Kanadische Forschungsstation unter Oberländer Führung
Forschungsstation Mériscope
Mit seiner Walforschungsstation Mériscope ist für den in Mönchaltorf aufgewachsenen Dany Zbinden in Kanada ein Traum in Erfüllung gegangen.
Den Anfang des Wegs zur eigenen Forschungsstation Mériscope in Kanada musste sich Dany Zbinden buchstäblich freischlagen. Der in Mönchaltorf aufgewachsene Meeresbiologe erhielt von der Gemeinde Portneuf-sur-Mer am Sankt-Lorenz-Golf 2001 ein Grundstück zur Verfügung gestellt, wo er sich mit freiwilligen Helfern eine einfache Forschungsbasis aufbauen konnte.
Zuerst einmal musste er sich aber überhaupt Zugang zu diesem Grundstück verschaffen. Soll heissen: «Die ersten zwei Monate fällte ich jeden Tag von morgens bis abends Bäume, um eine Verbindungsstrasse zur Basis zu bauen», erzählt Zbinden. «Das war schon paradox – da schimpft man sich Naturschützer und holzt täglich wertvollen Wald ab.»
Verbindungen sind in Kanada alles – auch zwischenmenschliche, besonders in einem so kleinen Ort wie Portneuf-sur-Mer. Zum Glück hatte Zbinden schnell Freundschaft mit mehreren Einheimischen geschlossen.
Einer von ihnen war Inhaber einer Whale-Watching-Firma und war von Anfang an Partner der jungen Non-Profit-Organisation, um die Ausfahrten aufs Meer durchzuführen. «Wir organisierten die Forschungsprojekte und die Kurse für die Praktikanten sowie die Vorträge und Workshops, und die Partnerfirma kümmerte sich um die Boote, die Bewilligungen und die Ausfahrten.»
400 Tiere im Katalog erfasst
Im ersten Jahrzehnt konzentrierte sich das kleine Team mit Forschern aus Kanada, den USA und der Schweiz auf die Fotoidentifikation, die marine Bioakustik und das Nahrungsverhalten von den Walen im Sankt-Lorenz-Golf, Habitat der eines der besten Nahrungsgebiete für die grossen Bartenwale im Nordwestatlantik darstellt.
«Das Mériscope führt den Katalog der Zwergwale im Sankt-Lorenz-Golf. Die Tiere werden aufgrund von individuellen Merkmalen an der Rückenflosse und manchmal an der Flanke identifiziert.» Mittlerweile sind fast 400 Tiere im Katalog erfasst, und die Datenbank wächst.
Als die Whale-Watching-Firma 2009 schloss, machte das Mériscope mit der Anschaffung eines stabilen Festrumpfschlauchboots, zusätzlicher Ausrüstung und dem Erwerb der staatlichen Bootsführerlizenz einen ersten Schritt zur langfristigen Existenz. 2012 richtete sich die Forschungsstation an einem neuen Standort im Dorf ein, wo seither ein grösseres Labor, eine Werkstatt, Wohnräume und ein Gästehaus zur Verfügung stehen.
Seit 2014 ist das Mériscope federführend in einem neuen Projekt in Zusammenarbeit mit der Université du Québec à Montréal, dem kanadischen Meeresministerium und einer anderen Nichtregierungsorganisation (NGO), wobei mittels Gewebeproben (Biopsien) von Zwergwalen und Belugas die Schadstoffbelastung der Wale und die Auswirkungen auf ihre Gesundheit ermittelt wurden.
In Zusammenarbeit mit der Universität Québec starteten anschliessend diverse Projekte, bei denen Gewebeproben (Biopsien) von Walen entnommen werden. Diese werden entweder auf Chemikalien untersucht, auf ihre Fettzusammensetzung, die Rückschlüsse auf ihre Nahrung zulässt oder allgemein Hinweise auf die Lebensweise der Tiere gibt.
Nur Weibchen lassen sich blicken
Die Proben werden mit einem Pfeil per einer Distanz von 8 bis 25 Metern genommen, wobei nur ein kleines Stück Haut und etwa ein Zentimeter Fett aus der dicken Fettschicht des Wales gewonnen, aber keine Blutgefässe, Nerven oder Muskelgewebe verletzt werden.
Interessant dabei: «Bisher haben wir nur Proben von Weibchen entnommen – wir wissen schlichtweg nicht, wo sich die Zwergwal-Bullen aufhalten.» Dank der Fotoidentifikation ist es zudem möglich zu vermeiden, von einem Tier fälschlicherweise mehrere Proben für eine Studie zu nehmen.

Im neusten Forschungsprojekt in Zusammenarbeit mit der Universität McGill in Montreal verwenden die Forscher seit 2021 zusätzlich zu den Biopsien auch modernste Satellitensender, um endlich herauszufinden, wo die Migrationsrouten und die Fortpflanzungsgebiete der Zwergwale sind.
Offiziell gemeinnützige Organisation
Mit der Forschungsstation Mériscope ist für Dany Zbinden ein Traum in Erfüllung gegangen. «Ich habe mir immer ein Projekt gewünscht, wo wir als Organisation mit Universitäten, anderen NGOs und Regierungsorganisationen zusammenarbeiten. Seit 2001 haben 25 Unis mit uns Projekte durchgeführt, fünf Master- und vier Doktorarbeiten wurden realisiert sowie sechs Maturarbeiten, und über 450 Praktikanten haben an unseren Kursen teilgenommen.»
Im Jahr 2019 wurde das Mériscope von der kanadischen Regierung offiziell als gemeinnützige Organisation anerkannt. Im letzten Jahr haben Dany Zbinden und sein Team zudem den Nature Inspirational Award vom Canadian Museum of Nature in Ottawa erhalten. «Dass wir es so weit bringen würden, hätte ich nie gedacht, als ich vor über 20 Jahren im Wald stand und Bäume fällte.»
Weitere Informationen unter www.meriscope.com.
