Der Wilhelm Tell der Wale
Oberländer Meeresbiologe
In Mönchaltorf aufgewachsen, hat Dany Zbinden mittlerweile sein Leben der Erforschung und dem Schutz von Walen in Kanada verschrieben.
Anmerkung der Redaktion: Dieser Artikel ist erstmals am 16.04.2023 erschienen. Wir haben ihn zum Jahresende als Lektüre zwischen den Feiertagen aus dem Archiv geholt.
Wer Dany Zbinden zuhört, wird sofort angesteckt von der Leidenschaft, mit der er von seiner Arbeit erzählt. Der Meeresbiologe setzt sich seit 30 Jahren für die Erforschung und den Schutz von Walen in Kanada ein, genauer gesagt in Portneuf-sur-Mer, rund 300 Kilometer nordöstlich von Québec.
Aufgewachsen ist Zbinden im Oberland – hauptsächlich in Mönchaltorf, hat aber auch in Wetzikon, Hegnau, Gossau und Adetswil gewohnt. «Meine ersten Erinnerungen sind vom Greifensee, da waren wir jeden Sommer auf dem Campingplatz in den Ferien.»
Der Bezug zum Wasser ist für ihn schon seit Kindesbeinen da gewesen. «In der Familie haben wir gesegelt, ich habe geangelt, später wurde ich Rettungstaucher. In den Ferien war ich bereits beim ersten Licht auf dem Kajak auf dem See unterwegs.»
Eigene Station am Sankt-Lorenz-Golf
Er hat sich immer für seine Umwelt interessiert, sich gefragt, wie alles funktioniere, wie Fische im Wasser zu Sauerstoff kommen, zu Futter, zu Partnern. «Eigentlich stelle ich mir heute noch immer die gleichen Fragen, aber sowohl ich selbst, der See, als auch die Tiere, die ich beobachte – wir sind alle ein wenig grösser geworden.»
Vor 20 Jahren hat er in Portneuf-sur-Mer seine eigene Forschungsstation Mériscope gegründet, war zuvor schon viele Male für Praktika oder andere Einsätze in Kanada. Zusammen mit zwei weiteren Studienkollegen stellte er ein erstes Forschungs- und Kursprogramm auf die Beine, richtete ein Labor ein.
Im Sommer war er fortan in Kanada, im Winter in der Schweiz, hielt Vorträge und warb für seine Station. «In den ersten Jahren konnten wir jeweils zwischen 15 und 60 Studierende bei uns begrüssen – ein schöner Start.» Zusätzlich kamen grundsätzlich Interessierte für zweiwöchige Kurse ins Mériscope.
Das Projekt hatte richtig Fuss gefasst, doch Zbinden sich dafür verschuldet. «Den Umgang mit Finanzen lernt man in einem Biologiestudium nun einmal nicht.» Er hatte jede Kreditkarte bis ans Limit überzogen und Kredite bei Bekannten aufgenommen. «So konnte es nicht weitergehen.»
Studierende bezahlen für Kurse
Er holte sich Experten in den Vorstand der Non-Profit-Organisation, sie erstellten Businesspläne, entschieden sich für «Qualität statt Quantität». Das heisst, sie fokussierten sich auf anerkannte Kurse für Studierende und die Zusammenarbeit mit kanadischen Universitäten. Damit verdient die Station auch heute noch ihr Geld – Studierende bezahlen für Kurse, manche kommen für ihre Master- oder Doktorarbeit über längere Zeit ins Mériscope.
Von allen Walen im Sankt-Lorenz-Golf hat sich Zbinden auf den Zwergwal spezialisiert. Er zieht einen Gegenstand aus dem Rucksack, der an eine komische Handorgel erinnert. Es sind die getrockneten Barten eines Zwergwals, die das Tier statt Zähne im Maul trägt und mit denen es Fische aus dem Wasser filtriert.

Wieder sprudelt es nur so aus ihm heraus, als er erzählt, wie die Tiere zum Fressen Fischschwärme anvisieren, von unten auf sie zuschwimmen, kurz vor der Oberfläche das riesige Maul öffnen, der Kehlsack sich ausdehnt, der Wal an Geschwindigkeit verliert und darum mit der Schwanzflosse noch einmal schlagen und gleichzeitig das Maul schliessen muss, um danach mit der Zunge das Wasser durch die Barten herauszudrücken, um erst ganz am Schluss das so entstandene Fisch-Mus schlucken zu können…
«Manchmal beobachten wir junge Tiere, die diesen Ablauf noch nicht ganz im Griff haben», sagt der Meeresbiologe lachend. «Das sieht dann immer ziemlich lustig aus, wenn die Hälfte der Fische wieder aus dem Walmaul herausspringt.»
Der Kaffee, der vor Zbinden auf dem Tisch steht und von dem er erst einen Schluck getrunken hat, ist schon seit einer Stunde kalt. Neben der Tasse liegen jetzt farbige Armbrustpfeile. «Damit», sagt er und zeigt auf die spezielle Metallspitze, «nehmen wir die Gewebeproben von den Walen.»

In Kanada werde er darum «le Guillaume Tell des balaines» genannt – der Wilhelm Tell der Wale. «Dort glauben viele, dass jeder Schweizer ein Profi im Schiessen ist.» Er habe tatsächlich im Militär die Scharfschützenausbildung absolviert. «Aber mit der Armbrust musste ich über ein Jahr üben, bis ich mir einen Schuss auf einen Wal zutraute.»
Zwar gelte es, alle Meeressäugerbeobachtungen auf dem Boot zu protokollieren und die Daten später im Labor zu bearbeiten, aber ein grosser Teil seiner Arbeit bleibt die Arbeit mit seinen Händen – anpacken, wo auch immer es nötig ist: Unterhalt und Reparatur von Booten und Motoren, Renovationen auf der Station und vieles mehr.
«Auch das habe ich schon als Kind gelernt.» In Mönchaltorf hat er jede freie Minute auf einem Bauernhof verbracht. «Dort konnte ich helfen, flicken, später im Wald arbeiten und Traktor fahren. Aber ich habe auch gelernt aufzupassen, was genauso wichtig ist.» Als Teenager hatte er auf dem Bauernhof eine eigene Werkstatt in einem alten Ziegenstall, wo er mit einem Freund Töfflis aus Dutzenden Teilen zusammenbaute.
«Holzfällerfranzösisch» neu gelernt
Alles Fähigkeiten, die in der Forschungsstation Mériscope wieder zum Einsatz kamen. Allerdings hat er in Kanada ganz andere Dinge neu lernen müssen – nicht zuletzt das «passende» Französisch. «In der Provinz Québec sprechen die Kanadier ein derart mit Anglizismen gespicktes Holzfällerfranzösisch, dass es sogar Franzosen kaum verstehen.»
Obwohl er relativ sattelfest in Französisch gewesen sei, habe es rund zwei Jahre gedauert, bis er den Gesprächen wirklich folgen konnte. «Oder ich zumindest wusste, in welchem Moment ich lachen sollte.»
Seit zwölf Jahren lebt er nun offiziell in Kanada, vorher pendelte er zwischen der Schweiz und der Forschungsstation. «Ein Leben, wie ich es führe, hat auch seinen Preis – ich bin nicht verheiratet und habe keine Kinder», sagt der schweizerisch-kanadische Doppelbürger. Trotzdem würde er mit niemandem tauschen wollen.

Eine Familie, wie er sie nennt, hat er in Kanada gefunden. Seine besten Freunde führten viele Jahre unweit der Forschungsstation ein Bed and Breakfast. «Da sie wussten, dass ich gerne koche, haben sie mich manchmal gefragt, ob ich für ihre Gäste etwas zubereiten würde, ich könne dafür meine Studenten mitbringen.» So habe es viele Abende gegeben, bei denen eine bunt zusammengewürfelte Truppe gemütliche Stunden miteinander verbrachte.
Viele der Volontäre, welche die Forschungsstation über Jahre besucht und unterstützt haben, wurden zu guten Freunden. «Egal, wo ich bin auf der Welt, ich muss immer und überall Freunde besuchen.»
30 Expeditionen in die Antarktis
Tatsächlich kommt Dany Zbinden weiter herum, als man denken würde. Von Januar bis März, wenn die Küste des Sankt-Lorenz-Golf zugefroren ist, ist er jeweils für die amerikanische Firma Quark Expeditions als Tourguide und Lektor in Meeresbiologie auf Expeditionsschiffen in der Antarktis unterwegs. Mittlerweile hat er über 30 Expeditionen begleitet.

Gerade ist Dany Zbinden 61 Jahre alt geworden. In den nächsten fünf bis zehn Jahren will er sich weiter für die Tiere und die Natur einsetzen. «Die Menschheit muss lernen, dass ihr die Welt nicht allein gehört, sondern dass alle Lebewesen das gleiche Existenzrecht haben.»
So seien die Menschen unter anderem abhängig von der Fotosyntheseleistung des pflanzlichen Planktons in den Meeren. «Dieses produziert zwei Drittel unseres Sauerstoffs.» Es absorbiert aber auch grosse Mengen Kohlendioxid aus der Atmosphäre, entsorgt es nach dem Absterben für Jahrmillionen im Meeresboden. «Wir müssen einsehen, dass auch wir von gesunden Ökosystemen abhängig sind, sonst gibt es für den Homo sapiens keine permanente Lösung.»
