Wenn aus einem Industriedenkmal ein Wohnblock wird
Neues Kapitel für alte Spinnerei
Für die denkmalgeschützte Spinnerei in Kollbrunn bricht ein neues Zeitalter an. Eine Zürcher Immobilienfirma baut hier 35 Eigentumswohnungen. Ein Einblick in eine Baustelle der besonderen Art.
Die ehemalige Spinnerei Bühler in Kollbrunn ist nicht nur eine alte Fabrik. Sie ist zugleich Wahrzeichen und markante Zeitzeugin der industriellen Revolution im Tösstal.
Nach langen Jahren des Stillstands kehrt allmählich wieder Leben in die Gemäuer aus dem 19. Jahrhundert ein. Ein riesiger Kran ragt vor dem Gebäude in die Höhe. Und macht deutlich: Hier wird gebaut.
Wo früher die Spinnräder drehten, sollen nämlich bald Menschen wohnen. 35 Eigentumswohnungen und Lofts realisiert die Zürcher Immobilienfirma Swiss Property AG in der alten Spinnerei. Die Schlüsselübergaben sind für Anfang 2024 geplant.
Manuel Vogler, Head of Design, und Architekt Roger Biscioni empfangen zwischen Spinnereigebäude und Showroom. Dieser ist in einer Halle neben der Baustelle untergebracht. «Hereinspaziert in Ihr neues Zuhause», so wirbt ein Slogan am Eingang.
Kollbrunn als Glücksgriff
Einige Meter daneben ist das, was vom Traum der Wohnungen bereits sichtbar ist. Von aussen: noch nicht viel. An der Fassade des historischen Fabrikgebäudes stehen Gerüste, Baustellencontainer säumen den Vorplatz. Wenig deutet darauf hin, dass die Fertigstellung immer näher rückt.
Wer hinter die Baustellenzäune tritt, darf dies nur mit Helm tun. «Weil wir uns im Schwenkbereich des Krans befinden», erklärt Vogler. Aus dem ersten Stock der ehemaligen Spinnerei dröhnt Baulärm. Etage um Etage, die man die wackligen Treppen weiter nach oben steigt, werden die Vibrationen ein wenig leiser.










2020 hat die Zürcher Immobilienfirma das Areal vom Unternehmer Adrian Gasser gekauft. Dem Kauf vorausgegangen waren längere Verhandlungen mit dem vorherigen Besitzer. Doch weshalb investiert eine Zürcher Immobilienfirma ausgerechnet in Kollbrunn? Manuel Vogler verrät: «Wir suchen das ganze Jahr über nach Grundstücken, die man entwickeln könnte.» Areale wie jenes in Kollbrunn zu finden, sei selten und ein Glücksfall.
Einmal fündig geworden, sei es nicht nur die Ortschaft, die den Unterschied ausmache. «Es hätte auch ein Objekt weiter nördlich oder südlich sein können.» Entscheidender sei etwa die ÖV-Anbindung. Hier punktet die Spinnerei in Kollbrunn – vom Bahnhof trennt sie nur ein fünfminütiger Fussmarsch. Als wichtig erachtet Vogler auch die Nähe zum Naherholungsgebiet mit der Töss und den Wäldern.
Herausforderung Denkmalschutz
Ein weiterer Pluspunkt: «Wir schenken einem alten Gebäude ein zweites Leben, können also den ganzen Rohbau übernehmen. Dadurch sparen wir enorm viel Beton und CO2-Emissionen ein.»
In den oberen Stockwerken ist es menschenleer: nackte Holzträger, weisser Verputz, dahinter ein Gemäuer aus Bruchsteinen. «Die Decken und Wände waren vollständig in Gips gekleidet», sagt Vogler. Bevor sie neu verputzt werden konnten, mussten sie in den ursprünglichen Zustand versetzt werden.
Die «Hülle» des Spinnereigebäudes ist nämlich, genau wie die Holzkonstruktionen und der Dachstuhl, strikte denkmalgeschützt: Am Aussehen darf sich nichts ändern.
«Für uns als Entwickler ist die Arbeit an geschützten Gebäuden sehr spannend», ist Vogler überzeugt. «Man muss gedanklich sehr nah dran sein. Es reicht nicht, nur vom Reissbrett aus zu planen.» Zudem seien viele Interessengruppen involviert, welche bei einem Neubau meistens keinen Einfluss hätten. «Wir sind überzeugt, mit dem Gebäude die Identität des Orts zu stärken.»
Wohnen am Wasser …
Auch aus architektonischer Sicht ist der Umbau der Spinnerei kein alltägliches Projekt. «Wir sind hier meilenweit von Standardbauen entfernt. Das macht es für uns ungemein interessant», schwärmt Architekt Biscioni.
Das zeigt sich etwa am Beispiel der Fenster: Anstelle von Holz-Metall-Fenstern müssen Holzfenster eingebaut werden, wie im ursprünglichen Gebäude. So will es die Denkmalpflege. «Nach der Wahl der Materialien entscheidet sie, ob diese zum Gebäudetypus Spinnerei passen», so Biscioni. «Das ist herausfordernd, aber genau darum spannend für uns.»
In der obersten Etage angekommen, preist der Architekt sogleich die Aussicht an: «Sehen Sie, das ist wirklich Wohnen am Wasser.» Sein Blick schweift zum schilfbewachsenen Fabrikweiher. Aussenräume wie der Weiher, der Kanal und der Park der Villa seien nicht nur eine Vorgabe der Denkmalpflege. «Sie sind auch wichtig für die Transformation vom Industrieareal zum wohnlichen Umfeld.»
… und neben der Industrie
Von dieser Transformation zeugt allerdings erst der südliche Teil des Areals, bestehend aus Spinnerei und ehemaliger Fabrikantenvilla. Im Norden will die Swiss Property AG längerfristig ein neues Quartier aus dem Boden stampfen. Dies dürfte aber noch dauern. Die Gemeinde will nämlich an dem bestehenden Industriegebiet festhalten. Manuel Vogler stellt klar: «Wir haben Visionen, aber spruchreif ist noch nichts.»
Der Dachstock der alten Fabrik versprüht noch mehr Estrichambiente als wohnliches Flair. Wie daraus lichtdurchflutete Dachwohnungen entstehen können, zeigt ein provisorischer Einschnitt mit Plexiglas-Fensterfront. «Zur Veranschaulichung für die Interessenten», erklärt Vogler.




Um die tragenden Holzbalken zu erhalten, sieht die Architektur unter dem Dach verschiedene Galerien und Plattformen vor. «Es war recht knifflig, den Raum klug aufzuteilen und gleichzeitig die Vorgaben einzuhalten», sagt Biscioni.
«Das ist aber nur ein Wohnungstyp. Wir bieten sieben Wohnungstypen und drei Ausbauvarianten an, um einen guten ‹Menschenmix› anzuziehen», ergänzt Vogler. Ein solcher sei wichtig für eine gelungene Integration ins Dorf.
Dennoch werden die Spinnereiwohnungen nicht vermietet, sondern nur verkauft. Ein Luxusprodukt seien die Wohnungen aber nicht. «Wir bieten vernünftige Marktpreise, die hier in der Region üblich sind», versichert Vogler.
Hinweis
Am Samstag, 15. April, von 10 bis 13 Uhr veranstaltet die Swiss Property AG einen Tag der offenen Tür der Spinnerei Kollbrunn. Weitere Informationen gibt es unter spinnerei-kollbrunn.ch.
