Gefährliche Zeit für Rehkitze naht
Leben retten dank Drohnen
Tausende von Rehkitzen finden jedes Jahr den Tod durch Mähmaschinen. Immer mehr Landwirte setzen darum auf die Zusammenarbeit mit Jägern und Drohnenpiloten.
3033 Rehkitze konnten im letzten Jahr schweizweit vor dem Tod durch Mähmaschinen gerettet werden – dank dem Einsatz von Drohnen. Die Anzahl geretteter Tiere steigt seit Jahren stark an, wie auf der Website des Vereins Rehkitzrettung Schweiz zu lesen ist. Trotzdem sterben immer noch unzählige Jungtiere qualvoll während der Mahd, wie das Mähen in der Fachsprache genannt wird.
Die Rehgeissen setzen von Ende April bis Anfang Juli ihre ein oder zwei Kitze ins hohe Gras, wo sie gut getarnt vor Fressfeinden sicher sind, und besuchen sie mehrmals täglich zum Säugen. Der angeborene Drückinstinkt veranlasst die Rehkitze, sich bei Gefahr ganz still zu verhalten und an den Boden zu pressen.
Nach zwei bis drei Lebenswochen verliert sich dieser Instinkt. Dennoch verlassen sich die Rehkitze immer noch auf ihre gute Tarnung und springen erst auf, wenn die Gefahr auf wenige Meter herangekommen ist. Zu spät also, um sich vor einer schnell nahenden Mähmaschine in Sicherheit zu bringen.
Trotz dem zunehmenden Einsatz von Drohnen geht der Verein Rehkitzrettung Schweiz von mehreren tausend Tieren aus, für die nach wie vor jede Hilfe zu spät kommt.
Vorbereitungen für Einsätze laufen
Um die Zahl geretteter Tiere weiter in die Höhe zu treiben, ist auch Stephan Wälti regelmässig im Einsatz. Der Jagdaufseher für das Jagdrevier Kyburg, das sich bis Kollbrunn erstreckt, war in dieser Saison zwar noch bei keinem «Ernstfall» im Einsatz, trotzdem ist er bereits in Kontakt mit den Bauern, die ihre Felder bald kontrollieren lassen wollen.

«Das Gras ist mittlerweile sehr hoch, doch das Wetter machte es den Landwirten bisher schwer, dieses zu schneiden», sagt Wälti. Darum ist er jetzt an den Vorbereitungen für den Tag, wenn das Wetter wieder schöner wird. «Dann wollen alle Bauern gleichzeitig mähen, was zu einer heiklen Situation führt.»
Kurzfristiges Aufgebot
Denn im Jagdrevier Kyburg ist jeweils nur ein freiwilliger Drohnenpilot zusammen mit den Jägern im Einsatz, der nicht überall gleichzeitig sein kann. «Zudem erhalten wir wetterbedingt immer erst sehr kurzfristig die Meldung von Bauern, dass sie nun mähen wollen», sagt der Jagdaufseher. «Manchmal sagen sie am Abend zuvor, dass sie am Morgen mähen, manchmal aber auch am Nachmittag, dass die Mahd noch am selben Abend vorgesehen ist.»
Die Kitze können nur per Wärmebildkamera geortet werden, da sie sich unter dem Gras verstecken. Und dafür muss die Umgebung kühler sein als die Tiere. «Wir haben uns auch schon eine Viertelstunde lang an einen Stein herangeschlichen, der während des Tages von der Sonne aufgewärmt worden war.»



Findet der Jagdaufseher ein Jungtier, trägt er es entweder an den Rand des Felds, indem er es gut in einige Büschel Gras einpackt, sodass es keinen Menschengeruch annimmt. Oder er stülpt eine Kiste darüber, die dann deutlich markiert wird, damit der Bauer um das Tier herummähen kann.
Es ist erst das dritte Jahr, in dem in Kyburg eine Drohne zum Einsatz kommt. Bisher hatte man rund um die Felder Stangen mit Säcken und Tüchern angebracht, welche die Rehgeissen verwirren und somit fernhalten sollen. Eine Methode, die nach wie vor zum Einsatz kommt, wenn der Drohnenpilot an zu vielen Orten gleichzeitig gebraucht wird.
Aufwand minimiert
«Durch den Einsatz der Drohnen ist der Aufwand für die Rettungsaktionen massiv geschrumpft», sagt Stephan Wälti. «Die Stangen an den Feldern auf- und wieder abzubauen, hatte mehr Zeit in Anspruch genommen als das Suchen mit der Drohne.»
Noch machen aber nicht allzu viele Bauern vom Angebot Gebrauch. «Obwohl es manchmal zeitlich eng wird – wir wären froh, wenn sich noch mehr bei uns melden würden.»
Die gängige Methode
Die BFH-HAFL-Rehkitzrettungsmethode zur Rettung von Rehkitzen wurde an der Berner Fachhochschule, der Hochschule für Agrar-, Forst- und Lebensmittelwissenschaften, entwickelt.
Dabei fliegt die über einen Autopiloten gesteuerte Drohne die zu mähenden Wiesen mit 20 km/h ab und nimmt einen Thermalfilm auf. Die Flughöhe beträgt normalerweise 50 Meter. Die Bilder werden live auf einen Bildschirm am Boden übertragen, wo die Kitze aufgrund ihrer Körpertemperatur als helle Flecken in der dunklen Wiese erscheinen.
Gleichzeitig wird die Position gespeichert. Das Fluggerät setzt dabei aber unbeirrt seinen Flug fort. Erst wenn das ganze Feld abgesucht ist, wird die Drohne zu den zuvor gespeicherten Positionen geschickt.

Die Rehkitze werden mit einer Kiste auf der Wiese gesichert. Diese wird mit Gras beschattet, mit einem Stein beschwert und mit einem mobilen Zaunpfahl in der hohen Wiese markiert. Den Landwirten ist es freigestellt, das Rehkitz an den Waldrand zu tragen oder drum herum zu mähen. Nach getaner Arbeit entfernen sie die Kiste. Rehkitz und Mutter finden durch Rufe wieder zueinander. (Quelle: Rehkitzrettung Schweiz)
