Der Unangepasste, die Tiere und die Betreuten
Buch über den Hof Wagenburg in Seegräben
Gut 34 Jahre lang hat Andreas Ott den Demeter-Hof Wagenburg aufgebaut und geleitet. Nun erzählt er in einem Buch, wie eng es mit 15 Leuten und einer Dusche sein kann und wie ein Esel den Verkehr lenkt.
«Unser Hof»: So lautet der Titel seines Buchs, das Andreas Ott mit Hilfe seiner jüngsten Tochter auf Ende 2022 fertiggestellt hat. Dabei lebt er schon seit eineinhalb Jahren nicht mehr in der Wagenburg, einem Weiler der Gemeinde Seegräben. «Dieses Buch hat mir beim Loslassen geholfen», meint der 66jährige Ott, der seit seiner Pensionierung in Pfäffikon daheim ist.
Trockenes Brot für einen Besuch
«Es war für mich ein Privileg, von Tieren umgeben zu sein», sagt der Meisterlandwirt. Die vermisst er trotz des Schreibens noch immer. «Wenn ich trockenes Brot habe, bringe ich es im Hof vorbei.»
Auch die Kontakte zu den Betreuten fehlen ihm. In den gut 34 Jahren, die er den Hof Wagenburg geleitet hat, betreute er Dutzende geistig beeinträchtigte Menschen, die hier ein Zuhause gefunden haben.
Fünf waren es ganz zu Beginn, als Ott zusammen mit seiner Frau Daniela am 1. Mai 1987 den Hof übernahm. Heute verfügt die Wohn- und Arbeitsstätte des Vereins Zürcher Eingliederung über 18 Plätze für Menschen mit einer Beeinträchtigung. Hinzu kommen etwa ebenso viele Betreuerinnen, Lehrlinge und Praktikanten.
Längst ist der Hof über das eigene Gelände hinausgewachsen. Für die Betreuten und die Betreuer sind Zimmer in der direkten Nachbarschaft angemietet worden und seit einiger Zeit gibt es einen kleinen Ableger in der Aussenwacht Aretshalden.
Endlich Zeit für Rückschau
«In dieser langen Zeit haben wir viel erlebt, das eigentlich aufgeschrieben werden sollte», erklärt Ott. Alleine, die Zeit fehlte: «Wir leben dort eben sehr im Jetzt.» Erst ein halbes Jahr vor seiner Pensionierung setzte er sich hin, und dann floss es aus ihm heraus.
Überall im schön bebilderten Buch, das auch diverse Liedertexte der «ottschen» Gruppe Baldrian enthält, dringt sein Sinn für Humor durch. «Lachen ist gesund. Über Witz die Kommunikation mit den Betreuten zu fördern, ist toll.»
Und lustige Situationen hat es in diesem Zusammenleben viele gegeben. Etwa wenn der Esel Maxli als lebende Verkehrsberuhigung diente, wenn er wieder einmal die Strassenkreuzung vor dem Hof besetzte. Oder als sich eine Kuh auf dem Nachhauseweg von der Viehschau an einem Hochzeitsbuffet bediente.
Die Hygiene und Gaddafi
Derweil hatten die beengten Verhältnisse ganz am Anfang eine nachhaltige Wirkung auf Otts Hygiene. Für rund 15 Leute gab es damals nur gerade ein Badezimmer. Staus und lustige Begegnungen waren die Folge. «Mit der Zeit besuchte ich das Badezimmer immer seltener, was mir bis heute geblieben ist», schreibt er.
Verewigt worden ist im Buch auch die Suche nach dem libyschen Diktator Gaddafi. Ein Bewohner meinte diesen in der Nähe der Wagenburg-Alp im Glarnerland gesehen zu haben. Der nach einem Anruf ausgerückte Polizist konnte dann nur mit Mühe beruhigt werden, als ihm mitgeteilt wurde, dass Gaddafi wohl doch ein anderes Versteck gewählt hatte.
Die Freiheiten des Originals
Zu Wort kommen im Buch auch viele Betreute, Betreuerinnen, Nachbarn und Arbeitskollegen. Die Geschäftsleiterin des Vereins Zürcher Eingliederung beschreibt Ott nicht nur als einen verständnisvollen, grosszügigen Menschenfreund und engagierten Hofleiter. Sie spricht auch das Original an, das sich kaum führen liess. Bürokratie, Regeln und Vorschriften sind der Saftwurzel stets ein Gräuel gewesen. Das bekamen nicht nur seine Arbeitskollegen, sondern auch die Behörden zu spüren.

Doch der sozialtherapeutische und betriebswirtschaftliche Erfolg – «wenn man gute Arbeit macht, kommt das Geld von selbst» – mit seiner biodynamischen Landwirtschaft erlaubten es Ott, auch unkonventionelle Ideen zu verwirklichen. Dazu gehörten etwa der Dreh eines Spielfilms, eine Biomodeschau, die «Buuredisco» oder ein eigener Zirkus. «Ich habe mir vom Verein immer grosse Freiheiten ausbedingt», hält Ott fest.
Humor, Offenheit und ein riesiger Schutzengel
Neben dem Humor habe ihm stets seine Offenheit geholfen. «Ich wollte nichts unter dem Deckel behalten. Eltern von Betreuten konnten jederzeit auf dem Hof vorbeikommen. So haben wir Transparenz geschaffen.» Auch kannte der Nonkonformist keine Berührungsängste zu Andersdenkenden. Das zeigte er mitunter in den Jahren, die er im Seegräbner Gemeinderat sass und dort für die Landwirtschaft und das Fürsorgeamt zuständig war.
Und schliesslich war da noch eine Erfolgszutat: «Wir hatten u huere Glück. Unser Schutzengel muss ein Bodybuilder sein.» Die Landwirtschaft sei gefährlich. Erst recht mit geistig beeinträchtigten Menschen. Passiert sei dennoch wenig, auch bei den Fahrten mit dem Ladewagen oder Feiern bei Kerzenlicht im Futtertenn.
Besuche hier und dort
Auch wenn Ott nicht mehr auf dem Hof lebt, sind von ihm dort noch immer viele Spuren zu finden, etwa in den Bildern, die er gemalt hat. Und ganz so absolut ist der Abschied dann doch nicht gewesen.
Wenn es an Personal fehlt, kommt er auf Abruf vorbei, beispielsweise für Abenddienste. Zudem besuchen ihn Betreute schon mal in seinem Mehrgenerationenhaus in Pfäffikon. Und Andreas Ott wäre nicht Andreas Ott, wenn ihn das nicht inspirieren würde: So trägt er bereits wieder die Idee eines Ferienlagers mit sich, das er für die Betreuten organisieren möchte.

Lesung im Wetziker Buk
Andreas Ott liest am Samstag, 4. Februar, ab 16 Uhr im Bücherladen Buk an der Usterstrasse 95 in Wetzikon aus seinem Buch «Unser Hof Wagenburg, Seegräben». Dieses ist im Beer Verlag in Zug erschienen. ISBN 978-3-85568-03-3.