Mieter André Steiner hat schon die ersten Sachen gepackt
Fall Seegräben
Als die Gemeinde ihm die Wohnung kündigte, um Geflüchtete unterzubringen, gingen die Wogen im ganzen Land hoch. André Steiner selbst hat die Situation akzeptiert. Er will auch seine Nachmieter kennenlernen, wie er bei einem Besuch erzählt.
Es herrscht Aufbruchstimmung im Haus von André Steiner. In einem Gang im unteren Stock der Zwei-Etagenwohnung stapeln sich einige Bananenkisten. Acht Stück hat er schon organisiert. «Ich werde noch mehr brauchen», sagt der 47-Jährige und lacht.
Steiner wirkt angesichts der Umstände relativ gefasst. Er ist es, der aus der Wohnung in Seegräben ausziehen soll, damit die Gemeinde eine Familie Geflüchteter aufnehmen kann. Anders als die Öffentlichkeit weiss er das schon seit letzter Woche, Montag. Nicht gefasst war er auf den Rummel, den diese Nachricht ausgelöst hat.
«Das ist die Post von heute.» Er zeigt auf einige Briefe, die er auf dem Sofa ausgebreitet hat. «Gestern waren es auch schon sechs Stück.» Es sind Briefe aus Nachbarsgemeinden, der Innerschweiz, von überall her. Die Menschen bekunden darin ihr Mitgefühl und bieten Hilfe an.
Noch kein brauchbares Hilfsangebot
Aus Weggis im Kanton Luzern ist ein Jobangebot darunter. «Dies hat mich sehr gefreut, doch leider ist es doch etwas weit weg von meinem Lebensmittelpunkt und meinen zwei Söhnen», kommentiert Steiner.
«Das wäre schön, wenn ich noch jung und ungebunden wäre», sagt der zweifache Vater, «Aber meine Kinder sind jedes zweite Wochenende bei mir.»

Russikon wäre da schon etwas näher. Aus dieser Gemeinde hat Steiner ein Wohnraumangebot erreicht. Jedoch bietet diese Wohnung keine Möglichkeit, einen Werkraum einzurichten.
Das setzt der gelernte Schreiner aber voraus. «Meine Werkstatt liegt mir am Herzen», erzählt er und fügt an, dass diese gut ausgestattet sei. Ausserdem liegt die Wohnung nicht gerade am Arbeitsweg.
Zuhause für Katzen und Kinder gesucht
Lieber wäre Steiner ein neues Zuhause in der Umgebung von Rüti. Von da wäre es ein Katzensprung nach Wald, wo er arbeitet. Und zurück zu seinen «Stubentigern», Mia und Snowball. Auch für sie wünscht er sich ein Daheim mit etwas Umschwung.


Platz sollen im neuen Zuhause auch seine beiden Söhne haben. Ein Zimmer reiche aber. Von den beiden Lehrlingen ist nur noch der jüngere regelmässig beim Vater. Der Ältere geht lieber mit Freunden in den Ausgang.
Steiner, der seit 2019 geschieden ist und seit sechs Jahren alleine lebt, betrachtet die Kündigung seiner Wohnung als Beginn eines neuen Lebensabschnitts. Über 15 Jahre hat er hier gelebt.
«Ob ich hierbleiben will, darum kämpfen will? Das muss nicht unbedingt sein», sagt er und zuckt mit den Schultern. Auch wenn er mit dem Haus viele Erinnerungen verbindet - an eine Zeit mit der noch intakten Familie.
Viel Arbeit in die Wohnung gesteckt
Als Sechser im Lotto für die noch junge Familie bezeichnet er das damalige Wohnangebot der Gemeinde Seegräben direkt über einem Kindergarten. Sein Beruf, der Schlüssel dazu.
Die Gemeinde war überzeugt, dass der gelernte Schreiner aus der zweistöckigen Wohnung im in die Jahre gekommenen Schulgebäude ein behagliches Zuhause schaffen kann. Und das hat er auch.
Sichtlich stolz führt er durch die Zimmer und erklärt, wie er die Möbelfronten in der Küche ausgetauscht hat, um die Wohnung heller zu machen. Der Holzboden knarzt dabei unter seinen Füssen. Auch Fenstersimse hat er begradigt. «Die waren so schräg, da konnte man nichts draufstellen.»

Die Tür zum Bad hat er schallisoliert, die alten, rostigen Heizkörper ausgetauscht, Arbeitsplatten und Schubladen in der Küche selbst gebaut und vieles mehr. Geld für diese Aufwertung hat er von der Gemeinde keines bekommen.
Auch nicht dafür, dass er die Hecke ums Haus stets gepflegt hat - nicht nur seinen Teil des Grünraums im hinteren Bereich; sondern teilweise auch den, der Gemeinde. Und trotzdem hegt er keinen Groll.

Steiner würde sich freuen, wenn eine fünfköpfige Familie in die Wohnung kommt. «Es wäre schön, wenn ich sie vorher kennenlernen könnte.» Gerne würde er ihnen auch ein paar seiner Sachen da lassen.
Darunter den Rasenmäher und weiteres für den Aussenbereich. «Ich weiss ja nicht, ob ich das an einem anderen Ort brauchen kann.» Viel Platz beansprucht der tüchtige Mann schon heute nicht mehr.
Steiner bewohnt nur einen Bruchteil der Wohnung
Seit sechs Jahren nutzt er eigentlich nur noch den oberen Stock zum Wohnen. Hat sich für 200 Franken eine zweite Küche von einem Abriss in Pfäffikon besorgt. Einzig Badezimmer und WC sind im unteren Stock, den er bis letzten November noch untervermietet hatte.
Von den insgesamt rund 150 Quadratmetern, exklusive Werkstatt und Umschwung, beansprucht Steiner rund einen Fünftel für sich. Und weil im oberen Stock der Anschluss für Warmwasser fehlt, habe er «die letzten sechs Jahre eigentlich mit kaltem Wasser gelebt - ausser zum Duschen.»
Dann klingelt das Telefon, wie schon zuvor immer mal wieder. Am Mittag war der Seegräbner Gemeindeschreiber dran, mit Neuigkeiten aus einer ausserordentlichen Sitzung.
Dank eines Kollegen wusste Steiner schon, dass die Gemeinde sich bei den Geflüchteten verzählt hatte. Davon hatte dieser im Zürcher Oberländer gelesen. Trotzdem beharrt die Gemeinde auf der Kündigung.
Packen trotz Aufschub der Kündigungsfrist
Sie will Steiner aber einen Aufschub für die Kündigungsfrist gewähren. Den genauen Termin bekommt er per Post.
Laut Steiner soll die Kündigung bestehen bleiben, weil er alleine in der 5.5-Zimmer-Wohnung zu viel Wohnraum besetzt. So sehr er sich über den Aufschub freut, irritiert ihn diese Argumentation. Lange aufhalten lassen will er sich aber nicht.
Im Kinderzimmer hat er schon angefangen, die elektrischen Installationen zurückzubauen. Der Kleiderschrank ist verschenkt, die Betten sollen seine Kinder übernehmen. Diese seien besser, als diejenigen, die sie jetzt zuhause haben.
