Im Kunstlicht spazieren am Greifensee
Wie hell darf die Nacht leuchten?
Die zunehmende Lichtverschmutzung stört den normalen Zyklus der Natur, denn unsere Nächte werden immer «lauter»: Auf einem Spaziergang mit Lukas Schuler des Vereins Dark-Sky Switzerland.
Die nächtliche Veranstaltung hat rund 35 Spaziergängerinnen und Neugierige aus der warmen Stube zum Greifensee gelockt. Wir wirkt künstliches Licht auf die Natur und den Menschen? Was für Auswirkungen haben künstliche Lichtemissionen?
Diese Fragen standen in der Ausschreibung zum nächtlichen Spaziergang. Vorfreudig und warm eingepackt stehen nun die Teilnehmenden vor dem Gasthaus Krone. Lukas Schuler des Vereins Dark-Sky trägt zusätzlich eine Leuchtweste.
Es gibt für jedes der Leuchtprobleme auch einfache Lösungen.
Lukas Schuler, Geschäftsführer des Vereins Dark-Sky
«Falls ich auf dem heutigen Spaziergang kritische Worte über all die verschiedenen Lichtquellen verliere, bitte nehmen Sie es nicht persönlich.» Er kenne hier in Greifensee niemanden und wisse auch nicht, wer wo wohne. Er möchte einzig auf die Faktoren hinweisen, wo und warum Lampen in der Nacht störten. «Es gibt für jedes der Leuchtprobleme auch einfache Lösungen», fügt der 53-Jährige an.
Sicherheit versus Schutz der Natur
An der Dorfstrasse zeigt er auf die Strassenlaternen. Das hier sei ein klassischer Ortseingang mit Fussgängerstreifen, hier müsse die Beleuchtung auch für Velofahrer und Fussgänger Sicherheit bieten. Man könne aber bei der Planung der Verhältnisse immer mit der Farbtemperatur arbeiten.
Die älteren Natriumlampen seien deswegen für die Tierwelt weniger verwirrend als die Neuen. «Oranges Licht zieht weniger Insekten an». Schuler misst die Farbtemperatur der orangen Strassenbeleuchtung: 1850 Kelvin. Er nickt zufrieden. «Das Farbspektrum ist schmal, das ist gut.»
Einige Meter weiter vorne nimmt er sein Messgerät wieder zur Hand. «Jetzt stehen wir unter einer neueren Strassenlampe.» Diese wirken heller.
Der Naturwissenschaftler misst auch hier und zeigt der Gruppe ein breitwelligeres Bild auf seinem Display. «Hier haben wir mehr als 3000 Kelvin. Das Farbspektrum ist breiter. Dieses Licht zieht deswegen viel mehr Nachtfalter und andere Insekten an.»
Unterschiedliche Farbtemperaturen
Nun lädt der Naturwissenschaftler ein, den Blick auf die Fassade des Gasthauses Krone zu lenken. Wer in beide Fenster blickt, sieht den Unterschied zwischen kurzwelligem und langwelligem Licht sofort. «In der Küche leuchtet kaltes Neon, damit man klinisch jedes Dreckli sieht.» In der Gaststube hingegen wirke es warm und man erzeuge eine gemütliche Atmosphäre.
Schuler zeigt auf Venus und Mars. «Auch Sterne leuchten in unterschiedlichen Farbtemperaturen. Die alten Sterne, die schon lange verglüht sind, wirken wärmer als die neueren Sterne».
Die nächste Station führt die nächtlichen Spazierenden auf einen Weg entlang des Werriker Bachs. Der kleine Weg in Richtung Sportplatz ist grell beleuchtet. Das empfinden auch einige der Teilnehmenden als störend. «Hier könnte man mit einfachen orangen Filtern Abhilfe schaffen», empfiehlt Schuler.
Auch der Gemeinderat Stefan Karl (Die Mitte) hört diesem Vorschlag nachdenklich zu. «Das können wir beim Tiefbau gerne anschauen». Es sei allerdings auch immer eine Frage des Budgets.
Die Spieler am Boden müssen etwas sehen können, nicht die Vögel.
Lukas Schuler, Dark Sky
Weiter vorne auf dem Sportplatz spricht der Dark-Sky-Vermittler von asymmetrischen Leuchten. «Wer schlau plant, dämmt das Licht ein oder richtet es punktgenauer aus.» Gerade auf Sportplätzen sei es sinnfrei, wenn die Leuchten nach oben zündeten.
«Die Spieler am Boden müssen etwas sehen können, nicht die Vögel.» Er frage sich, warum man es nicht besser mache, wenn man es doch besser wisse.

Wie inszeniert, passiert jetzt ein Hund mit leuchtend-rotem Halsband an der Leine seines Herrchens die Spaziergänger. Schuler greift es auf: «Solange das Halsband den Hund nicht stört ist es okay.» Die Truppe schmunzelt.
Die Veranstaltung bei Leermond geplant
Die Nacht ist relativ dunkel. «Wir haben den Termin extra so gelegt, dass er bei Leermond stattfindet», sagt Thomas Honegger (Grüne).
Der Vizepräsident des Ressorts Hochbau erklärt, deswegen fände die Veranstaltung auch im Winter statt. «Im Sommer hätten wir viel später starten müssen, um diese Dunkelheit zu erreichen.»
Die Teilnehmenden werden jetzt von einem zu hell beleuchteten Garagenplatz auf einen düsteren Feldweg geführt. Die Spazierenden tapsen vorsichtig ins Dunkle. Den Boden kann man wegen des grellen Lichtes im Rücken nicht ausmachen.
Erst nach einer Weile gewöhnen sich die Augen an die Dunkelheit. Wer den Blick nach Osten richtet, merkt, trotz Leermond ist es gar nicht so dunkel: Am Horizont hängt eine orange Lichtglocke über Uster. «Eindrücklich», raunt es durch die Menge.
Zugvögel mögen klare Flächen
Auch der Blick über den Greifensee verzaubert einerseits, regt andererseits zum Nachdenken an. «Zugvögel mögen diese klaren Flächen über den Seen», sagt Schuler. Nachts flögen sie darüber und nutzten dabei die Sterne als Orientierung. Aber was, wenn künstliches Licht sie dabei ablenke?

Gerade der leuchtende Heiligenschein des JaBee Towers in Dübendorf wirkt sehr dominant. «Ich verstehe nicht, warum ein Wohnhaus mit Licht in Szene gesetzt werden muss.» Das störe die Anwohner doch bestimmt auch.
Der virtuelle Guckkasten verzaubert
Zu guter Letzt darf sich die Truppe im Landenberghaus bei einem offerierten Tee aufwärmen. Naturwissenschaftler Schuler scheint nicht zu bremsen zu sein und zeigt hier seinen Lichtsimulator.
Wer hinein blickt, sieht eine Skyline vor nächtlichem Himmel, erst im Umfeld einer Metropole, danach Zürich, auf dem Land, in den Bergen und zum Schluss in der Wüste. Folgende Laute sind von den Menschen, die hineinblicken, zu hören: «Hmmm, ahh, uhhh, wooooow!»
Viele der Teilnehmenden sind fasziniert: Ihnen war vor der Veranstaltung nicht bewusst, wie «laut» Licht eigentlich sein kann.
