Exil-Ukrainer vernetzen sich in Effretikon
Treff für Kriegsflüchtlinge
Einmal im Monat treffen sich im Effretiker Kipferhaus geflüchtete Ukrainerinnen, um sich über das Leben in ihrer neuen Welt auszutauschen. Ein Besuch am Küchentisch.
Männer in Camouflage, zerstörte Strassenzüge, Wolodimir Selenski im Armee-Shirt: Die alltäglichen Kriegsbilder aus der Ukraine sind nicht nur trist und desillusionierend. Nach mehr als einem Jahr beginnen sie, die Menschen abzustumpfen.
Für die zehn Ukrainerinnen, die sich an diesem Dienstagmorgen im schmucken Kipferhaus des Effretiker Familienvereins einfinden, muss das höhnisch klingen. Sie haben Freunde, Familienmitglieder und teils gar ihre Ehemänner zurücklassen müssen. Der Krieg ist für sie brutal präsent.
Doch weiter geht das Leben auch für sie und ihre Kinder. An einem fremden Ort, mit einer anderen Sprache und einem Berg von neuen Regeln, Pflichten und Gegebenheiten. In Effretikon.
All die neuen Herausforderungen zu meistern, ist alles andere als einfach. Maryna Samchuk weiss das. Sie leitet den monatlichen Treff, den die Stadt Illnau-Effretikon im letzten Frühling initiiert hat und sagt: «Am Anfang gab es extrem viele Fragen, unterdessen klärt sich vieles schon im Netzwerk.»
Es geht ums Leben
Tatsächlich scheint man sich hier ziemlich gut zu kennen. Die Szenerie erinnert an eine vertraute Kaffeerunde. Auf dem grossen Küchentisch sind Kuchen, Kekse und Mandarinen aufgelegt, im Hintergrund hört man das laute Mahlen der Kaffeemaschine. Die Frauen, Männer sind keine gekommen, plaudern und lachen.
Obschon im lichtgefluteten Raum ausschliesslich Ukrainisch gesprochen wird, spürt man: Es geht nicht um den Krieg, sondern um das Leben. Es entwickelt sich eine eigene Dynamik, niemand bleibt aussen vor.
Die Diskussion läuft dennoch ziemlich strukturiert ab. Die Frauen geben sich gegenseitig Auskunft, es fallen Begriffe wie «Kita», «Kindergarten» oder «Gemeinde». Einmal setzt Maryna Samchuk zu einer längeren Erklärung an, die Frauen hören gespannt zu.
Die Kinder sind im Zentrum
Im Anschluss verlässt sie kurz ihren Platz, um für den Journalisten zu übersetzen. Es sei die Frage eingeworfen worden, ob man im Kipferhaus gemeinsame Aktivitäten für die Kinder organisieren könnte. «Da habe ich gesagt, dass man ein Konzept zum Betrieb machen muss, in dem unter anderem sichergestellt wird, dass immer jemand die Aufsicht hat.»
Die Menschen unterschätzen in dieser Lage schnell einmal, was es alles braucht, um hier normal leben zu können.
Leiterin Maryna Samchuk
Kinder – generell drehe sich in der Runde viel um sie. Alle hier haben welche. Wie kann man Ihnen bei der Integration helfen? Wie nach der Schule beschäftigen? An wen sich wenden, wenn sie krank sind?
Daneben gibt es jede Menge technische Angelegenheiten. Insbesondere im Gesundheitswesen und im Umgang mit den Behörden stossen die Geflüchteten schnell an Grenzen.
Glücksfalls SamchukIn dieser Hinsicht ist Maryna Samchuk ein Glücksfall. Sowohl für die Stadt wie für die Betroffenen. Die gebürtige Ukrainerin ist vor 20 Jahren in die Schweiz gezogen und hat inzwischen die Staatsbürgerschaft angenommen. Seit zwei Jahren lebt sie mit ihrem 4-jährigen Sohn in Effretikon.

Als Finanzbuchhalterin kennt sie die Irrungen und Wirrungen, die Zwänge, aber auch die Möglichkeiten des hiesigen Staats- und Wirtschaftssystems. Vor allem aber weiss sie, wie gross der Unterschied zu den Verhältnissen in der Ukraine ist.
Sie sagt: «Die Menschen unterschätzen in dieser Lage schnell einmal, was es alles braucht, um hier normal leben zu können.»
Ich sehe das als meine Pflicht als Ukrainerin.
Maryna Samchuk zu ihrem Engagement
Dass sie sich selbst derart ins Zeugs legt, ist für sie selbstverständlich. Samchuk stammt aus der Region Donezk, in der der Konflikt bereits 2014 ausgebrochen und die unterdessen von Russland annektiert worden ist. Ihre Eltern leben hinter feindlichen Linien – eine belastende Situation.
Unmittelbar nach Ausbruch des Krieges bot sie sich beim Kanton und bei der Stadt Illnau-Effretikon für freiwillige Hilfe an. Letztere kam etwas später mit der Idee eines Treffs auf sie zu. «Ich sehe das als meine Pflicht als Ukrainerin.»
Der Chat-Gruppen sei Dank
So kann sie einerseits ihren Landsleuten helfen, anzukommen, sich zurechtzufinden und Kleider und Spielzeug zu organisieren. Andererseits aber auch Hilfe zur Selbsthilfe zu bieten.

Unterdessen hat sich um sie ein Netzwerk gesponnen, das heute, alle Kinder und Grosseltern eingerechnet, gut 150 Leute zählt. Mittels Chat-Gruppen stehen sie untereinander in permanentem Kontakt, man unterstützt sich und freundet sich an.
«Die Menschen kommen aus allen Teilen der Ukraine, haben verschiedene Geschichten, verschiedene Schicksale. Zum Teil waren sie noch gar nie im Ausland. In der Gemeinschaft finden sie Halt», sagt Samchuk.
Derweil wird im Hintergrund am grossen Küchentisch des Kipferhaus munter weiterdiskutiert. Das Leben muss schliesslich weitergehen.
