Roth Statthalter seines Heimatbezirks Pfäffikon – kein glamouröses Amt. Eine Begegnung am Gymnasium hat seine Faszination dafür geweckt.
Mit dem Brunnen auf dem Pausenplatz des Schulhauses Mettlen in Pfäffikon verbindet Erkan Metschli-Roth nicht nur Positives. In diesem schickten die routinierten Schüler die Frischlinge baden. Auch er selbst wurde Opfer dieser jugendlichen Streiche.
Obwohl die Erinnerung an das Aufnahmeritual keine besonders angenehme ist: Etwas haben der Brunnen und Metschli-Roth gemein. Aus ihnen plätschert es. Wasser aus dem einen, Worte aus dem andern. Wer sich mit dem 53-Jährigen trifft, lernt aber mehr als nur das aufmerksame Zuhören.
Und so ist es schon beeindruckend, wenn der Mann mit dem wohlklingenden Allianznamen im Anzug zum vereinbarten Treffpunkt joggt, für ein Foto posiert und gleichzeitig seine Funktion erklärt. Alles, ohne auch nur den Anschein der Erschöpfung zu wecken.
Eine Karriere im Dienst der Öffentlichkeit
Seit Februar ist Erkan Metschli-Roth Statthalter des Bezirks Pfäffikon und Präsident des Bezirksrats. Kein glamouröses Amt, wohl aber ein wichtiges, in das man sich wählen lassen muss. Unter den drei Kandidaten war er der einzige, der kein «echter» Politiker ist.
Der Statthalter ist gleichzeitig Präsident des Bezirksrats. Dessen Aufgaben sind etwa die Aufsicht über Ortspolizei und Feuerwehrwesen, der Vollzug des Waffenrechts und die Handhabung des Übertretungsstrafrechts. (nos)
Zumindest sagt er das selbst. Wie seine beiden Kontrahenten hatte er zwar eine Partei im Rücken – die GLP. «Aber ich sehe mich nicht als Politiker. Ich bin vielmehr ein ‹Public Servant›, ein Angestellter im Dienste der Öffentlichkeit – das habe ich von der Pike auf gelernt», stellt Metschli-Roth klar.
Von der Pike auf gelernt meint in seinem Fall: ein Jurastudium und jahrelange Tätigkeit in öffentlichen Verwaltungen. Angefangen bei der Ombudsstelle der Stadt Zürich, führte ihn sein beruflicher Weg ins Statthalteramt Hinwil und verschiedene Gerichts- und Verwaltungsbehörden. Zuletzt leitete er während sechseinhalb Jahren die Gemeindeverwaltung in Zell.
Kanti-Erlebnis als Ausgangspunkt …
Seine neue Position bezeichnet Erkan Metschli-Roth als «Jugendtraum». Dass das alles andere als ein Wahlkampf-Etikett ist, das nach Bekanntwerden des Resultats wieder abgefallen ist, zeigt sich schnell: Der Statthalter blüht auf, wenn er über seine Tätigkeit spricht.
Obwohl er den Redestab gerne in der Hand behält, wirkt er nicht etwa wie ein Anwalt, der sein Plädoyer verliest. Sondern vielmehr wie der öffentliche Dienstleister, der er ist.

Und einer, der verstanden hat: Wer einen derartigen Posten innehat, muss sich immer wieder legitimieren und erklären. «Der, der in eine Grube fällt und Schadenersatz verlangt, hat nicht das gleiche Wissen wie wir, die für ihn eine Lösung suchen. Diesem Informationsungleichgewicht müssen wir uns bewusst sein.»
Die Faszination für ein Amt, das in Sachen Popularität nicht mit klassischen Traumberufen wie Bundesrat mithalten kann, ist bei Metschli-Roth einem konkreten Erlebnis entsprungen. Als Teil einer Projektarbeit an der Kantonsschule interviewte er den damaligen Statthalter des Bezirks Pfäffikon. Das entfachte ein Feuer, das bis heute lodert.
… Statthalteramt als Ziel
Auf das Amt hingearbeitet habe er aber nicht. «Klar habe ich beruflich Evolution betrieben, sodass ich mit Fug und Recht behaupten kann, dass mir der Schuh des Statthalters passt», sagt Erkan Metschli-Roth. «Aber schliesslich ist alles ein Resultat von Zufälligkeiten.»
Zufälligkeiten, die in der Retrospektive wie eine gerade Linie erscheinen: das Interview, die Tätigkeit im Statthalteramt Hinwil, der Rücktritt von Vorgänger Hansruedi Kocher. Und schliesslich die Kandidatur. Dennoch sagt er: «Die zwei Wahlkämpfe waren kein Schleck für mich – nicht nur finanziell.»
Ich bin mir bewusst, dass mich fehlende Sichtbarkeit bei einer neuerlichen Wahl den Kopf kosten könnte.»
Erkan Metschli-Roth
Statthalter des Bezirks Pfäffikon
Seinem Naturell entsprechend hatte Metschli-Roth seine Rolle im Wahlkampf schnell gefunden: «Es ging nicht darum, grosse Reformen zu versprechen.»
Sondern darum, zu beweisen, dass er eben kein Paragrafenreiter sei, und nicht nur ein grosses Wissen über die Gemeinde, sondern auch einen engen Bezug zum Bezirk Pfäffikon habe. Und er fügt an: «Ich könnte nur hier Statthalter sein.»
Ein ruhiger Arbeiter im Hintergrund, der den Ton angeben kann, aber nicht ständig muss. Das ist Metschli-Roth von Haus aus: «Ich suche das Rampenlicht nicht. Und bin mir bewusst, dass mich fehlende Sichtbarkeit bei einer neuerlichen Wahl den Kopf kosten könnte.»
Betroffene verstehen lernen
Ob seine demütige Art gar ein Erfolgsfaktor im Wahlkampf war? Die Antwort darauf kennt der Statthalter nicht. Was er weiss: «Ich konnte viel von meinen Kontrahenten lernen. Insbesondere, wie man über Themen diskutiert, über die man nicht gut Bescheid weiss.»
Denn: «Ich bin auch deshalb kein Politiker, weil ich sage, was ich denke, und denke, was ich sage.»
Mit jeder Sprosse, die er auf der Karriereleiter erklommen hat, hat Erkan Metschli-Roth etwas mehr über den Umgang mit Menschen gelernt. Menschen etwa, die sich vom Staat nicht wahrgenommen fühlen, Sorgen und Nöte mit sich herumtragen.
Menschen, die eben nicht nur aufs Amt kommen, um Dinge zu erledigen. Sondern, um mal Dampf abzulassen.

In seiner neuen Funktion ist das nicht anders: Auch wenn die Mehrheit der Kontakte friedlich verläuft, kommt es immer wieder vor, dass Betroffene – sei es etwa in einem Konflikt um das Besuchsrecht von Kindern – emotional geladen beim Bezirksrat anklopfen.
«Mein heutiger Umgang mit solchen Situationen ist das Resultat eines jahrelangen Entwicklungsprozesses», betont der Statthalter. Er ist überzeugt: «Nur wer seine eigenen Impulse im Griff hat, kann aufgebrachten Menschen helfen.»
Geschweige denn sicherzustellen, in brenzligen Situationen nicht zu überhitzen. «Mit 20, 30 oder sogar 40 Jahren haben mich solche Sachen emotional noch viel stärker tangiert, als sie es heute tun.»
Diversität in der DNA
Empathie für Menschen in schwierigen Situationen aufzubringen, scheint in seiner DNA zu liegen. Ebenso sein Bewusstsein für Diversität. Etwas, das er auch in sich selbst vereint: Metschli-Roth ist zweisprachig aufgewachsen und spricht bis heute Deutsch und Türkisch, ist gar vom Obergericht akkreditierter Dolmetscher und Übersetzer.
In der Schulzeit entsprach ich nicht dem prototypischen Ausländer. Das waren damals die Italiener.
Erkan Metschli-Roth
Statthalter des Bezirks Pfäffikon
Dabei könnte da noch eine weitere Sprache sein: Die griechischsprachigen Vorfahren seines Vaters sind aus Griechenland in die Türkei eingewandert. Später verschlug es Metschli-Roths Vater nach Deutschland und in den 1960er Jahren schliesslich ins Oberland.
Die Eingewanderten mussten sich schnell an eine neue – und ihnen fremde – Kultur und Sprache anpassen. «Daher kommt mein Interesse für Vielfalt und mein Bekenntnis dafür, dass diese eine Gesellschaft starkmacht», sagt Metschli-Roth, dessen erster Nachname ebenfalls ein Resultat dieser Anpassung ist.
Staat soll auf Augenhöhe sein
Als die neu gegründete Republik Türkei das Namensrecht der Schweiz übernahm, musste sich jede Familie einen Namen geben. Bisher hatte die Kultur keine Nachnamen gekannt.
Der Name des Statthalters ist der slawischen Bezeichnung für einen Militärsäbel – «Metsch» – entlehnt und hat trotz seines familiären Klangs keinen Schweizer Hintergrund.
Wegen seiner Herkunft wurde Metschli-Roth nie ausgegrenzt. «In der Schulzeit entsprach ich nicht dem prototypischen Ausländer. Das waren damals die Italiener», erinnert er sich.
«Ich habe mit denen auf dem Pausenplatz getschuttet und früh gemerkt, dass sie genau wie ich sind – und damit auch, wie willkürlich die Ausgrenzung ist, die sie erfahren.»
Die eigenen Erlebnisse und die seiner Vorfahren haben ihn kritisch gemacht gegenüber einem rigide auftretenden Staat. Der Staat, den Metschli-Roth im Kopf hat, für den er arbeitet und «jeden Tag gerne aufsteht», solle auf Augenhöhe mit seinen Bürgern sein.
Eine begrenzte Machtfülle
Er müsse sich mit Menschen aus allen Schichten an den Tisch setzen können. Auch mit jenen, die den Institutionen nicht unbedingt wohlgesinnt sind – oder den Staat sogar ablehnen.
«Wichtig ist, genau diese Menschen zu unterstützen und ihren Anliegen rechtsstaatlich zum Durchbruch zu verhelfen», sagt Metschli-Roth. Nur so könne man verhindern, dass Vorurteile – wie jenes vom Beamten, der wenig tut und locker sein Geld verdient – nicht bis alle Ewigkeit reproduziert werden.
Ebenso wichtig ist ihm zu betonen, dass die Machtfülle eines Statthalters begrenzt ist. «Viele Leute denken, wir könnten einen Gemeindepräsidenten mit einem Griff zum Telefon in den Senkel stellen.»
Ich nehme stets an, dass ein Mensch gute Absichten hat, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist.
Erkan Metschli-Roth
Statthalter des Bezirks Pfäffikon
Wenn Metschli-Roth ein Aufsichtsverfahren einleitet oder einen Strafbefehl erlässt, ist das «der blosse Vollzug von Regeln» – nicht mehr und nicht weniger. «Natürlich wäre es schöner, wenn das nicht nötig wäre, aber ich arbeite auch deshalb gerne hier, weil ich die Sinnhaftigkeit meiner Tätigkeit spüre.»
Es geht ihm nie darum, jemandem mit einer Busse zu zeigen, «wo Gott hockt», sondern um die Wahrung des Rechtsstaats. Des Statthalters Menschenbild ist denn auch relativ einfach erklärt: «Ich nehme stets an, dass ein Mensch gute Absichten hat, solange nicht das Gegenteil bewiesen ist.»
Herausforderung Waffenrecht
Doch es gibt auch Themen, die diese Sichtweise herausfordern: Etwa der Vollzug des Waffenrechts, der ebenfalls dem Statthalter obliegt.
«Hier muss ich an mir arbeiten, dass ich Waffen nicht per se als etwas Schlechtes, sondern einfach als etwas Neutrales ansehe», räumt Metschli-Roth ein. Einfach Politik zu betreiben und zu sagen, Waffen gehörten nur in die Hände von Soldaten und Polizisten, sei hier der falsche Ansatz.
Ob Ratsuchende, Behördenschreck, Staatsablehner oder Einsprecher: «Es braucht in einem Staat alle. Und von allen kann man etwas lernen», ist der Statthalter überzeugt.
Umgekehrt heisst das: «Alles Grosse und Edle ist einfacher Art.» Worte, die Metschli-Roth in seiner Schulzeit täglich als Inschrift am Schulhaus Mettlen angetroffen hat. Und Worte, nach denen er lebt.
Dass er selbst aus bildungsnahem Hause stammt und sich gerne entsprechendem Vokabular bedient, ändert nichts an diesem Grundwesen. «Ich mag komplex denken, war aber immer ein einfacher Mensch.»
