Wie das Wasser die Dorfgeschichte prägte
Historischer Rundgang in Turbenthal
Im industriellen Zeitalter war Wasser eine wichtige Ressource für die Entwicklung Turbenthals. Auf einer Tour entlang dem Gewerbekanal gab der Museumsverein Einblicke in dessen Geschichte.
Turbenthal ist kein Badeort. Dennoch spielte Wasser in der Ortsgeschichte eine wichtige Rolle. Insbesondere während des industriellen Zeitalters, also während der letzten beiden Jahrhunderte.
Am Sonntag zeigte der Museumsverein Turbenthal, wie dieses über ein ausgeklügeltes System Energie in die Betriebe der Gemeinde lieferte.
Fritz Fuhrimann, Präsident des Museumsvereins, und Christian Meier, verantwortlich für die Ortsgeschichte, haben tief in der Vergangenheit des Tössgewerbekanals, damals noch Mülibach genannt, gegraben.
Auf einer Tour, die vom Sticki-Areal den Kanal entlang führte, haben die beiden einem grossen Publikum Einblicke in ihre Erkenntnisse gegeben. Die Töss, so Fuhrimann, habe früher nach jedem Unwetter einen neuen Verlauf aufgewiesen.
Im frühen 19. Jahrhundert hat man begonnen, dies zu ändern. Um Wasser jedoch auch industriell zu nutzen, musste man beim Kanton eine Bewilligung zum Bau eines Gewerbekanals einholen.


Der Anfang dieses Kanals befand sich am Ort der heutigen Türenfabrik. Von da aus ging die Linienführung quer durch die Gemeinde hinunter bis nach Rämismühle, wo das Wasser zurück in die Töss floss.
Da das Gelände besonders im Ort Turbenthal für diesen Kanal sehr wenig Gefälle aufwies, war es schwierig, zur Unterstützung Wasser aus den Zuflüssen der Töss, wie zum Beispiel dem Chatzenbach, zu nutzen.
An zwei Stellen ist noch heute die Kreuzung des Kanals mit anderen Gewässern über einen sogenannten Aquädukt zu sehen.
Ohne Wasser keine Energie
Der Fabrikkanal brachte die Energie in die Turbenthaler Betriebe. Besondere Erwähnung wurde dem heutigen Wohnhaus am Mühleweg 1 zuteil. Hier befand sich im Jahr 1833 eine grosse Mühle. Noch heute geht der Kanal zum Teil unter dem Gebäude durch. Dort, wo jetzt die Terrasse über das Wasser ragt, drehte sich früher das Rad zum Betrieb der Mühle.
Fritz Fuhrimann und Christian Meier wussten zu vielen Stellen spannende Fakten zu erzählen. So zählte man zum Beispiel 1884 acht Wasserkraftbetreiber, darunter auch eine Brauerei. «Wer damals die Macht über das Wasser hatte, besass die Macht in Turbenthal», erklärte Fuhrimann.
Noch 1920 wurde die Gesellschaft der Wasserwerkbetreiber Turbenthal und Rämismühle gegründet. Mit der Elektrisierung im letzten Jahrhundert verminderte sich der Einfluss der Wasserkraft dann jedoch zusehends.
Im Jahr 1976 ordnete der Kanton die Schliessung des Turbenthaler Gewerbekanals an. Die Gemeinde, zusammen mit dem Denkmalschutz, wehrte sich aber mit Erfolg gegen diesen Entschluss und konnte die Zuschüttung des Systems verhindern. Über mehrere Jahre wurden Kanal und Schieber restauriert und in Schuss gebracht.
Ein seltenes Stück Zeitgeschichte
Direkt neben dem Sticki Kaffee, mitten über dem Kanal, steht ein altes Turbinenhäuschen, dessen Maschine noch funktionsfähig ist.
«Die Station», so Christian Meier, «kann nur noch durch Turbenthals ehemaligen Gemeindepräsidenten Ernst Hauser betrieben werden.» Die Turbine präsentiert sich in einem ausgezeichneten Zustand.
Hauser erzählte, wie Ende der Achtziger Jahre des letzten Jahrhunderts im Rahmen der 700-Jahr-Feier der Schweiz das Projekt «Töss 91» geplant worden war.
«Ich hatte das Glück, die Restaurierung dieser Station leiten zu dürfen», erklärte er. Man habe zwar gewusst, dass sich an dieser Stelle einmal eine Turbine befunden habe. Diese wurde aber erst durch Graben in jahrzehntealtem, betonhartem Material gefunden.
Zur Wiederherstellung schickte man die Teile an eine Spezialfirma nach Glarus und baute sie danach wieder ein. Ernst Hauser demonstrierte gleich, wie die Turbine funktioniert: Durch Drehen an einem Handrad läuft Wasser aus dem Kanal in das Turbinengehäuse. Sogleich setzt sich das Rad in Bewegung.
Unweigerlich kam während der Tour mehrmals die Frage auf, warum man sich die so gewonnene Energie nicht zunutze mache. «Es handelt sich hier um eine reine Schauturbine, die Zahnräder sind wie damals aus Holz. Die sind für den Dauerbetrieb nicht geeignet», entgegnete Hauser. Und wer könnte heute noch ein solches technisches Meisterwerk reparieren?
