Auf Lehrerinnenfang mit Argumenten – und Schoggi
Schulen werben an Messe in Kemptthal
Noch sind 650 Stellen an den Zürcher Volksschulen offen. Im «Valley» in Kemptthal haben sich am Mittwoch an der ersten Stellenmesse 55 Schulen im Buhlen um die begehrten Pädagoginnen im besten Licht gezeigt.
Der Andrang ist zeitweise sehr gross im «Valley». In einem Gebäude auf dem ehemaligen Maggi-Areal buhlen Zürcher Schulen an 55 Ständen um die Gunst der begehrten Lehrerinnen und Lehrer. 340 Stellensuchende sehen sich in den vier Stunden um.
Würden sie alle irgendwo einen Platz finden, könnte der grössere Teil der noch offenen Angebote gedeckt werden. So sind aktuell 650 Stellen an den Zürcher Volksschulen mit Blick aufs nächste Schuljahr noch nicht besetzt. «Die grössten Lücken gibt es auf der Primarstufe, aber auch bei den Kindergärten gibt es noch manche offene Stelle», meint Matthias Weisenhorn, der im Volksschulamt fürs Lehrpersonal zuständig ist.
100 Klassen mehr
«Wir sind gegenüber dem Vorjahr zum gleichen Zeitpunkt etwas besser unterwegs», ergänzt Amtschefin Myriam Ziegler. Und dies wohlgemerkt bei rund 100 Klassen mehr als im noch laufenden Schuljahr. «Und bei dieser Rechnung sind die zusätzlichen Kinder aus der Ukraine noch nicht einmal mitgerechnet.»
Die Situation sei sicher etwas dadurch entschärft worden, dass mit einer Ausnahmeregelung nun auch Lehrerinnen und Lehrer ohne Diplom angestellt werden könnten. Diese Möglichkeit findet im nächsten Schuljahr eine Fortsetzung.
Kein Diplom, aber Interesse
Wenn der Lehrermangel nun offenbar kleiner ist als auch schon, wieso braucht es dann eine solche Stellenmesse, die erste ihrer Art? «Ich habe schon Anfang März gemerkt, dass das Feld an Kandidatinnen und Kandidaten für eine Lehrstelle dieses Jahr kleiner ist», antwortet Angela Jetter, die die Idee zu dieser Stellenbörse gehabt hat.
Mit ihrer 2019 in Winterthur gegründeten Firma hat es sich Jetter zur Aufgabe gemacht, ein Vikariatsnetzwerk aufzubauen. Seither hat sie schon zahlreichen Schulen mit Aushilfskräften aus der Patsche helfen können. Und sie hat gemerkt, dass es nicht nur an Stellvertretungen fehlt, sondern eben auch an Festangestellten.
Gerade im Bereich der Lehrpersonen ohne Diplom bestehe «bei Interessenten ein riesiger Informationsbedarf». Aber auch für die Schulen sei es sehr schwierig, wie sie mit solchen Leuten umgehen müssten.
Viele «Datings»
So hat sie für diese erste Stellenmesse den Verband Zürcher Schulpräsidien und das Volksschulamt mit ins Boot geholt, damit diese vor Ort informieren können. Dieses Angebot wird im «Valley» rege genutzt. Für Interessentinnen – und solche sind es vor allem, Männer sind deutlich in der Unterzahl – hat sie blaue Armbändel bereitgelegt. Diese sollen anzeigen, dass man auf der Suche nach einem «Dating» ist. Bis am Abend sind fast alle dieser Bändel weg.
Aufgrund ihrer Arbeit weiss Jetter, dass die allermeisten Absolventinnen der Pädagogischen Hochschulen sich in den beiden grossen Städten Zürich und Winterthur nach einer ersten Stelle umsehen. «Sie wollen in der Nähe zu ihrem Wohnort unterrichten und mit dem Velo zur Arbeit», erklärt sie diesen Umstand.
Ober- und Unterland auf der Suche
Entsprechend haben vor allem Gemeinden in der Agglomeration und auf dem Land noch Stellen offen. «Hier an der Messe präsentieren sich denn auch vor allem Schulen aus dem Ober- und Unterland», hält Jetter fest.
Und diese nutzen die Gelegenheit, sich in kurzer Zeit den Besucherinnen und Besuchern vorzustellen und Kontakte zu knüpfen, in der Hoffnung, dass sich daraus eine längere und engere Beziehung ergeben könnte. «Wir haben schon Kontakte gehabt. Es ist schön, dass so viele Leute hier sind», freut sich Eliane Zwimpfer eine gute Stunde nach Eröffnung der Messe. Sie ist Schulleiterin in Wald, wo zurzeit noch sieben Stellen offen sind.
Süsses als Lockstoff
Bei einer solchen Veranstaltung geht es darum, sich möglichst gut zu verkaufen und vor allem die vorgehenden Damen und Herren ans kleine Stehtischchen für ein erstes Gespräch zu ziehen. Als Lockstoff dienen Plakate, kurze Präsentationen am Laptop und vor allem Schoggi und Zältli. Kaum ein Stand, an dem nicht etwas Süsses angeboten wird und es etwas Kleines mitzunehmen gibt.
«Wir lieben Kinderarbeit.» Mit diesem Slogan sorgt die Primarschule Stadel, die auch mit ihrem aktiven Werben an der Pädagogischen Hochschule besondere Wege geht, für einen Hingucker. Verstärkt wird dieser durch die riesigen Farbstifte, die auf die kleine Schule aufmerksam machen.
Die Bewerberinnen überzeugen wollen die Schulvertreter aber vor allem mit Argumenten. Zwimpfer unterstreicht etwa den sehr innovativen Zug, den es in der Schule Wald gebe. «Wir möchten hier Leute finden, die ins Team passen.»
Blick über Kantonsgrenze
«Wir merken, dass wir für Zürcher am Rande des Kantons nicht so interessant sind», erklärt Sereina Kühne, jetzt Lehrerin, ab Sommer auch Schulleiterin in Wald. Dank guter Verkehrsverbindungen würden bei ihnen dagegen St. Galler, Schwyzer, aber auch Bündner anklopfen.
Eine, die bei den Waldern vorbeischaut, ist Yvonne Bieri. Sie ist jetzt als Mittelstufenlehrerin tätig. Da ihr dies gefällt, ist für sie bei der Suche nach einer anderen Stelle das jeweilige Profil wichtig, also, welche Fächer sie erteilen könnte. Auch der Stellenumfang spielt eine Rolle – und die Lage. Nähe zum Wohnort sei zwar gut, stehe aber nicht so weit vorne bei ihren Kriterien.
Transparenz in Illnau-Effretikon
Am anderen Ende des Oberlands leitet Stefan Fretz eine Schule im Eselriet in Illnau-Effretikon. Er will neue Lehrkräfte vor allem mit der grossen Transparenz überzeugen, die an den fünf Schulen der Stadt mit ihren 1800 Kindern herrsche. «Wir wollen ehrlich sein», unterstreicht er. Dies zeige sich etwa darin, dass sie Interessenten überall Einblick gewähren würden.
Noch sind 14 Stellen offen, vor allem in der Logopädie und im sonderpädagogischen Bereich. Der Umstand, dass sie eine Schule mit besonders vielen fremdsprachigen Kindern sind, wirke sich bei der Lehrersuche nicht negativ aus. Vielmehr könne das gerade auch anziehend auf Lehrkräfte mit Migrationshintergrund sein.
Viele Ausländerinnen
Tatsächlich sind unter den Interessentinnen auffallend viele Ausländerinnen und Fremdsprachige. Einige von ihnen verfügen zwar über Unterrichtserfahrung, haben aber kein hier anerkanntes Diplom.
Mehap Alp etwa sucht eine Anstellung als Fachperson für Mathematik. Für die aus der Türkei stammende Frau, die in Frauenfeld wohnt, ist bei der Suche nach der «richtigen» Schule wichtig, dass diese sie auch unterstützen kann und sie den Stundenplan nach ihrem Bedarf zusammenstellen könne. Bei der Wahl, ob sie im Kanton Zürich oder im Thurgau arbeite, spiele natürlich auch der Lohn eine Rolle – «und die Klassengrösse». 19 Kinder findet sie schon ein bisschen viel.
Messe-Organisatorin Angela Jetter glaubt, dass es dank dieser Stellenbörse zu Anstellungen kommt. Die Rückmeldungen seien jedenfalls gut. «Ich bin sehr zufrieden.» Gerade auch der Grossaufmarsch von Stellensuchenden habe sie positiv überrascht.
Und schliesslich sei es wichtig, dass sich die hier präsenten Schulen gegenseitig inspiriert hätten. Ein Punkt, den auch die Walderin Sereina Kühne unterstreicht. «Wir haben uns jedenfalls an den anderen Ständen umgesehen und Ideen geholt.»