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« Es sollte normal sein, keine Kinder zu wollen »

Diese Wetzikerin will die Akzeptanz und Sichtbarkeit für ein kinderfreies Leben fördern.

Nadine Gloor aus Wetzikon hat eine Onlineplattform gegründet für Personen ohne Kinderwunsch.

Foto: PD

« Es sollte normal sein, keine Kinder zu wollen »

Wetziker Plattform kinderfrei-leben.ch

Die Wetzikerin Nadine Gloor will mit ihrer Onlineplattform die Akzeptanz und Sichtbarkeit für ein kinderfreies Leben fördern.

Frau Gloor, Sie wollen keine Kinder. Warum?

Nadine Gloor: Lange dachte ich, dass ich einmal Kinder haben werde – weil man das eben so macht. Aber ich fühlte mich immer mehr gestresst, ich hatte das Gefühl, ich müsste noch so vieles erleben, bevor ich 30 werde: Ausbildung, Reisen, Karriere. Doch jede Frau hat ein biologisches Ablaufdatum. Da wurde mir bewusst, dass der mir vorgegebene Weg gar nicht meinen Bedürfnissen entspricht. Dass ich keine Kinder will, ist eine Kombination aus der schlichten Abwesenheit des Kinderwunschs und der Priorisierung aller anderen Möglichkeiten, die ich stattdessen habe.

Sie sind seit fünfeinhalb Jahren verheiratet. Sie und Ihr Mann haben also die Kinderfrage nicht schon vor der Hochzeit geklärt?

Tatsächlich nicht abschliessend, und wir sind beide sehr glücklich und erleichtert, dass wir gleicher Meinung sind. Wir haben auch von Paaren gehört, die sich getrennt haben, weil sie sich nicht einigen konnten. Als wir unseren Entscheid definitiv gefällt hatten, war das wie ein Befreiungsschlag. Ich spürte in mir dann auch das Bedürfnis, der Welt davon zu erzählen, für meine Lebensweise einzustehen.

So explizit?

Irgendwie schon, und genau das hat mir aufgezeigt, dass hier etwas falsch läuft. Wenn man keine Kinder will, wird man in unserer Gesellschaft schräg angeschaut. Aber das Bedürfnis, verstanden zu werden, ist ein tief menschliches Gefühl. Es sollte genauso normal sein, keine Kinder zu wollen, wie sie zu wollen.

Anfang Jahr ging Ihre Plattform kinderfrei-leben.ch online. Was ist Ihr Ziel mit diesem Angebot?

Als ich mich im Prozess befand, meine eigenen Entscheide zu fällen, wäre ich froh gewesen um so eine Plattform, die aufzeigt, dass man nicht allein ist. Und es gibt bereits Personen, die sich bei uns dafür bedanken, dass sie Gleichgesinnte gefunden haben. Es gibt 1000 Mama-Blogs, aber kaum Angebote für Menschen ohne Kinder. Meine Co-Gründerin Jrene Rolli und ich schalten darum viele Erfahrungsberichte auf – von kinderfreien Frauen und Männern verschiedenen Alters.

https://www.instagram.com/p/CpQUVbFoifJ/

Wurden Sie auch schon mit dem Vorwurf konfrontiert, für Ihre Lebenseinstellung missionieren zu wollen?

Ja, aber wir wollen nicht missionieren, sondern einfach aufzeigen, dass ein kinderfreies Leben okay ist, auch schön sein kann. Doch es ist ein emotional aufgeladenes Thema. Deshalb überlege ich mir immer mehrmals, wie ich etwas formuliere. Auch viele meiner engsten Freundinnen haben bereits Kinder – ich möchte nicht ihr Lebensmodell kritisieren, mehr meines erklären.

Hat das auch zu Problemen zwischen Ihnen geführt?

Es ist eine Herausforderung – oder besser gesagt, es sind zwei: einerseits generell die Freundschaft aufrechtzuerhalten mit Kids, andererseits das Verständnis für meinen Blog aufzubringen. Sehr viele meiner engsten Freundinnen haben nun weniger Zeit für mich.

Was auch verständlich ist.

Absolut! Kinder stellen das Leben der Eltern auf den Kopf. Dass Freundschaften leiden, ist logisch. Gerade darum macht es mich nicht nur happy, wenn eine Freundin erzählt, dass sie schwanger ist. Ich freue mich für sie, doch ich weiss auch, was das für mich bedeutet. Aber geht eine Freundschaft wegen Kindern in die Brüche, hätte sie wohl auch unter anderen Umständen nicht angedauert.

Wie haben Ihre Eltern auf Ihren Entscheid, keine Kinder zu wollen, reagiert?

Zum Glück haben die Geschwister von mir und meinem Mann bereits Kinder, daher lastete auch kein Druck auf uns, die Eltern zu Grosseltern zu machen – was ich übrigens auch nie als meine Aufgabe oder meine Verantwortung sah. Meine Eltern haben viel Verständnis gezeigt.  

Was sind für Sie die schwierigsten Reaktionen auf Ihren Entscheid?

Wenn mich Leute kritisieren, ist das für mich kein Problem. Jeder soll seine eigene Meinung haben. Aber was mich immer trifft, sind Rückmeldungen wie «Das kommt schon noch». Ich habe mir in meinem Leben schon zu viele Gedanken über dieses Thema gemacht, um nicht für voll genommen zu werden. Da habe ich lieber jemanden, der mich für meine Lebensweise explizit blöd findet. Reaktionen wie «Hast du nicht Angst, im Alter allein zu sein?» lösen mittlerweile nichts mehr aus in mir.

https://www.instagram.com/p/CqiFssqItnD/

Also haben Sie keine Angst davor?

Grundsätzlich schon einmal nicht, weil ich ein erfülltes Leben habe und mein Mann und ich Familie genug sind. Das hat er bereits bei unserer Hochzeit beim Ehegelübde betont – wir sind eine Familie, da braucht es nicht extra Kinder dafür. Und mittlerweile hatte ich unter anderem über die Onlineplattform mit einigen Personen im höheren Alter zu tun, die sich gegen Kinder entschieden haben und trotzdem glücklich sind – oder vielleicht gerade darum.

Soll kinderfrei-leben.ch eine Onlineplattform bleiben, oder planen Sie auch Treffen für Interessierte?

Vorerst soll es eine Austauschplattform bleiben. Es ist auch nicht das Ziel, Geld damit zu verdienen. Wir wollen positive Inputs bieten, wie oder warum man auch ohne Kinder glücklich sein kann. Die Plattform soll dazu beitragen, in der Gesellschaft das Modell eines Lebens ohne Kinder akzeptierter zu machen. Und wer keine Kinder will, ist dadurch nicht weniger lieb oder fähig zu lieben. Und obwohl ich in meinem Entscheid sicher bin, ist es auch für mich schön zu sehen, dass ich damit nicht allein bin.

Nadine Gloor ist 34 Jahre alt und lebt mit ihrem Mann in Wetzikon. Die Website www.kinderfrei-leben.ch betreibt sie zusammen mit ihrer Kollegin Jrene Rolli, die im Bernbiet beheimatet ist. Beruflich hat Nadine Gloor eine leitende Position im Bereich Marketing/Kommunikation bei einem regionalen Unternehmen.  

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