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Neustart mit viel Elan in aussterbender Branche

Sie ist 48 Jahre alt und übt einen Beruf aus, den es seit rund 900 Jahren gibt - und der vom Verschwinden bedroht ist.

Ines Copas übernimmt auf den 1. April die Buchbinderei Westermann. In der Hand hält ein Bild, auf dem ihre Produktepalette zu sehen ist.

Foto: Christian Brändli

Neustart mit viel Elan in aussterbender Branche

Wetziker Buchbinderei geht in jüngere Hände über

Die Nachfolge in der Buchbinderei Westermann in Wetzikon ist gesichert. Nun macht sich eine Illnauerin ans Werk und wechselt im Firmennamen einige Buchstaben.

Sie ist 48 Jahre alt und übt einen Beruf aus, den es seit rund 900 Jahren gibt. Und dem angesichts der fortschreitenden Digitalisierung manch schlechte Zukunftsaussicht zugeschrieben wird. Ines Copas ist Buchbinderin mit eidgenössischem Fähigkeitszeugnis und ab Anfang April die Geschäftsinhaberin der Buchbinderei an der Bahnhofstrasse 51 in Wetzikon. «Für mich geht damit ein Traum in Erfüllung», betont Copas.

Schwierige Suche

Nach über 40 Jahren übergibt Jonas Westermann den Betrieb, den er aufgebaut und zusammen mit seiner Frau Karin Friedrich geführt hat, in jüngere Hände. Für Copas ist die Übernahme ein Glücksfall. «Ich bin schon länger auf der Suche nach einer Buchbinderei gewesen, die ich fortführen könnte.» Diese Suche gestaltete sich schwierig. Das hängt mit der Branche zusammen.

Das Handbuchbinden ist in einer Zeit, in der das Gedruckte zusehends weniger gefragt ist, vom Verschwinden bedroht. Die noch vorhandenen Firmen sind häufig Kleinstbetriebe.

Deren Besitzer führen ihre Tätigkeit bis ins höhere Alter fort und fahren gleichzeitig ihre Aktivitäten langsam herunter. «Der Kundenstamm ermöglicht dort dann keinen Vollerwerbsbetrieb mehr und der Maschinenpark ist häufig völlig veraltet», erklärt Copas.

Zunehmende Überalterung

Sie weiss, wovon sie spricht, präsidiert die Illnauerin doch den Verein der Zürcher und Ostschweizer Buchbindereien. Dieser ist mit Gründungsdatum 1864 zwar altehrwürdig, doch die Mitgliederzahl schrumpft ständig. Noch etwa 50 sind dabei. Und deren Durchschnittsalter liegt bei rund 60 Jahren.

Mit der Buchbinderei Westermann hat Copas nun aber ein Unternehmen gefunden, das noch voll im Saft ist. Einerseits, was die Grösse der Kundschaft anbelangt, andererseits dessen Ausstattung. «Da bin ich wirklich wunschlos glücklich.»

Ines Copas in der Werkstatt ihrer Buchbinderei an der Bahnhofstrasse 51.
Hier an der Bahnhofstrasse 51 in Wetzikon wird Ines Copas ab April als Buchbinderin und Geschäftsinhaberin wirken.

Zwar stehen auch in dieser Werkstatt einige Maschinen, die schon Jahrzehnte auf dem Buckel haben. Doch für Handbuchbinder leisten sie weiterhin ihre treuen Dienste. Gleichzeitig gibt es aber auch noch junge Geräte wie den grossen, leistungsfähigen Drucker und Kopierer. Dieser erlaubt es, einen Komplettservice anzubieten. Das ist gerade für wissenschaftliche Arbeiten praktisch.   

Einfacher Namenwechsel

Mit einem Schmunzeln fügt Copas noch einen weiteren Vorteil an, den die Übernahme genau dieses Betriebes bietet: Im Firmennamen müssen nur wenige Buchstaben gewechselt werden. Aus der Buchbinderei Westermann wird die Buchbinderei Wetzikon.

Das bisherige Dienstleistungsangebot will die Jungunternehmerin grösstenteils fortführen. Dazu gehören das Binden und Heften von Broschüren und Büchern aller Art, das Auffrischen von Buchdeckeln, das Rahmen oder auch die Kartonage. Kartonage? Richtig, das Anfertigen von kunstvollen Schachteln.

Noch mehr Forcieren will sie das Einrahmen. Auch das Kursangebot soll ausgebaut werden, etwa mit Handlettering, einer modernen Form des Schönschreibens.

Kunsthandwerk zu Kunsthandwerk

Vor allem im Laden sieht sie einige Veränderungen vor. So arbeitet sie mit mehreren Kunsthandwerkerinnen zusammen. Deren Produkte möchte sie in Kommission verkaufen.

So werden ab Herbst – den Laden will sie während den Sommerferien umgestalten – spezielle Gin-Sets, Glastrinkrohre, Schilder mit Sprüchen, Töpferschalen oder Figuren aus Papier zu sehen sein. Beibehalten will Copas den Verkauf von Karten.

Berufswahl familiär vorgespurt

Obwohl sie in einem schwierigen Spartengebiet tätig ist, ist Copas zuversichtlich, dass sie Erfolg haben wird als Selbstständige. Dabei stützt sie sich auf ihre langjährige Berufserfahrung. Dass sie einen so seltenen Beruf ergriffen hat, liegt auch an der Familie. So hatte der Vater eine Kartonage und schon ihr Grossvater war Buchbinder.

Wie selten ihr Beruf ist, stellte sie schon bei der Suche nach einer Lehrstelle fest. In der Berufsschule in Zürich waren sie gerade einmal zu siebt, wohlgemerkt aus der ganzen Ostschweiz und dem Kanton Zürich. Vor allem später hat sie schon einmal ein mulmiges Gefühl beschlichen, angesichts der Zukunftsperspektiven ihres Berufs. 

In den USA alte Bücher aufgefrischt

Nach der Ausbildung als Handbuchbinderin sammelte sie Erfahrung in einer Handbuchbinderei in Bern und in einer Churer Behindertenwerkstatt als Gruppenleiterin. Danach zog es sie über den grossen Teich in die USA.

«Dort hatte ich das Glück, in einer der wenigen Handbuchbindereien des Landes zu arbeiten.» Die meiste Zeit verbrachte sie mit der Instandhaltung von alten Gewebe- und Lederbüchern. Nach neun Jahren kehrte die zweifache Mutter in die Schweiz zurück und schlug 2009 ihre Zelte in Illnau auf.

2013 eröffnete sie ein kleines Buchbinder-Atelier, das «PaperWerk», und arbeitete nebenbei als Teilzeitmitarbeiterin in der Kartonage, die mittlerweile an ihren Bruder übergegangen war, sowie einer grösseren Einrahmungsfirma. «Somit konnte ich mein Repertoire vergrössern und mein Wissen im Einrahmen vertiefen.»

Alt und modern zugleich

Dass sie in einem alten Handwerk tätig ist, zeigt sie auch im Logo. Dieses bildet eine alte Presse. Dass sie mit der Zeit geht, zeigt sich aber auch im Internetauftritt ihrer neuen Firma. Jetzt freut sie sich vor allem auf den Kontakt mit den Kundinnen und Kunden.

Karin Friederich, Ines Copas und Jonas Westermann (von links).
Ein grosses Lager an Einbindmaterialen hinter sich, die bisherigen Besitzer neben sich: Ines Copas (in der Mitte) übernimmt die Buchbinderei von Jonas Westermann und Karin Friedrich.

Bis sie sich eingelebt hat, dürfte es noch eine Weile dauern. «Am Anfang werde ich sicher noch viel am Suchen nach dem richtigen Material im Lager sein.»

Doch sie kann auf die Hilfe von Jonas Westermann zählen. Auch wenn er pensioniert ist, bleibt er in Rufnähe. Schliesslich wohnen die Westermanns weiterhin über der Werkstatt.

Neue Pläne für die alten Besitzer

Dass er sich auch nach der Übergabe ins Geschäft einmischen würde, muss Copas nicht fürchten. «Ich komme nur, wenn ich gerufen werde», meint Westermann. Und überhaupt: Viel Zeit wird er ohnehin nicht haben. Er will mit seiner Frau das Haus umbauen. Und dann steht da auch das Wohnmobil, das bewegt werden will.

«Wir freuen uns sehr auf diesen neuen Lebensabschnitt», sagt Karin Friedrich. «Die Zeit für den Wechsel ist reif. Die Erinnerungen an die zahlreichen tollen Aufträge, die interessanten Begegnungen und die Gespräche werden uns aber weiterhin begleiten», meinen die Westermanns: «Wir sind unseren Kunden dankbar für die Treue und Unterstützung während der letzten 42 Jahre.»

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