Ein Bogenfuchs zu werden, ist Glückssache
Volketswiler Verein will klein bleiben
Die Volketswiler Bogenfüchse müssen sich um Nachwuchs keine Sorgen machen. Der Bogensportverein wehrt sich gar aktiv gegen eine Vergrösserung des «Rudels».
Neben der brachial anmutenden Industrieansiedlung entlang der Volketswiler Hardstrasse fällt das grazile Gelände eines Vereins unmittelbar daneben kaum auf. Versteckt hinter einem mannshohen Zaun und vielen Bäumen ist das Revier der Bogenfüchse.
Auf dem Areal stehen ein paar Mitglieder um eine Grillstelle, alle tragen einen mit Pfeilen bestückten Köcher um die Hüfte. Ein Rest von Zweifel, dass hier ein Bogensportverein haust, sollte also spätestens jetzt verflogen sein.








Auf dem mit Bäumen, Sträuchern und Wiesen durchzogenen Gelände sind mehrere Zielscheiben aufgebaut und Dutzende Tierfiguren: ein Luchs, der gerade eine Beute reisst, eine Wildkatze an einem Baum oder ein Biber, der den Stinkefinger zeigt.
Die Leute fragen auch nach einer Warteliste, doch eine solche führe ich nicht.
Ezgi Altun, Präsidentin Verein Bogenfüchse
Eine ältere Dame schiesst ein paarmal auf einen Frosch, der wenige Meter von ihr entfernt aufgebaut ist, und danach noch auf eine weiter entfernte Eule. Sie verfehlt keines der Ziele.
50 – nicht mehr!
Eine jüngere «Bogenfähe», wie sich die weiblichen Mitglieder nennen, ist Präsidentin Ezgi Altun. Sie und ihr Verein haben ein Problem, um welches sie von anderen beneidet werden. Das Interesse, zu den Bogenfüchsen zu gehören, ist offenbar riesig.
Zu gross für den Geschmack des kleinen Vereins. Auf seiner Internetseite liest man deshalb fett und in roter Schrift: «Wir nehmen aktuell keine neuen Mitglieder auf!»
Vor diesem Hinweis musste Altun mehrmals pro Woche Anfragen mit einer Begründung ablehnen. Der Verein wolle weiterhin seinen «familiären Charakter» behalten und halte deshalb am Mitgliederkontingent von etwa 50 Personen fest, sagt sie. «Die Leute fragen auch nach einer Warteliste, doch eine solche führe ich nicht. Die wäre schon ellenlang.» Nur für die sporadischen Abgänge könnten Neue nachrücken. Das komme aber nur unregelmässig vor.
Hollywood trägt Mitschuld
Wie erklärt sich Altun diese Popularität? «Viele kennen das Bogenschiessen aus ihrer Kindheit. Egal, wie alt oder fit man ist, jeder kann es erlernen.» Mentale Stärke und innere Ruhe seien entscheidend – die körperliche Statur zweitrangig.
Für einige sind aber auch Hollywood-Produktionen wie etwa «Die Tribute von Panem» oder «Avenger» inspirierend, in denen die Heldin und der Held einen Bogen führen. Altun sagt es so: «Manch einer wurde bestimmt auch durch einen heroischen Buch- oder Filmhelden auf den Geschmack gebracht.»
Ich repariere gerade einen Schwan aus Schaumstoff.
Hansueli Lüssi, Vereinsmitglied
Ein weiteres Phänomen war die Pandemie. «Da der Sport draussen ausgeübt wird, hatten wir während der Corona-Zeit mehr Anfragen.»
Beim Stichwort «draussen» drängt sich die Frage auf, was denn die Bogenfüchse bei schlechtem Wetter machen. «Fressen und saufen», sagt ein Mitglied beim Vorbeilaufen. Natürlich scherzt er, aber locker drauf sind die Mitglieder allemal. Dabei ist heute neben Spass auch Schuften angesagt. Das Gelände muss nach der Winterpause auf Vordermann gebracht werden: Sträucher entfernen, Äste beiseiteschaffen und neue Ziele befestigen.
Disziplin beim Schuss
Nach getaner Arbeit sitzen sie gemeinsam an Tischen, stehen hin und wieder auf, um in kleinen Grüppchen ihre Bögen zu spannen und Pfeile auf die Ziele zu schiessen. Beim Schiessen sind alle diszipliniert. In einer Reihe stehen sie hinter einer markierten Linie. Erst wenn alle mit dem Schiessen fertig sind, sammeln sie gemeinsam die Pfeile ein.
«Einen Schiessunfall hat es bei uns noch nie gegeben.» Das sagt Hansueli Lüssi. Er muss es wissen: Als Gründungsmitglied der Bogenfüchse und ehemaliger Präsident ist er von Anfang an dabei. «30 Jahre schiesse ich schon.»
Die Neuen können ja hier nicht wie ein Haufen Hühner herumrennen.
Dirk Möller, Trainer und Vereinsmitglied
Aber Lüssi schiesst nicht nur, er verarztet auch: So übernimmt er die Pflege der zerschossenen Tiere. «Ich repariere gerade einen Schwan aus Schaumstoff.» Ein Krokodil, das in einer Senke aufgebaut ist, hat er selber gebaut. «Als Pensionierter habe ich Zeit dafür.»
Trainer auch für Talentfreie
Dass Lüssi die Arbeit nicht ausgeht, dafür sorgt Dirk Möller. Als Trainer hat er zumindest den neueren Mitgliedern das Schiessen beigebracht und bietet auch Nichtmitgliedern einen Grundkurs an. «Ein bisschen Einführung muss sein. Die Neuen können ja hier nicht wie ein Haufen Hühner herumrennen», sagt er. Einer der häufigsten Fehler von Anfängern sei, dass sie zu hoch zielten.
Möller hat in seinen Trainings schon alles gesehen: «Es gibt solche, die nach wenigen Minuten gut schiessen. Andere wiederum treffen eine wenige Meter entfernte Scheibe auch nach drei Stunden nicht.»

Dirk Möller macht auch bei Bogenschiesswettkämpfen mit. Eine Handvoll Bogenfüchse tun es ihm gleich, doch für das Gros des Vereins steht der Spass im Vordergrund. «Bei uns im Verein wird die Kameradschaft gepflegt, egal, ob beim Verbessern der Schiessfertigkeiten oder beim gemütlichen Beisammensein», erklärt der 46-Jährige.
Glückssache Vereinsmitglied
Wer sich mit dem Absolvieren von Möllers Grundkurs ein Hintertürchen zum auserlesenen Kreis der Schützinnen und Schützen erhofft, wird enttäuscht. «Die Teilnahme am Kurs beinhaltet keine Mitgliedschaft im Verein der Bogenfüchse Volketswil», steht auf der Internetseite geschrieben – wiederum in fetter roter Schrift.
Vereinspräsidentin Ezgi Altun hat für die seltenen Fälle eines Mitgliederabgangs klare Vorstellungen. «Wir suchen Leute, die sich für den Verein engagieren.» Altun gibt aber zu: «Es ist Glückssache, ob wir grad Platz im Verein haben oder nicht.»
