Der Schnee verschwindet, die Leidenschaft bleibt
Skilift in Fischenthal
Kein Ort im Kanton wird so stark mit dem Schneesport verbunden wie die Gemeinde Fischenthal. Nach einem weiteren schneearmen Winter stellt sich die Frage: Wie lange noch? Ein Besuch bei den Skiliftbetreibern Schoch.
«Sorry für die schlechte Saison! Wir hätten uns über etwas mehr Schnee gefreut.» Die Begrüssung auf der Website des Skilifts Fischenthal mag sich etwas eigenartig lesen. Doch eigentlich bringt sie die Gemütslage in den Schweizer Skitourismusregionen gut auf den Punkt.
Zwar hat Frau Holle den grossen Arenen in den Bergen zum österlichen Saisonabschluss noch einmal etwas Schnee aus den Wolkenkissen geschüttelt. Nur, an der Bilanz ändert das nichts mehr. Der Skiwinter 2022/2023 bleibt: eine Enttäuschung.
«Wie viele Tage wir offen hatten? Keinen», sagt Martin Schoch und schmunzelt. Der Betreiber des 1000 Meter langen Skilifts Fischenthal mag sich darob nicht grämen. Dass eine Skisaison wegen Schneemangel ausfalle, sei nun wahrlich keine Seltenheit. «Bereits in der allerersten Saison nach seiner Errichtung, im Winter 1963/1964, lief er nicht.»
Sowieso scheint das Thema gerade weit weg zu sein. Als Teilinhaber des familieneigenen Strassenbauunternehmens ist der 52-Jährige zu dieser Jahreszeit auf den Baustellen der Region gefordert. Dass er seinen 76-jährigen Vater Walter an diesem Nachmittag trotzdem ins Café der Bäckerei Voland zum Gesprächstermin begleitet, ist deshalb nicht selbstverständlich. Aber irgendwie doch sinnbildlich.
Der gerettete Skilift als Basis
Martin Schoch hat von seinem Vater nicht nur Anteile der Firma, sondern zuletzt auch noch den Skilift erhalten. Gemeinsam steht das Duo für 37 Jahre Skigeschichte in Fischenthal. 1985 hatte Walter Schoch die Anlage samt 100’000 Franken Schulden übernommen, 2018 übergab er sie dem Sohn. «Schuldenfrei», wie er betont.
Tatsächlich ist dieses Engagement für die Aussenwirkung Fischenthals von nicht zu unterschätzendem Wert. Ohne die Rettung des Lifts wäre dem strahlungskräftigen lokalen Skiclub die Lebensgrundlage entzogen worden.

Ergo wären Schochs jüngere Söhne Simon, 44, und Philipp, 43, nie erfolgreiche Profi-Snowboarder geworden. Sie hätten nie doppeltes Olympia-Gold (Philipp 2002, 2006) und Olympia-Silber (Simon 2006) mit nach Hause gebracht. Und sie hätten mit dieser bemerkenswerten Geschichte nie den Namen Fischenthal in die Welt getragen.
Vor allem aber hat die Familie Schoch entscheidend mitgeholfen, den Status als bekanntester Skiort im Kanton in die Moderne mitzunehmen und die entsprechende Kultur im Dorf zu bewahren.
Der Sport hat hier eine lange Tradition. Schon Walter Schochs Eltern düsten den Oberegg-Hang hinunter – nachdem sie ihn selbst präpariert hatten. Das passt zum Narrativ, dass man das Schicksal im Tösstal gern in die eigenen Hände nimmt.
So verfügt das 2600-Seelen-Dorf auch noch über einen zweiten grossen, ebenfalls bereits 1965 gebauten Skilift in Steg. Und über eine Sprungschanze in Gibwsil. Die bekanntesten Söhne der Gemeinde sind – neben den Schoch-Brüdern natürlich – der Ski-Freestyle-Athlet Kai Mahler, 27, und das 21-jährige Skisprung-Talent Dominik Peter.
Es ist der Wind, nicht die Temperatur
Umso schmerzhafter müsste es für Fischenthal eigentlich sein, dass die Schneemengen und die Betriebstage des Lifts in den letzten Jahrzehnten kontinuierlich abnehmen – und so wortwörtlich das Fundament verloren geht. Doch die Schochs tragen es mit Fassung.
Es verändert sich schon etwas.
Walter Schoch
Im Vorjahr war der grosse Lift 11 Tage, der kurze, danebenliegende Seitenlift für die Kinder während eines Monats in Betrieb gewesen – jeweils am Mittwochnachmittag und am Wochenende. Zur Einordnung: Für einen «durchschnittlich guten Winter», sagt Martin Schoch, brauche er 43 Tage. Die gebe es zuweilen noch. «Aber sie sind seltener geworden.»
Dabei seien es nicht unbedingt die Temperaturen, die ihm Probleme bereiteten – sondern der Wind. «Sobald mal genügend Schnee fällt, dreht der Wind. Dann kommt schnell der wärmere Südwestwind mit nassem Niederschlag. Ausserdem kommen wir immer öfter in den Genuss der kalten, aber trockenen Bise aus dem Norden.»
«Es verändert sich schon etwas», gibt ihm Walter Schoch recht. «Früher sind die Leute wegen des ständigen Regens ins Tessin gefahren, doch inzwischen ist es hier trocken und dort so regnerisch wie früher bei uns. »
Kein neues Problem
Es sind nüchterne Feststellungen. Kein Klagen, kein Jammern. Die Entwicklung ist irreversibel und verläuft schleichend. Sich anzupassen, ist nicht erst seit gestern eine Notwendigkeit.
Es könnte so schön sein: Eine Abfahrt im Skigebiet Oberegg.
Geld zu verdienen – das sei schon immer illusorisch gewesen, winkt Walter Schoch ab. «Das mussten schon diejenigen erkennen, die den Lift in den 1960er-Jahren für 300’000 Franken errichtet hatten.»
Martin Schoch rechnet vor: «In den 60 Jahren war der Lift 8200 Stunden in Betrieb. Bei einer täglichen Laufzeit von 8 Stunden macht das gut 17 Tage pro Jahr.» Und fragt sinngemäss hinterher: «Glauben Sie, wir haben unsere Schneekanonen in den frühen 1990er-Jahren angeschafft, weil wir im Schnee versunken sind?»
Gleichzeitig gehen die Besuche von Schulklassen aus den Ballungsräumen Winterthur und Zürich zurück. «Das Lehrpersonal ist halt auch nicht mehr so flexibel wie früher», glaubt Walter Schoch.
Gefragt sind Ideen
Auf der anderen Seite stehen Kosten. Der Lift muss gewartet werden, die Standards müssen erfüllt werden. Mit der neuen Seilbahnverordnung müssen bis 2030 verschiedene Teile nachgerüstet werden. Immerhin: Da regelmässig investiert worden sei, sehe es grundsätzlich nicht schlecht aus, sagt Martin Schoch.
Gefragt sind also Ideen. Um die Spenden von Firmen und Gemeinden zu ergänzen, hat Schoch unter anderem eine «Bügelpatenschaft» eingeführt, bei der man als Götti oder Gotte für eine Saison für 100 Franken eine Patenschaft für einen der insgesamt 80 Bügel übernehmen kann. Da die Skilift AG seit 2019 als gemeinnützige Institution anerkannt wird, können die Beträge als Spende von den Steuern abgezogen werden.
Wenn wir gute Pistenverhältnisse haben, dann überrennen uns die Leute.
Martin Schoch
Und natürlich braucht es Fronarbeit. Rund 300 Stunden jährlich investiert Martin Schoch – wenn der Lift wie in diesem Winter durchgehend stillsteht. Eine Entschädigung zahlt er sich und seiner Frau Daniela nur für die Zeit aus, in der er faktisch läuft. Das Ziel ist klar: «Wir müssen irgendwie unsere Kosten decken.»
Ans Aufhören denkt Martin Schoch vorderhand nicht. Natürlich, nach zwei, drei weiteren Jahren ohne Skiliftbetrieb müsse er sich die Sinnfrage irgendwann schon stellen. Doch seine Leidenschaft und der Glaube an das Potenzial lassen sie bislang gar nicht aufkommen.

Er sagt: «Wenn wir gute Pistenverhältnisse haben, dann überrennen uns die Leute.» Insbesondere während der Corona-Pandemie seien die Zürcherinnen und Zürcher wieder vermehrt auf das nahegelegene Skigebiet aufmerksam geworden.
Auf die Frage, ob er denn noch glaube, den Skilift dereinst in der Familie eine Generation weitergeben zu können, lächelt Martin Schoch breit. «Es gäbe da schon einen, der interessiert wäre.» Die Schochs und ihr Lift – diese Geschichte ist noch nicht zu Ende erzählt.
Lesen Sie hier die Bilanz der anderen Skilifte in der Region.
