Er haucht alten Puppen neues Leben ein
Wer in seiner Kindheit ab und zu im Estrich spielte, weiss: Sie haben etwas Magisches. Unter dem Dachgebälk und in mancher dunklen Ecke verbergen sich Fundstücke, die einen stundenlang beschäftigen können.
Eine ähnliche Stimmung kommt auf, wenn man das Atelier der Tösstaler Marionetten in Rikon betritt: Mit dem Unterschied, dass einen von allen Seiten Puppen anlachen. Hier, im Dachstock eines stillgelegten Fabrikgebäudes, entstehen seit mehr als 30 Jahren Marionetten-Theaterstücke.
«Ich hatte mit Werner begonnen, das Atelier aufzuräumen, als mir plötzlich eine der Figuren in die Hände fiel.»
Seraphin Schlager, Co-Leiter Tösstaler Marionetten
«Der Raum versprüht eine magische Atmosphäre», sagt Seraphin Schlager. Er trägt einen markanten Bart und Pferdeschwanz. Vor rund einem Jahr hat er die Tösstaler Marionetten, das Lebenswerk von Werner Bühlmann, und damit einen Estrich voller Überraschungen übernommen. In Bubikon aufgewachsen, gründete Bühlmann 1985 die Tösstaler Marionetten. Nun tritt Schlager in seine Fussstapfen.
Das erste Stück des neuen Co-Leiters ist eine Neuinszenierung des Lindgren-Klassikers «Ronja Räubertochter». Die Idee dazu war eine der Überraschungen, die Schlager im Dachstock vorfand.
Ein Marionettentheater mit Musical-Flair
«Ich hatte mit Werner begonnen, das Atelier aufzuräumen, als mir plötzlich eine der Figuren aus dem Stück in die Hände fiel», erzählt Schlager. Als Kind sei «Ronja Räubertochter» von Astrid Lindgren eine seiner Lieblingsgeschichten gewesen.
Marionetten-Gründer Bühlmann hatte das Stück bereits früher inszeniert. Seraphin Schlager, der ursprünglich Musicaldarsteller ist, baute auf dessen Arbeit auf, restaurierte die Figuren und verlieh dem Stück musikalisch einen neuen Dreh.
So wird in der neuen Inszenierung dreistimmig gesungen, und es ertönen Klänge von Harfe, Gitarre und Mandoline. «Die Tatsache, dass sich unser dreiköpfiges Ensemble aus Musicaldarstellern zusammensetzt, wollten wir natürlich ausnutzen», sagt Schlager.
«Von den Einnahmen von ‹Ein schöner Schwindel› konnten wir während der ganzen Pandemie zehren.»
Seraphin Schlager
Zum Theaterspielen kam Seraphin Schlager schon früh, er stand schon mit zehn Jahren zum ersten Mal auf einer Bühne. Doch es verstrichen einige Jahre, bis das Theater mehr wurde als ein leidenschaftliches Hobby. «Ich hatte immer Freude daran. Aber nach der Matura hatte ich mir gesagt, davon leben müssen, will ich nicht», sagt er.
Der 30-Jährige entschied sich gegen eine Schauspielschule und für ein Studium in Germanistik und Philosophie. Nebenbei lebte er seine Liebe zu Musicals aus. Gemeinsam mit seinem ehemaligen Gymi-Mitschüler Mike Dumitrescu inszenierte er 2019 das Freilichtmusical «Ein schöner Schwindel» in Winterthur. Auch bei «Ronja Räubertochter» wirkt Dumitrescu mit – wenn auch eher im Hintergrund.
Intellekt trifft auf Handwerk
Das Freilichtmusical war ein grosser Erfolg. «Von den Einnahmen konnten wir während der ganzen Pandemie zehren», sagt der Theatermacher. «Das sagte mir: Es geht ja mit der Selbstständigkeit.» Und so entschied er sich trotz Plan B, sich fortan voll und ganz dem Künstlerdasein zu widmen.
Ein abenteuerliches Leben sei das. Mal verdiene man wenig, mal gar nichts. Oft wisse man nicht, wann der nächste «Lohn» eintrifft. «Solange ich noch keine Familie habe, ist das zum Glück noch ziemlich gut machbar», sagt Schlager.
«Am Figurentheater gefällt mir, dass man nicht nur intellektuell, sondern auch handwerklich arbeitet.»
Seraphin Schlager
Doch was verschlägt einen Musicaldarsteller ins Marionettentheater? Schlager kannte Bühlmann von dessen Produktion «Himmel und Höll», in der er mitspielte. Als dieser einen Nachfolger suchte, habe eines zum andern geführt.
«Am Figurentheater gefällt mir, dass man nicht nur intellektuell, sondern auch handwerklich arbeitet und von alledem etwas verstehen muss», sagt Schlager. Figurentheater und Musical, das sind allerdings zwei ziemlich unterschiedliche Welten.
Im Gegensatz zur Musicalbühne, wo man von Stimme über die Mimik bis zum Tanz alles braucht, müsse man sich hier mehr zurücknehmen. Sonst lenkt man zu sehr von der Figur, die man spielt, ab.
Die Allrounder
«Es war extrem spannend, zu erfahren, wie man mit wenig Mitteln eine spannende Geschichte erzählen kann», sagt Schlager. Beim Spielen müsse man sich nicht nur auf sich selbst konzentrieren, sondern auch in die Figur einfühlen können.
Mike Dumitrescu und Seraphin Schlager sind ein Allrounder-Duo. Vom Bühnenbild bis zur Sponsorensuche sind sie überall involviert. Das viele Selbermachen ist einerseits Notwendigkeit, doch birgt es auch Vorteile. «Es ist uns wichtig, über alle Aspekte des Theaters Bescheid zu wissen», sagt Seraphin Schlager.
Deshalb versuche er sich seit kurzem auch selbst im Figurenschnitzen. Zwar habe ihm das Wissen aus dem Studium ungemein geholfen, besonders beim Texten. Die meisten Fähigkeiten aber haben sich sein «Theater-Buddy» und er selbst angeeignet. « Man muss den Mut haben und es einfach versuchen, auch wenn anfangs nie alles gelingt», sagt Mike Dumitrescu.
Low-Budget im Blut
Ausbildungen gebe es viele. «Aber ein Studiengang, in dem man all das lernen kann, was wir uns angeeignet haben, gibt es nicht», sagt Dumitrescu. Und Schlager ergänzt: «Man kann sich nirgends zum eidgenössisch diplomierten Tausendsassa ausbilden lassen.»
«Wir hatten sogar schon Vorstellungen, bei denen mehr Erwachsene als Kinder im Publikum sassen.»
Mike Dumitrescu
Low-Budget liegt in der DNA der beiden Theatermacher. «Wir können es uns beispielsweise nicht leisten, ein benutztes Bühnenbild einfach wegzuschmeissen, sondern überlegen uns, wie wir es weiter nutzen können», so Dumitrescu. Das unterscheide ihre Produktionen von denen grosser Theaterhäuser.
Umso wichtiger ist die Unterstützung von Stiftungen, Gemeinden oder der Kulturförderung. «Wenn man im Theater sitzt, vergisst man schnell mal, dass mit dem Ticketpreis nicht die ganzen Kosten gedeckt sind», sagt Mike Dumitrescu.
Nicht ausschliesslich für Kinder
Mit «Ronja Räubertochter» bringt die Tösstaler Marionette ein familienfreundliches Stück auf die Bühnen, respektive in die Schlösser der Region. Doch wer denkt, Figurentheater seien nur etwas für Kinder, der irrt.
«Gerade ‹Ronja Räubertochter› ist auch ein Stück für Erwachsene, nicht zuletzt, weil es viele in der Kindheit begleitet hat», sagt Dumitrescu. «Wir hatten sogar schon Vorstellungen, bei denen mehr Erwachsene als Kinder im Publikum sassen.»
Das Stück Ronja Räubertochter ist morgen Mittwoch, 2. und Sonntag, 6. November im Schloss Kyburg zu Gast. Das Stück dauert anderthalb Stunden. Weitere Informationen und Tickets auf www.toesstaler-marionetten.ch.
