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«Ich bin einfach ein Fan dieses Dorfes»

Ein Blick in die Welt von Ernst Bänteli, Ortschronist von Pfäffikon.

Ernst Bänteli in der Chronikstube Pfäffikon. Gewisse Schätze dürfen hier nur mit Handschuhen angefasst werden.

Lea Chiapolini

«Ich bin einfach ein Fan dieses Dorfes»

Pfäffiker Ortschronist Ernst Bänteli

Er war Präsident des Verkehrsvereines, Dirigent des Männerchors, Sekundarlehrer und Schulleiter in Pfäffikon. Jetzt bewahrt er als Ortschronist die Geschichte der Gemeinde. Ein Blick in die Welt von Ernst Bänteli.

Lea Chiapolini

Oberland

In und für Pfäffikon – etwa so könnte Ernst Bäntelis Leben kurz zusammengefasst werden. Der bald 80-Jährige sitzt am Tisch in der Chronikstube Pfäffikon. Um ihn herum füllen dicke Zeitungsbände die Regale. Gleich daneben stehen farbige Ordner – alle säuberlich beschriftet. Das ist das Reich von Ortschronist Bänteli.

Kaum jemand kennt die Gemeinde so gut wie er. Seit 2010 ist Bänteli Leiter der Chronikstube, schon viel länger Mitglied der Antiquarischen Gesellschaft. Jährlich organisiert er eine Führung mit dem Verkehrsverein durch Pfäffikon, an der auch schon über 100 Personen teilnahmen. «Ich habe ja schon eine kräftige Stimme aber mittlerweile wird ein kleiner Lautsprecher auf dem Spaziergang mitgezogen.»

Lehrer, Schulleiter, Dirigent...

In den letzten Jahrzehnten hat er an der Geschichte der Gemeinde selber tatkräftig mitgeschrieben. Im Dorf geboren und aufgewachsen absolvierte er zuerst die Ausbildung zum technischen Konstrukteur. «Im Vorkurs des Technikums war mir aber derart langweilig, dass ich mich umentschieden habe.»

Er holte die Matura nach, liess sich schliesslich zum Sekundarlehrer phil. II ausbilden. Durch sein Engagement in der jungen Kirche Pfäffikon kannte er den damaligen Schulpräsidenten, der ihn anfragte, ob er nicht die neue Stelle in der Sekundarschule übernehmen wolle. «Also war ich für die nächsten 37 Jahre als Sekundarlehrer tätig.» Nach den Umstrukturierungen im Bildungswesen war er der erste Schulleiter im Sekundarschulhaus Mettlen.  

«Irgendwann fragte mich mein Nachbar, ob ich singen könne – im Männerchor sei man auf der Suche nach einem neuen Dirigenten. Also war ich die nächsten 23 Jahre als Dirigent beim Männerchor Eintracht dabei.» Gitarre habe er lange gespielt, Klarinette ebenfalls. «Heute hat das Keyboard alle Instrumente abgelöst. Ich kann einen Knopf drücken und spiele dann im Klarinettensound.»

Pfaeffikon , 20.08.2017 / Ernst Bänteli von der Antiquarischen Gesellschaft Pfaeffikon stellt die neue Jahresschrift zum Thema "Wo Pfaeffikon am Schoensten ist" vor, im Ortsmuseum Pfaeffikon . Bild: Nathalie Guinand
Ernst Bänteli während der Präsentation der Jahresschrift 2017.

Auch im Verkehrsverein hinterliess er seine Spuren, war 25 Jahre im Vorstand, 18 davon als Präsident. In dieser Zeit habe er immer wieder Kontakt mit Vertretern der Antiquarischen Gesellschaft Pfäffikon gehabt. «Und ich habe mich noch mehr für die Dorfgemeinschaft interessiert.» So sei er langsam in die Geschichte der Gemeinde «hineingerutscht».

Die grössten Projekte, welche er für das Dorfleben in leitender Funktion mitgeplant hat, waren die Festivitäten zu 700 Jahre Eidgenossenschaft und das Jugendfest 1991, der Jahrtausendübergang «Pfäffikon 2000» mit zwölf Einzelfesten während des Jahres, das Dorffest zu 1200 Jahren Pfäffikon 2011 – wieder mit Jugendfest.  

Dorfgeschichte im Fokus

2008 wurde er pensioniert, arbeitete aber in einzelnen Fächer noch zwei Jahre weiter, «da Not am Manne war». Mittlerweile ist er oft in der Chronikstube. Nun besteht seine Hauptaufgabe darin, Zeitzeugen der Geschichte Pfäffikons zu sammeln, zu archivieren und die Dorfgeschichte zu vermitteln. «Ich bin einfach ein Fan dieses Dorfes.»

Früher sei zwar keineswegs alles besser gewesen. «Aber die Leistungen der vergangenen Generationen werden oftmals zu wenig ästimiert», sagt Bänteli. «Wir dürfen nie vergessen, dass unser aller Leben auf den Errungenschaften vergangener Zeiten aufgebaut ist.»

Faszination für 19. und 20. Jahrhundert

So säuberlich aufgeräumt wie die Stube scheint es auch in Bäntelis Kopf zu und her zu gehen. Er feuert fast nebensächlich mit Zahlen und Fakten zu Pfäffikon um sich. «Mich hat schon immer fasziniert, wie die Welt entstanden ist und wie man alles wissenschaftlich erklären kann.» Als 2016 das Restaurant ‹L’Aq› abgerissen wurde, hatte er die Gelegenheit, 5000 Jahre alte Eichenpfähle anzufassen. «Das war ein sehr spezieller Moment.»

Am interessantesten für ihn sei jedoch das 19. und 20. Jahrhundert. «Viel früher lassen sich die Quellen nur schwer überprüfen, da so vieles mündlich überliefert wurde. Erst ab Schiller und Goethe verhebt die Sache langsam.»

Der Dorfbrand 1838 sei für die Dorfentwicklung besonders prägend gewesen. «Da hat man einerseits angefangen, Stein- statt Holzhäuser zu bauen, und andererseits wurde damals der Grundstein für die heutige Seestrasse und die Verkehrsführung gelegt.»

Luftaufnahmen Pfäffikon
Seit 42 Jahren wohnt Ernst Bänteli neben der reformierten Kirche Pfäffikon.

Der Verkehr durch Pfäffikon – ein Problemkind der Gemeinde seit Jahrzehnten – ist auch Bänteli ein Dorn im Auge. Seit 1943 ist eine Umfahrungsstrasse im Richtplan eingezeichnet. «Als wir vor 42 Jahren unser Haus neben der reformierten Kirche gekauft haben, gingen wir davon aus, früher oder später keinen Durchgangsverkehr mehr vor der Tür zu haben. Davon träumen wir aber heute noch.»

Am Spannungsfeld zwischen der Bewahrung historischer Zeitzeugen und dem Vorantreiben einer sinnvollen Modernisierung sei er besonders interessiert. «Pfäffikon wächst schnell und wir geraten langsam in die Zürcher Agglomeration hinein.» Die Menschen wollen auf dem Land leben und in der Stadt arbeiten. «Das bringt zu viele Leute ins Oberland, die oft nur wenig zur Dorfgemeinschaft beitragen wollen.»

Leute und Dorf haben sich verändert.

Ernst Bänteli

Früher sei es einfacher gewesen, in kürzester Zeit ein Fest zu organisieren. «Es gab immer genügend Hände, die mit anpackten. Heute ist alles zäher, man will sich weniger engagieren. Leute und Dorf haben sich verändert.» Mittlerweile würden viele Lehrerinnen und Lehrer lieber in anderen Gemeinden wohnen als dort, wo sie arbeiten.

Er habe es stets geschätzt, in Pfäffikon zu leben und zu unterrichten. «Ich war auch ausserhalb der Schulzeit im Dorf präsent, trug Verantwortung und war für die Kinder da.» Schulsorgen konnten etwa beim Einkaufen auf einfache Weise erörtert werden. «Meine Schüler wussten auch wo ich wohne – so ist es schon mal vorgekommen, dass meine Fensterläden an Schulsilvester verschwanden.»

Viel Freizeit

Müsste er sich in der heutigen Zeit noch einmal für einen Beruf entscheiden, würde er Sekundarlehrer vermutlich ausschliessen. Einerseits habe sich mit dem Internet und dem Smartphone vieles verändert. «Andererseits ist heute das ganze Bildungssystem viel komplizierter, akademischer und hierarchischer.»

In den Fächern Physik und Chemie, die er am liebsten unterrichtet hatte – «da hats manchmal auch gestunken, geklöpft und gebrannt!» – würden heute oft Videofilme eingesetzt, die alles perfekt zeigen. «Doch erinnert man sich später daran weniger.»

Seine eigenen Kinder haben keinen Nachwuchs. «Somit muss ich keine Enkel hüten und habe viel Freizeit.» Neben seiner Arbeit in der Chronikstube wandert Ernst Bänteli gerne. «Es gibt da noch einiges, was ich sehen will.» Zudem ist der zweifache Vater eingefleischter Bahn-Fan. «Um das Älterwerden hinauszuzögern, fordere ich mich stets selber feinmotorisch heraus.» Soll heissen: Im Estrich seines Hauses hat er sich eine grosse Modelleisenbahnanlage gebaut.

De Bänteli cha nöd nei säge.

Ernst Bänteli

Woher er die Energie für all seine Tätigkeiten habe? «Gutes Essen», sagt Bänteli breit grinsend. «Ich musste in meinem Leben bereits ein paar Male kochen aber ich esse lieber.» Zuhause gebe es eine klare Aufteilung. «Meine Frau kocht und ich räume auf.»

Obwohl die Energie und die nötige Gesundheit für sein Engagement noch da wären, versucht er nun doch, nach und nach einige Arbeiten an jüngere Nachfolger weiterzugeben. «Im Fall der Antiquarischen Gesellschaft bedeutet jünger meistens einfach frisch pensioniert.»

Wie es dazu kam, dass er in seinem Leben so viele Hüte getragen und sich stets für die Gemeinde eingesetzt hat, sei einfach zu erklären: «De Bänteli cha nöd nei säge.» Er habe im Leben viel Glück gehabt. «Darum möchte ich dem Dorf auch etwas zurückgeben.»

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