Der Sommerflieder, eine trügerische Schönheit
Das bunte Treiben und Geflatter auf einem blühenden Sommerflieder scheint eine bare Freude. Admirale, Tagpfauenaugen, Kleine Füchse und andere Schmetterlinge flattern von Blüte zu Blüte. Doch die Idylle trügt: Das hübsche Ziergewächs ist ein invasiver Neophyt, der den Schmetterlingen mehr schadet als nützt.
Ende des 19. Jahrhunderts brachten Europäer den Sommerflieder als Zierstrauch aus Südwestchina und Tibet mit nach Hause. Der Schmetterlingsstrauch wurde schnell zu einem äusserst beliebten Zierstrauch. Er wurde (und wird) in vielen Gärten angepflanzt; früher setzte man ihn manchmal sogar in Naturhecken.
Es braucht lediglich etwas offenen Boden, damit die Samen keimen können.
Viele Pflanzungen wären wohl gar nicht nötig gewesen, denn der Sommerflieder verbreitet sich effizient: Er ist anspruchslos, was die Nährstoff- und Bodenverhältnisse betrifft, und gegenüber Trockenheit ist er tolerant.
So vermag er an allen möglichen Standorten zu wachsen – an Strassenrändern und kiesigen Flussufern, im Blockwurf von Uferverbauungen, auf Industriebrachen oder in Felswänden.
Es braucht lediglich etwas offenen Boden, damit die Samen keimen können. Die jungen Sommerflieder wachsen schnell und blühen oft schon im zweiten Lebensjahr. Ab dem Spätherbst setzt jeweils die Fruchtreife ein. Die zahlreichen kleinen Fruchtkapseln öffnen sich und übergeben über Monate hinweg ihre kleinen Flugsamen dem Wind. Bis zu drei Millionen Samen produziert ein ausgewachsener Strauch jedes Jahr.
Wenn sich das Versprechen als Täuschung erweist
Was soll also schlimm daran sein, wenn auf einer vormals öden Fläche bunt blühende Sträucher wachsen und Schmetterlinge von Blüte zu Blüte gaukeln? Schlimm ist, dass der Sommerflieder den Schmetterlingen nicht nützt, sondern ihnen unter dem Strich schadet, denn die Sommerfliederblüten sind eine einzige Täuschung.
Der Schmetterlingsstrauch trägt seinen Namen zu Unrecht.
Mit ihrer violetten Farbe und einem starken Duft wirken die Blüten besonders anziehend auf viele Schmetterlinge. Doch statt reichlich Nektar finden die fliegenden Besucher nur wenig davon. Sie fliegen von Blüte zu Blüte und werden trotzdem nicht satt. Das Brutgeschäft wird dabei zur Nebensache.
Der Schmetterlingsstrauch trägt seinen Namen somit zu Unrecht. Kommt hinzu, dass hierzulande kein einziger Schmetterling existiert, der als Raupe auf dem Sommerflieder leben kann. Und da der Sommerflieder als invasive Pflanze andere, einheimische Pflanzen verdrängt, verringert sich die Chance der Schmetterlinge, eine Pflanze zu finden, auf der sie ihre Eier ablegen können.
Weg mit dem Sommerflieder, her mit dem Schwarzdorn
Wenn Sie sich also über Schmetterlinge freuen und ihnen helfen wollen, dann reissen Sie jetzt Ihren Sommerflieder mitsamt den Wurzeln aus und ersetzen ihn durch einheimische Pflanzen. Lila bis violett blühende Wildstauden wie die Skabiose oder Wilder Majoran würden sich zum Beispiel eignen. An ihren Blüten laben sich viele Schmetterlinge besonders gerne.
Falls die Ersatzpflanze wieder ein Strauch sein soll, wäre ein Schwarzdorn eine äusserst attraktive Variante. Der Schwarzdorn (oder Schlehdorn, wie er auch genannt wird) blüht früh im Jahr, wenn erst wenig andere Blüten vorhanden sind, und bietet der Tierwelt das volle Programm: Über 50 Falterarten besuchen die weissen, süss duftenden Blüten, legen die Eier ab oder fressen als Raupe von den Blättern.
«Der Schwarzdorn hat Stacheln», mögen Kritiker nun einwerfen. Stimmt.
Weitere 137 Insektenarten nutzen den Schwarzdorn in irgendeiner Weise. Von den schwarzblauen Beeren, die Liebhaber auch gerne zu einem Likör verarbeiten, naschen den Winter über 20 Vogelarten.
«Der Schwarzdorn hat Stacheln», mögen Kritiker nun einwerfen. Stimmt. Aber was sind schon ein paar Stacheln, wenn Sie über 200 verschiedenen Tierarten Nahrung oder ein Zuhause bieten können?
(Barbara Leuthold Hasler)
Porträt der Autorin
Barbara Leuthold Hasler arbeitet als selbstständige Biologin und Bergführerin. Um die Natur in ihrer Wohngemeinde kümmert sie sich als Naturschutzbeauftragte der Stadt Illnau-Effretikon und in ehrenamtlichen Arbeitseinsätzen in Naturschutzgebieten.
Neophyten
Über 800 Pflanzen- und Tierarten, die aus fremden Ländern stammen, haben sich bei uns etabliert. Rund 10% dieser Neobiota, wie Neophyten (Pflanzen) und Neozoen (Tiere) zusammengefasst genannt werden, verhalten sich bei uns invasiv. Das heisst, sie vermehren sich unkontrolliert und verdrängen einheimische Arten; manche von ihnen gefährden zudem die Gesundheit von Mensch und Tier. Ob oder wann eine fremde Art invasiv wird, ist völlig unvorhersehbar.

