Dieser Pionier wirkt in der Bücherei
Erfolgsmodell Ustermer Stadtbibliothek
Roman Weibel hat die Bibliothek revolutioniert. Er sieht sein Wirken als soziales Experiment und vertraut dem dänischen Vorbild mit den erweiterten Öffnungszeiten.


Roman Weibel sitzt in einem Ohrensessel in einer Ecke der Bibliothek. Es ist schon dunkel draussen. Jugendliche Besucher sitzen an Tischen, quatschen und machen Hausaufgaben. Der Leiter der Stadtbibliothek Uster mit den stahlblauen Augen wirkt zufrieden mit dem Mikrokosmos, den er hier erschaffen hat.
In der Kinderecke gibt es Kissen und Zelte, die zum Einkuscheln und zum Lesen einladen. Im oberen Stock brüten Studierende über ihren Bachelorarbeiten.
Verblüffend sind aber vor allem die Öffnungszeiten, die hier seit Mai letzten Jahres gelten: 365 Tage im Jahr stehen die Türen der Bibliothek von sechs Uhr morgens bis um zehn Uhr abends offen.
Besucherinnen und Leseratten dürfen hier auch ohne begleitendes Personal Bücher ausleihen. Die Kaffeemaschine und der Drucker funktionieren rund um die Uhr. «Bei uns stehen die Menschen im Zentrum und nicht die Bücher», sagt Weibel. Das Modell «Open Library» stammt ursprünglich aus Dänemark.
Roman Weibel brachte das Konzept 2019 nach Uster. Neben Mendrisio und Chur war sie die dritte Bibliothek der Schweiz, die so flexibel funktionierte.
Bei uns stehen die Menschen im Zentrum und nicht die Bücher.
Roman Weibel, Leiter Stadtbibliothek Uster
«Ich möchte einen sozialen Ort anbieten», sagt der 55-Jährige. Ein Treffpunkt an der Wärme, der offen ist für alle, der keinen Eintritt kostet und an dem man nicht zwingend konsumieren muss. Das setzt aber viel Vertrauen in die Menschheit voraus.

Klar habe man sich überlegt, was tun, wenn zum Beispiel plötzlich Menschen mit Bierdosen in der Hand auftauchten. Sie hielten sich oft am nahe gelegenen Bahnhof auf, nutzten vor allem die Bibliothekstoilette und stöberten nie nach Büchern.
Damit es funktioniere, haben sie in der Bibi einfach ein paar klare Regeln eingeführt und sie den Besuchern kommuniziert. Man dürfe zum Beispiel das Klo benutzen. «Bierdosen bleiben aber draussen.»
Pionier eines sozialen Experiments
Weibel und seine Mitarbeitenden nehmen die manchmal unsauberen WC's in Kauf. Ein wichtigerer Aspekt sei es, zu allen Menschen eine Beziehung aufzubauen. Er ist mit allen Duzis. «Sie kennen mich und ich sie.»
Das Ganze fühle sich ein wenig wie ein soziales Experiment an. Das grösste Problem sei eher der Lärm, wenn Jugendliche sich selbst für einen Moment vergässen.
«Bis jetzt funktioniert es jedenfalls», sagt der Bibliotheksleiter und strahlt euphorisch. Sein Gesicht und sein Enthusiasmus erinnen ein wenig an die drahtigere Version von Robin Williams – der tragisch-komische Schauspieler, der im Film «Der Club der toten Dichter» spielt.
Nach seinem liebsten Kinderbuch gefragt, erinnert sich Roman Weibel an «Die schwarzen Brüder» von Lisa Tetzner. Er spricht mit etwas belegter Stimme, wenn er davon erzählt.
Die jungen Kaminfeger im Buch seien so schlecht behandelt worden, das sei ihm als Kind nahe gegangen. «Das Geschichte beruht auf wahren Tatsachen, deshalb hat sie mich auch so beeindruckt.»

Vor ihm auf dem Sofatischchen stapeln sich ein paar Bücher, die er heute mitgebracht hat. «Ich lese gerne Sachbücher, die mich inspirieren.» «Die Meinung der Anderen» von Tali Sharot sei so eines.
Darin gehe es vor allem um Psychologie und darum, wie der Mensch seine Entscheidungen treffe. «Da steht zum Beispiel, belohnen ist wirksamer als bestrafen», liest er vor. Das basiere alles auf Studien, darum interessiere es ihn.
Das spielt auch für ihn als Bibliotheksleiter und studierter Betriebsökonom eine Rolle. Er hat von der Stadt Uster nicht nur den Auftrag, die Bibliothek als schöner Ort zu gestalten – auch die Kasse soll stimmen.
Schlaue Betriebsökonomie
In den letzten Jahren habe es einerseits Sparprogramme gegeben, andererseits wurden die Dienstleistungen weiter ausgebaut. Deswegen habe man die Gebühren leicht erhöhen müssen. Bei der neuen Abo-Gestaltung half Weibel eben jenes Buch zur Entscheidungsfindung der Menschen.
Damit versetze er sich in die Köpfe der Bibliotheksbesucherinnen und -besucher. «Der Durchschnitt wählt Standard, wenn er oder sie etwas unsicher ist.» Also habe er das neue Abos ‹normal› getauft. daneben hat er noch ein zweites Abo namens ‹mini› ins Leben gerufen. Spannend sei, dass nun die meisten neuen Kundinnen und Kunden wählten ‹normal›.
Ob er selber ein Lebensmotto hat? Da muss er nicht lange nachdenken: «Gestalten statt verwalten». Er möge es, wenn er tun kann, was nicht verboten sei. Auch beruflich: Die Bibliothek sei zwar der Stadt Uster angeschlossen, «jedoch sind wir hier so etwas wie ein Paradiesvogel in der Verwaltung», sagt er und schmunzelt.
Man merkt, sein Beruf bereitet Roman Weibel Spass. Das schönste Feedback, das er und seine Mitarbeitenden je von einem Besucher erhalten haben: «Das ist der Ferrari unter den Schweizer Bibliotheken.»
