Gesellschaft

Das Hüsli von Schmidrüti, in dem einst Johannes Rebsamen wohnte

Die Geschichte vom Hüsli im Turbenthaler Weiler Schmidrüti reicht über 200 Jahre zurück. Wichtige Rollen spielten darin ein Mann namens Johannes Rebsamen und eine Kleinkläranlage.

Das Hüsli von Schmidrüti, in dem einst Johannes Rebsamen wohnte

Wer auf der Strasse von Wila Richtung Schmidrüti fährt, kommt in einer Kurve am sogenannten Hüsli vorbei. So ungewöhnlich der Standort des heutigen Doppeleinfamilienhauses ist, so besonders sind auch zwei damit verbundene Geschichten.

Eine dieser Rückblenden ist in der Neuzeit angesiedelt und findet Erwähnung im Buch «Turbenthal 1960 bis 1996». Es wurde als Nachfolgeband zu der umfangreichen Gemeindechronik herausgegeben.

Die falsch geplante Kläranlage

Ernst Hauser, ehemaliger Gemeindepräsident, beschreibt darin eine totale Fehlplanung: «Die Kläranlage Schmidrüti wurde gar zweimal gebaut: infolge unsorgfältiger Planung und nicht wohl durchdachter behördlicher Entscheide musste sie kurz nach Inbetriebnahme wegen Lärm- und Geruchsemissionen stillgelegt und weit abseits der nächsten Siedlung nochmals neu erstellt werden.»

Tatsächlich sorgte die in den Boden gebaute Kleinkläranlage bei Rosa Schopfer für Verärgerung. Sie wohnte im nahen Haus und kämpfte mit Vehemenz dafür, dass die Anlage abgebaut und an einen anderen Ort verlegt wurde.

Man sieht eine Schwarz-weiss-Aufnahme von einem alten Haus, am Boden davor deutet eine Bodenplatte die Kleinkläranlage an.

Ihr gut 200 Jahre altes Hüsli wurde später durch die Enkelkinder Claudia Wieland-Isler und Daniel Isler unter Mithilfe der Familie eigenhändig abgebaut. Seit zwei Jahrzehnten steht nun an dessen Stelle das grosszügige Doppeleinfamilienhaus.  

Das Leben von Johannes Rebsamen

Von Kläranlagen wusste man im 19. Jahrhundert noch nichts – hingegen was es heisst, in Armut zu leben. Davon zeugt die Geschichte von Johannes Rebsamen.

Historiker Wolfgang Wahl fand im Nachlass der Dorfchronistin Hedwig Spahr-Lüssi ihre Transkription der handschriftlichen Lebensgeschichte von Johannes Rebsamen-Bosshard (1797-1888). Er schrieb eine Zusammenfassung, die 2019 im Heimatspiegel des «Zürcher Oberländers» veröffentlicht wurde.

Faszinierend an Rebsamens Schreiberei sind die Einblicke in die Lebensumstände im 19. Jahrhundert. Er hat sogar die durch einen Vulkan verursachte Hungersnot in den Jahren 1816/17 festgehalten. Obwohl seine Schulbildung minimal war, konnte er der Nachwelt eindrückliche Schilderungen hinterlassen.

Der Werdegang seines Sohnes Ulrich Rebsamen (1825-1897) war erfreulich: Er wurde ein engagierter Lehrer, Pfarrer und Thurgauer Seminardirektor. Rebsamens Lebensgeschichte wird im Privatbestandarchiv im Gemeindehaus Turbenthal aufbewahrt. (rg)

In seinen niedergeschriebenen Erinnerungen steht, dass er im Turbenthaler Weiler Freckmünd geboren wurde.  Rebsamens Leben wurde geprägt durch einen alkoholkranken Vater. Dieser wirtete etwa ohne Patent, wurde einige Male verklagt und setzte einen Teil des ererbten Vermögens der Ehefrau in den Sand. In der Folge erhob die Mutter Scheidungsanklage und wurde alsbald geschieden.

Am 1. August 1810 habe sein Vater verreisen müssen ohne zu wissen, wohin, schreibt Rebsamen. «Als 13-jähriger Knabe musste ich mit ihm durch den Heurütiwald, dass ihn doch niemand sehe, wo er dann mit bitterlichem Weinen von mir Abschied genohmen, welches ich nie vergessen werde.»

Rebsamen erlebte, wie über den Vater geredet wurde. Er fasste den Plan, nicht ins Wirtshaus zu gehen und nicht zu spielen, da dies Unglück bringe. Der Vater tauchte später sporadisch wieder auf und belastete bis zu seinem Tod das Familienleben.

Wegzug nach Sitzberg

1810 zogen Mutter und Sohn auf Anordnung des  von der Gemeinde eingesetzten Vermögensverwalters  nach Sitzberg. Dort galt es nun, Hauszins zu bezahlen. Für Johannes Rebsamen, 13-jährig, bedeutete dies, dass er mitverdienen musste. Mit dem Gedanken, Leinenweber zu werden, führte ihn sein Weg zu einem Onkel. Das war keine schöne Zeit für den Jungen.

Bald hiess es aber, zurück zur Mutter zu gehen, um das Baumwollgarn zu spinnen und die Weberei zu erlernen. Unterbrochen wurden diese beiden Lehrgänge durch einen Abstecher zum Bauern Stahl, wo er zwar wenig Lohn, dafür genug zu essen hatte.

«Holzkraut und Kohlräbenkraut haben wir gegessen, Schnecken haben wir gekocht, welche gut sind.»
Johannes Rebsamen, einstiger Hüsli-Bewohner

Von der Weberei bekam Johannes Rebsamen einen «Fluss am rechten Arm». Die Krankheit schwächte ihn, dazu kam die Hungerskrise: «1816, ein sonderbarer Sommer. Ich erinnere mich, dass man fast nicht heuen kann.»

In jenem Jahr musste er mit seiner Mutter nach Oberhamberg ziehen. Der Hunger war allgegenwärtig, das Essen insgesamt schrecklich: «Holzkraut und Kohlräbenkraut haben wir gegessen, Schnecken haben wir gekocht, welche gut sind.»

Im Hüsli eine Heimat gefunden

Ab 1817 wollten die beiden gerne ein eigenes Heim. Der Vermögensverwalter  kaufte ihnen unterhalb von Schmidrüti das Hüsli. Rebsamen musste heuen und Kartoffeln rüsten. «Bald merkte ich, dass die Güterarbeit meiner Gesundheit nützlich ist», hält er fest. Im Mai 1822 heiratete er Elisabeth Bosshard. «Wir lebten so einsam, ich musste weben und sie näht, wir beide verdienen nämlich, wenn wir im Haus arbeiten.»

Nach der Geburt des ersten Sohnes erkrankte die Frau. Sie hütete wochenlang das Bett und ging daraufhin an einem Stock. Die Arztkosten belasteten das Ehepaar.

1925 kam Sohn Ulrich zur Welt, vier Jahre später ein Mädchen. Doch es folgten wieder harte Zeiten: «Auf Weihnachten 1829 wurden alle Kinder krank, sechs Wochen lang, in einer kalten Winterszeit, wir können gar nie aus der Stube, wir wissen nicht, welches zuerst sterben wird.»

1834 starben schliesslich Rebsamens Vater und der Vermögensverwalter , drei Jahre später seine Mutter. «Jetzt würden wir gerne hieß verkaufen und an ein anderes Ort hinziehen, denn im Gebirg mögen wir nicht sein», schreibt Rebsamen dazu, «aber die Kinder sind noch zu klein, noch nichts gelernt und so müssen es diesmal auch bleiben lassen, weil wir arm sind.»

Mitglied der Baukommission

Johannes Rebsamen litt Zeit seines Lebens unter seiner ungenügenden Schulbildung. 1835 wurde er zu einem Schulverwalter gewählt, obwohl er lediglich seinen Namen schreiben konnte. Unterstützung erhielt er durch den Turbenthaler Pfarrer Theiler.

«Verzeichnisse zu machen, Briefe machen kann ich nicht, Protokollführen kenne ich nicht.»
Johannes Rebsamen

Nachdem 1836 der Bau der neuen Sitzberger Kirche beschlossen worden war, kam er zu einem weiteren Amt: «Bald nachher werde ich in die Baukommission ernannt und als Unterschreiber bezeichnet. Verzeichnisse zu machen, Briefe machen kann ich nicht, Protokollführen kenne ich nicht.»

Trotz schwierigster Umstände machte Rebsamen seinen Weg. Am 3. Juli 1888 fand sich im «Tößthaler» abschliessend diese Mitteilung: «Im Häusli-Sitzberg starb gestern im hohen Alter von 92 Jahren Joh. Rebsamen, Vater des Herrn Rebsamen in Kreuzlingen. Der Verstorbene war der älteste Bürger der politischen Gemeinde Turbenthal.»

(Renate Gutknecht)

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