«Ausländische Lehrkräfte sollten schneller zugelassen werden»
Ideen gegen den Lehrermangel
Schulen müssen weiter Ungelernte einstellen, weil Lehrpersonen fehlen. Wir haben uns vor Ort umgehört – und sind auf überraschende Lösungsansätze gestossen.
Der Mangel an Lehrpersonen an den Zürcher Schulen ist so hoch, dass Bildungsdirektorin Silvia Steiner den Notstand ausrufen musste. Neu dürfen die Schulleiterinnen und Schulleiter auch Personen ohne Lehrdiplom – sogenannte Poldis – einstellen.
Besonders prekär war die Situation im letzten Frühling, und dieses Jahr ist sie nur unwesentlich besser. An den Zürcher Volksschulen arbeiten gegen 20’000 Lehrpersonen, Heilpädagoginnen und Schulleiter. Bei Ablauf der Kündigungsfrist Ende März 2023 (Woche 19 vor Schulbeginn) waren bei der Bildungsdirektion für das neue Schuljahr 880 offene Stellen gemeldet, gegenwärtig (Woche 14) sind es immer noch 630 offene Stellen.
Silvia Steiner schätzt die Situation nach wie vor als sehr schwierig ein und hat deswegen den Notstand um ein Jahr verlängert. Die Bildungsdirektorin führt den Mangel in erster Linie auf das starke Wachstum der Schülerzahl zurück, dazu kommen überdurchschnittlich viele Flüchtlingskinder, welche einen besonders grossen Betreuungsaufwand erfordern. In den letzten Jahren mussten im Kanton wegen der steigenden Schülerzahlen jeweils über 100 neue Klassen eröffnet werden.
Mitte-Politikerin Steiner wünschte sich in den letzten Wochen und Monaten verschiedentlich, dass Lehrerinnen und Lehrer in grösseren Pensen arbeiten würden. Deshalb will sie das Mindestpensum von 35 auf 40 Prozent anheben.
Parallel dazu versucht sie den Lehrerberuf attraktiver zu machen. Sie will den Berufsauftrag der Lehrpersonen ändern und ihnen mehr Zeit fürs Unterrichten gewähren. Total würde dies Mehrkosten von 150 Millionen Franken verursachen.
Diese Zeitung hat sich an den Schulen selber umgehört und von Lehrpersonen und Schulleitenden teils überraschende Vorschläge erhalten, wie sie den Personalmangel an den Schulen bekämpfen würden.
Alessandro Fuso, Sekundarlehrer:
«Wenn die Schüler weniger Unterricht hätten, wäre das Problem behoben»

Alessandro Fuso ist 47-jährig und mit einem kurzen Unterbruch seit 2004 Sekundarlehrer in Oetwil am See. Er arbeitet dort als Klassenlehrer mit einem Pensum von 80 Prozent an einer 3. Sekundarklasse.
Im aktuellen Lehrpersonenmangel sieht Fuso eine Chance. Während Bildungspolitiker Lehrpersonen zu höheren Pensen drängen, um die Personalnot zu bekämpfen, denkt Fuso eher ans Gegenteil: an die Senkung der obligatorischen Präsenzzeit für die Jugendlichen. «Wenn sie zwei oder drei Stunden weniger Unterricht hätten pro Woche, wäre der Mangel auf einen Schlag behoben – und zwar kostenneutral.»
Späterer Schulbeginn
Als langjähriger Sekundarlehrer weiss Fuso, dass kürzere Lernzeiten bei den Jugendlichen «null Defizite» verursachen. Er ist davon überzeugt, dass es in der Schule genügend «tote Zeit» für eine Kürzung der Präsenz gibt.
Besonders unproduktiv ist gemäss Fuso die erste Lektion am Morgen: «Wenn ich um 7.30 Uhr in die müden Gesichter schaue, tun mir die Jugendlichen nur noch leid, und auch nach 15 Uhr ist nicht mehr viel los.»
Welche Fächer abgebaut werden sollten, ist für ihn nicht so relevant. Vielmehr fordert er, vom Fächerunterricht und vom 45-Minuten-Takt wegzukommen. «Wir müssen Schule anders denken», sagt Fuso.
Dabei schwebt ihm das Modell des selbst organisierten Lernens vor, das in der Sekundarschule Oetwil seit einigen Jahren erprobt wird. In dem Modell sind die Lehrerinnen und Lehrer mehr Helfer als Pauker, und die Schülerinnen und Schüler arbeiten an unterschiedlichen – teils selbst gewählten – Inhalten.
In Oetwil seien diese offenen Unterrichtsformen im Dorf bereits recht gut akzeptiert und auch erfolgreich. So hat aus dem Jahrgang, den Fuso und seine Lehrer-Kolleginnen begleiten, rund ein Viertel der Jugendlichen die Prüfung an die Berufsmittelschule oder ans Gymnasium bestanden.
Allrounder wären hilfreich
Einen Grund für den Personalmangel sieht Fuso auch in der Ausbildung, die stark auf Spezialisierung setze. Für die Sekundarschule gebe es heute unzählige Profile, die Studierende wählen können. Das mache es in der Praxis schwierig, ideale Teams zu bilden. Immer fehle irgendjemandem eine Unterrichtsberechtigung.
Fuso hat sein Lehrdiplom noch im Reallehrerseminar gemacht – eine der Vorgänger-Ausbildungsstätten der Pädagogischen Hochschule. Mit diesem Diplom darf er noch sämtliche Schulfächer unterrichten.
Die beste Massnahme gegen den Lehrpersonenmangel ist für Fuso aber, die Fluktuation tief zu halten. Damit eine Schule ihr Personal halten könne, müssten die Teams gut funktionieren und die Jugendlichen klassenübergreifend führen: «Wenn es den Lehrerinnen und Lehrern wohl ist, sind Schülerinnen und Eltern zufriedener, und es gibt weniger Kündigungen und Unruhe.»
Fuso hofft, dass er selber noch lange in seinem Team in Oetwil weiterarbeiten kann. Er habe Glück, weil sie sich stets gegenseitig helfen würden. «Wir teilen uns die Verantwortung und nehmen uns gegenseitig Arbeit ab. So macht der Alltag Spass.»
Marlen Müller, Primarlehrerin:
«Es geht zu viel Zeit für Nebenaufgaben verloren»

Marlen Müller ist 26-jährig und unterrichtet in ihrem vierten Berufsjahr eine 6. Klasse in Nürensdorf. Im Unterschied zu den meisten jungen Lehrerinnen hat sie eine Vollzeitstelle angenommen und arbeitet mit einem 100-Prozent-Pensum.
Dies hat Marlen Müller aus persönlichen Gründen so entschieden und nicht, weil sie einen Beitrag gegen den Personalmangel leisten will. «Ich habe die Pädagogische Hochschule gemacht, weil Lehrerin mein Traumberuf ist», sagt sie. Müller war in ihren Jugendjahren Pfadi- und Mädchenriegen-Leiterin. «Das hat mir Spass gemacht, und meine Freunde sagten immer zu mir: Du wirst ganz bestimmt Lehrerin.»
Zu hohe Ansprüche an sich selbst
Marlen Müllers Freunde hatten recht. Nun hat die junge Frau aber gemerkt: Lehrerin sein ist anstrengend. Es ist ein Beruf, in dem man nie fertig ist, vor allem wenn eine Lehrerin hohe Ansprüche an sich selber habe, wie das Marlen Müller von sich sagt.
Nach dem Unterricht finde sie immer etwas, was sie noch besser machen könnte: «Ich war schon ziemlich am Anschlag deswegen», sagt Müller. Darum habe sie sich vorgenommen, sich besser abzugrenzen. Ihr Motto: Gut ist gut genug.
Müller hat viele Kolleginnen, welche ebenfalls damit kämpfen, den eigenen hohen Ansprüchen zu genügen. Viele würden deshalb mit kleinen Pensen arbeiten, um genug Energie im Job zu haben. Viele würden sich auch ein zweites berufliches Standbein aufbauen: «In unserer Generation können sich nur wenige vorstellen, ein Leben lang in der gleichen Funktion zu arbeiten.»
Hauptgrund für den Lehrpersonenmangel sind deshalb für Müller die Arbeitsbedingungen. Im Alltag gebe es zu wenig Zeit für das Vor- und Nachbereiten des Unterrichts, und zu viel Zeit gehe für Nebenaufgaben verloren, etwa für Administration und Absprachen: «Ich liebe zum Beispiel Klassenlager, nerve mich aber, wenn ich die Abrechnung erledigen muss.»
Bürokram auslagern
Für den ganzen Bürokram wünscht sich Müller Unterstützung. Solche Aufgaben müsse eine Lehrperson auslagern können, damit sie sich auf ihre Kernaufgabe konzentrieren könne. Wenn dies nicht möglich sei, müsse den Lehrpersonen zusätzliche Zeit für Nebenaufgaben gewährt werden.
Die junge Lehrerin versteht, dass beim gegenwärtigen Mangel auch nicht diplomierte Personen eingestellt werden, aber: «Das muss eine Notlösung bleiben.» Die Poldis (Personen ohne Lehrdiplom) seien für die ausgebildeten Lehrerinnen ein Mehraufwand, weil «wir sie unterstützen müssen».
Auch die Pädagogische Hochschule könnte in den Augen von Müller mehr tun. Sie schlägt ein neues Teilzeitstudium vor, welches den Studierenden ermöglicht, nebenher noch ihren Lebensunterhalt zu verdienen.
Die Freude am Beruf hat Marlen Müller durch die schwierigen Umstände nicht verloren, gleichwohl will sie sich weiterentwickeln und plant eine Weiterbildung. Sie kann sich auch vorstellen, später auf einer anderen Stufe zu unterrichten, da jede Altersgruppe eigene Herausforderungen mit sich bringt. Müller denkt für sich dabei vor allem an die Sekundarschule.
Mariola Gruchala-Renevey, Kindergärtnerin:
«Sie sollten ausländische Lehrerinnen schneller zulassen»

Mariola Gruchala-Renevey ist 41-jährig und führt in Uster eine Kindergartenklasse mit 19 Kindern in einem 75-Prozent-Pensum. In ihrem Schulzimmer fällt Tierärztin Frau Doktor Mahlangu auf. Sie hat eine Löwenmähne und eine Dächlikappe. Die Stoffpuppe begleitet die Kinder in den nächsten Wochen, denn es geht um Afrika und viele wilde Tiere.
Mariola Gruchala-Renevey ist keine gewöhnliche Kindergärtnerin. Sie musste lange bangen, bis sie arbeiten durfte. Sie ist aus Polen, wo sie ihre Ausbildungen gemacht hat, unter anderem einen Pädagogik-Master an der Universität Danzig.
Nach ihrem Kampf um Anerkennung der Diplome in der Schweiz ist die Kindergärtnerin überzeugt: «Die Behörden könnten den Personalmangel entschärfen, wenn sie ausländische Lehrerinnen schneller zulassen würden.» In ihrem Fall dauerte dies vier Jahre.
Mit Sonderbewilligung arbeiten
Gruchala-Renevey liess ihre Abschlüsse in Polen notariell beglaubigen und schickte sie 2017 nach Bern an die Erziehungsdirektoren-Konferenz (EDK), die zuständig ist für die Prüfung von ausländischen Lehrdiplomen. Nach langem Hin und Her anerkannte die EDK ihre Abschlüsse.
Unterrichten durfte sie gleichwohl nicht. Es fehlte der nötige Sprachtest, und zwar auf dem höchsten Level C2. Darum blieb ihr nichts anderes übrig, als weiter stundenweise als Klassenassistentin zu arbeiten und Deutsch zu büffeln. «Wenn mich mein Partner nicht unterstützt hätte, ich hätte aufgegeben», sagt sie. Immerhin schon vor Abschluss der Deutschkurse bekam sie eine Sonderbewilligung, mit der sie provisorisch als Kindergärtnerin angestellt werden durfte.
2021 bestand Mariola Gruchala-Renevey den Sprachtest und hat nun die offizielle Zulassung. In Oberuster gefällt es ihr gut. Die Schulleiterin rede ihr nicht drein und lasse sie machen. Sie bekomme Anerkennung von den Eltern und von den Kindern. «Ich fühle mich im Kindergarten wie in einer grossen Familie», sagt sie.
Zu negativ und zu defizitorientiert
Und warum gibt es nicht genügend Personal in diesem schönen Beruf? Es gelinge zu wenig, Personen aus anderen Berufen zu gewinnen. «Man müsste die positiven Seiten mehr herausheben», findet sie. Leider sei eher das Gegenteil der Fall, viele Lehrpersonen klagten über schwierige Kinder, Eltern oder Administration.
Gruchala-Renevey findet die Schule auch zu defizitorientiert. «Ich bin selber schon in diesem Modus.» Wenn ein Kind etwas undeutlich spreche, lasse sie es abklären. So bestehe die Gefahr, dass unnötig therapiert und das Selbstwertgefühl der Kinder beeinträchtigt werde.
Darum schlägt Gruchala-Renevey vor, mehr die Stärken der Kinder zu fördern, statt auf ihren Schwächen herumzureiten: «Dann braucht es weniger sonderpädagogisches Personal.» Und was in ihren Augen ebenfalls helfen könnte, die Leute im Beruf zu halten: ein höheres Jahresbudget: «Heute kann ich kaum Material kaufen, um ein Thema im Kindergarten abzuhandeln.»
Trotzdem sieht die Kindergärtnerin aus Polen ihre Zukunft «unbedingt» in der Schweizer Schule, vielleicht versucht sie es einmal mit grösseren Kindern. Das darf sie, denn ihre Diplome sind in der ganzen Primarschule gültig.
Sibylle Fuchs, Schulleiterin:
«Eine 58-jährige Frau will keine lange Ausbildung mehr beginnen»

Sibylle Fuchs ist 60-jährig und hat fast ihr ganzes Berufsleben in Zürich-Nord verbracht, zuerst als Primarlehrerin, dann als Schulleiterin in Schwamendingen. Seit 13 Jahren arbeitet sie in Opfikon und hat dort die Schuleinheit Oberhausen aufgebaut.
Lehrerüberfluss hat sie hier nie erlebt, aber die offenen Stellen konnte sie stets besetzen, obwohl in ihrer Schuleinheit teils bis zu vier neue Klassen pro Jahr eröffnet werden mussten. Im Schulhaus Oberhausen, einer provisorischen Container-Schule direkt in der Anflugschneise, setzte Fuchs von Anfang an auf altersdurchmischtes Lernen und Integration.
Abgang der Babyboomer unterschätzt
Das kam vor allem bei jungen Lehrkräften gut an. Und wenn sie da waren, überzeugten diese häufig Bekannte aus der Studienzeit von einem Wechsel nach Opfikon. «Vor fünf Jahren spitzte sich die Lage zu», erinnert sich Fuchs, und vor drei Jahren sei es vorbei gewesen mit Bewerbungen. «Wir fanden kaum mehr Vikare für Kurzeinsätze.»
Natürlich habe Corona den Personalmangel verschärft, aber überraschend sei er nicht gekommen. «Es war absehbar, dass die Babyboomer, die häufig in grossen Pensen arbeiten, in Pension gehen.»
Die Pädagogische Hochschule (PH) habe zwar mehr Studierende angezogen, doch sie habe auch einen «genialen Ausbildungsgang» für Quereinsteigende gestrichen. Dabei konnten sich zwei Personen eine Lehrerstelle teilen und parallel die Ausbildung machen. «Dies hat ihnen ein adäquates Einkommen während des Studiums garantiert.»
Wie andere Schulleiterinnen musste auch Sibylle Fuchs im letzten Jahr drei Personen ohne Lehrdiplom (Poldis) einstellen. Es waren drei Frauen, die zuvor als Klassenassistentinnen gearbeitet hatten. Eine war Mitte 40, eine 58 und eine 61.
Poldis nicht vergraulen
Sibylle Fuchs ist des Lobes voll: «Unsere drei Poldis machen einen Superjob.» Doch jetzt muss eine von ihnen die Schule bereits wieder verlassen. Länger als ein Jahr dürfen Poldis nur bleiben, wenn sie eine Lehrerausbildung beginnen oder eine Sondergenehmigung bekommen.
Fuchs ist darüber enttäuscht: «Es ist widersinnig, solche Leute gehen zu lassen.» Die Bildungsdirektion sei da zu wenig flexibel: «Eine 58-jährige Frau will keine lange Ausbildung mehr beginnen.» So vergebe man die Chance, talentierte Quereinsteigende längerfristig für die Schule zu gewinnen.
Es brauche jetzt einen verkürzten Lehrgang für Quereinsteigende mit Schul- und Lebenserfahrung, glaubt Fuchs. Eine 50-jährige Person in eine mehrjährige Ausbildung zu stecken, wie sie Maturabgänger machen müssten, sei kein Zukunftsmodell.
Wie es in Opfikon weitergeht, wird Sibylle Fuchs nicht mitbestimmen, sie hat ihre Stelle gekündigt. Grund: Die Schule Oberhausen zieht ins neue Schulhaus Glattpark. «Ich bin zu stark in unserem wunderbaren Schulhaus verwurzelt und will beim Umzug kein Bremsklotz sein», sagt sie. Darum macht sich Fuchs selbstständig und wird Coach für Lehrpersonen, Schulleitende und Eltern. Und vielleicht versucht sie sich später auch nochmals als Lehrerin, wenn sie etwas Abstand gewonnen hat.
