So sieht die neue Realität im Klassenzimmer aus
Digitalisierung in der Schule Hinwil
Die digitale Revolution verändert die Gesellschaft im Eiltempo. Was bedeutet das für die Lehrpersonen? Vier Betroffene aus Hinwil erzählen aus ihrem Arbeitsalltag.
Die Schule Hinwil rief – und ihre Angestellten kamen in Scharen: Fast 200 Lehrpersonen, Betreuende und Verwaltungsangestellte haben sich am Mittwoch an einem grossen Weiterbildungstag mit dem digitalen Wandel in der Schule befasst.
Am Rande der Veranstaltung haben sich vier Lehrerinnen und Lehrer aus den verschiedenen Zyklen zur aktuellen Situation und den anstehenden Herausforderungen geäussert.
1. Sekundarschule: Asiel Brunner, 26

«Durch den Umstand, dass seit diesem Jahr alle Niveaus gemischt sind, sind wir in der Sekundarschule mit einer enormen Heterogenität konfrontiert. Das ist herausfordernd: Wir haben Kinder, die im Umgang und Wissen weit fortgeschritten sind, und andere, die ihre Geräte nur für Social Media nutzen.
Für uns Lehrer ist es ein ständiges Wettrennen, weil das Entwicklungstempo ständig zunimmt. Nehmen wir das Beispiel des hochaktuellen ‹ChatGPT›: Dieser Chatbot zwingt uns, das herkömmliche Konzept der Hausaufgaben zu hinterfragen und neue Lösungen zu finden. Alleine schon der Unterschied zwischen den Standards aus meiner Ausbildungszeit und den heutigen ist sehr, sehr gross – und ich bin erst 26.
Gleichzeitig spüre ich natürlich auch den grossen Einfluss der sozialen Medien. Die Inhalte werden sexualisierter und brutaler. Was mich aber wirklich überrascht, ist wie stark die Aufmerksamkeitsspanne zurückgeht. Das ist für mich schwierig, schliesslich muss ich den Unterricht takten. Einmal 15 Minuten in Ruhe für sich zu arbeiten – das wird für die Jugendlichen zusehends schwieriger.
Obschon ich mich digital fit fühle und mich privat mit diesem Thema beschäftige, vergegenwärtigt mir der Alltag in der Schule, wie rasant sich alles entwickelt. Insbesondere in der Kommunikation, in der wir auf allen möglichen Schienen fahren, muss ich mich wirklich reinhängen, um immer auf dem neusten Stand zu bleiben. Das ist etwas, mit dem ich früher nie Probleme hatte.»
6. Klasse: Nicole Bagdasarianz, 50

«Die Digitalisierung stellt mich im Klassenzimmer gleich vor mehrere zentrale Fragen: Wie setze ich die zur Verfügung stehenden Mittel sinnvoll ein? Wie lernen die Kinder, mit der digitalen Welt in der Schule umzugehen? Wie behandeln wir Erfahrungen, die sie privat machen?
So ab der fünften Klasse werden diese Themen wirklich virulent. Da schlagen die sozialen Medien voll durch, es kommen die ersten realen Probleme in den Chats und auf den Plattformen. Eigentlich gäbe es bei diesen Apps Alterslimiten, doch in der Realität greifen die nicht wirklich, weil Gruppendynamiken entstehen. Deshalb müssen wir da bereits frühzeitig ansetzen.
Ganz zentral ist, dass wir dabei die Eltern ins Boot holen können – denn die Verantwortlichkeiten überlagern sich: Schliesslich werden die Geräte nicht nur in der Schule, sondern auch zuhause gebraucht.
Das Tempo der Entwicklung ist für mich dabei sicherlich eine Herausforderung: Die Kinder sind schneller, die jüngeren Kolleginnen und Kollegen sind schneller – die Lehrpersonen in meinem Alter hinken da permanent hinterher. Wie wir damit umgehen, ist typenabhängig. Den einen fällt es aufgrund persönlicher Affinitäten leichter als anderen. Wichtig ist, dass wir auch Vorgaben und Ressourcen dafür erhalten, die Digitalisierung ist ja nur ein Punkt unter vielen. Sonst wird es für uns noch schwieriger, Schritt zu halten.»
2. Klasse: Nadine Bärtschi, 26

«Auf dieser Stufe spielt sich noch vieles auf der haptischen Ebene ab. Es geht darum, dass die Kinder lernen, in den Schulalltag zu starten, zu rechnen, zu schreiben, zu strukturieren. Die Digitalisierung selbst ist für sie noch schwierig fassbar. Dementsprechend funktioniert alles sehr gesteuert.
Generell braucht alles viel Zeit. Alleine das Login stellt schon eine grosse Herausforderung dar. Da zudem nicht jedes Kind sein eigenes, zugewiesenes Tablet hat, nutzen wir die Geräte vor allem im individuellen, statt im kollektiven Unterricht.
In diesem jungen Alter haben zuhause noch nicht alle Kinder Zugang zu Geräten. Es geht aber bereits jetzt darum, sie auf das vorzubereiten, was auf sie zukommt. Im Bereich Medienkompetenz können erste Schritte und Einordnungen gemacht werden – über ältere Kinder, speziell bei Geschwistern, werden die Schülerinnen und Schüler bereits mit Realitäten konfrontiert.
Die Digitalisierung wird auf dieser Stufe kontinuierlich mehr Gewicht erhalten. Für uns Lehrer ist es deshalb wichtig, weiterentwickelte Lehrmittel zu erhalten, die nicht nur Bisheriges ersetzen, sondern im Kreativen und Gestalterischen neue Felder eröffnen.
Umgekehrt dürfen die herkömmlichen Aufgaben nicht zu kurz kommen. Es braucht auch weiterhin das händische Arbeiten, etwa an einem Plakat oder an einer Zeichnung. Hier gilt es klare Abgrenzungen zu machen und Schwerpunkte zu setzen.
Ich selbst glaube, mit den schnellen Entwicklungen gut Schritt halten zu können, wünsche mir aber, etwas Zeit zu erhalten, um mithilfe der richtigen Lehrmittel, die richtigen Gewichtungen vorzunehmen. Klar, man muss à jour bleiben – doch es bringt wenig, die Dinge zu überstürzen.»
Kindergarten: Debora Hürlimann, 32
«Die Auswirkungen der Digitalisierung erleben wir bereits im Kindergarten. Die Kinder bringen erste Beobachtungen mit und erzählen davon. Speziell wenn in einem Elternhaus die Geräte relativ unkontrolliert verwendet werden, kann es vorkommen, dass das Kind etwas sieht, das es nicht versteht oder vor dem es sich fürchtet.
Dann ist es an uns, dem Kind zuzuhören und ihm den Sachverhalt zu erklären. Bei Bedarf suchen wir auch das Gespräch mit den Eltern. Allerdings können wir sie nur darauf aufmerksam machen, umsetzen müssen sie es selbst.
Im Laufe der Jahre hat sich hier nicht unbedingt ein Trend entwickelt, aber die Vorgaben seitens des Lernplans sind klarer geworden. Die Kinder sollen über ihre Erfahrungen sprechen und diese reflektieren. Sie lernen, dass es echte und erfundene Geschichten gibt, dass Bilder bearbeitet werden können und wie man mit Werbung oder furchteinflössenden Sachen umgeht.
Schon auf dieser Stufe werden Tablets eingesetzt – natürlich dem Alter entsprechend. Die Kinder können beispielsweise etwas in der Natur fotografieren, das wir dann gemeinsam besprechen. Elementar ist, dass zeitliche Grenzen gesetzt und eingehalten werden. Das wiederum lässt Frust aufkommen, mit dem die Kinder lernen müssen, umzugehen.
Grundsätzlich eröffnen die digitalen Medien viele Chancen, insbesondere hinsichtlich der Lehrmittel. Mein persönlicher Umgang mit dem Thema ist dagegen relativ entspannt. Ich selbst bin nicht in den sozialen Medien präsent und finde, dass ich nicht alles wissen muss. Wichtig ist dagegen, dass ich spüre, was für die Kindergärtnerinnen und Kindergärtner relevant ist, und wie man das in die Arbeit einfliessen lassen kann.»
