Warum Effretikon als Glückslos gilt
Treff für Kriegsflüchtlinge
Hinter jeder Flucht steht eine Geschichte. Das gilt auch für die Frauen, die den Ukrainerinnen-Treff im Kipferhaus von Effretikon besuchen. Zwei Betroffene erzählen.
Technisch mögen sie alle Kriegsflüchtlinge sein. Doch jeder Mensch, der die Ukraine verlassen musste, hat seinen eigenen Weg zurückgelegt, muss sein eigenes Schicksal verarbeiten und am neuen Ort mit seinen eigenen Herausforderungen kämpfen. Exemplarisch dafür stehen die Fälle von Nadiia Zhovtianska und Tetiana Oliinyk.
Nadiia Zhovtianksa: Flucht zur Schwester
Die 38-Jährige hat ihre Heimatstadt Kiew bereits Ende Februar 2022, also unmittelbar nach Kriegsausbruch verlassen. Zusammen mit ihrer zehnjährigen Tochter und ihrem viereinhalbjährigen Sohn zog sie zu ihrer Schwester, die mit ihrem Mann im Weiler Ottikon lebt.
Bereits in vergangenen Jahren war sie dort mehrfach zu Besuch gewesen. Sie wusste nicht nur, was sie erwartet. Sie, als auch die Kinder sprachen bereits ein wenig Deutsch. Ihr Mann blieb derweil zuhause, da er nicht ausreisen durfte – vom Militär eingezogen wurde er aber nicht.

Heute lebt Zhovtianksa in einer kleinen Wohnung, immer noch in Ottikon. Ihre Kinder gehen zur Schule. «In die normale Klasse», wie sie stolz erzählt. Tatsächlich ist das Gespräch mit ihr ohne Übersetzungshilfe möglich, ihr Deutsch konversationstauglich. Von Oktober bis Januar arbeitete sie im Glattzentrum als Weihnachtsaushilfe.
«Das ging, weil in dieser Zeit meine Schwiegermutter zu Besuch war und sich um die Kinder kümmern konnte», sagt sie. Inzwischen ist sie einen Tag die Woche im Stundenlohn für ein Geschäft in der Stadt Zürich tätig. Sobald es die Umstände erlauben, würde sie gerne wieder mehr arbeiten.
Trotz der einfachen Integration, zeigt sie sich über den Treff dankbar: «Es gab im Zusammenhang mit den Kindern sehr vieles, das ich nicht wusste.» Ausserdem habe ihr in den Anfangswirren des Kriegs der Austausch mit den Landsleuten gut getan. «Man konnte die Geschehnisse besprechen und sich dank den Leuten aus anderen Landesteilen ein besseres Bild der Lage machen.»
Wie es weitergeht, steht indessen noch in den Sternen. Ihr Mann kann die Ukraine nur temporär, etwa zum Transport von Hilfsgütern verlassen. «Für meine Kinder wäre es toll hierzubleiben», sagt Nadiia Zhovtianska. «Aber ich würde dereinst gerne wieder heimkehren.»
Tetiana Oliinyk: Die zerstörte Heimat
Mit ihren 6- und 18-jährigen Söhnen ist Tetiana Oliinyk im November in Effretikon angekommen. Die alleinerziehende Mutter stammt aus Cherson, einer Stadt im Süden der Ukraine, in der der Krieg besonders brutal tobte. Zuerst wurde sei mit ihren Eltern nach Dnipro evakuiert, anschliessend flog sie mit den Kindern in die Schweiz.
Nach Aufenthalten in Durchgangszentren in Zürich und Richterswil wurde der kleinen Familie eine Wohnung in Effretikon zugeteilt. Die 42-Jährige zeigt sich dafür enorm dankbar.
«Wir sind extrem froh, dass wir hierhin ziehen konnten. In den Lagern wird über mögliche Standorte diskutiert. Und Illnau-Effretikon gilt wegen der gut eingerichteten Wohnungen und der guten Betreuung als Glückslos.»

Wie so viele andere auch, habe auch sie von der Hilfe von Maryna Samchuk und des Netzwerks profitiert – speziell bei Fragen in Behördenangelegenheit und zum Gesundheitswesen. Vor allem aber hat es ihr bei der Integration der Kinder geholfen.
«Die ersten Wochen waren für sie nicht einfach, sie verstanden nicht recht, was mit ihnen geschieht», sagt Tetiana Oliinyk.
Unterdessen sei die Familie angekommen. Der jüngere Sohn ist eingeschult worden, der ältere befindet sich wie sie im Deutschkurs und würde danach gerne arbeiten.
Geht es allerdings um die mittel- und langfristige Zukunft, kann sie sich nur an vagen Vorstellungen orientieren. Klar scheint einzig die Ausgangslage: «Eine Rückkehr nach Cherson ist undenkbar. Alles was wir hatten und kannten, gibt es nicht mehr.»
In der Schweiz zu bleiben, fände sie speziell für ihre Kinder attraktiv. «Das Land ist sehr schön und die Menschen nett», sagt. Doch sie ist sich der Schwierigkeiten und Hürden durchaus bewusst. Sie mag in Effretikon einen Platz gefunden haben. Doch ihr Leben bleibt im Ausnahmezustand.
