Eine Rentnerin säubert Wetzikon - auf eigene Faust
«Doch, doch, manchmal fluche ich also richtig laut», gibt Elsbeth Meier zu. Gerade eben hat sie beim Bahnhof Kempten mit ihrer silbrigen Greifzange eine grosse braune PET-Flasche aus dem Gras gezogen und in den Einkaufswagen gelegt.
Ihr Blick ist traurig. «Es beelendet mich, wenn ich sehe, wie die Menschen mit der Natur umgehen.»
Auf der anderen Strassenseite läuft eine Frau mit ihrem Hund vorbei. Sie mustert die Szenerie, sieht den Journalisten und den Fotografen. «Frau Meier, werden Sie jetzt berühmt?», ruft sie und winkt freundlich.
Elsbeth Meier hebt den Kopf und grüsst strahlend zurück. Dann sagt sie: «Wissen Sie, die Hündeler sind sehr dankbar für das, was ich tue. Und das gibt mir unglaublich viel.»
Seit zwei Jahren unterwegs
Diese Sequenz, keine 30 Sekunden lang, genügt schon, um die Gegensätze in der Welt der 71-Jährigen zu illustrieren. Hier die Sisyphus-Arbeit, die sie Tag für Tag erledigt – im ständigen Wissen, dass neben der braunen PET-Flasche noch Zigarettenstummel im Gras liegen, die sie übersehen hat.
Und da die vielen Begegnungen mit Menschen, die, in offener oder stillschweigender Weise, ihr Tun wertschätzen.
Tatsächlich ist Elsbeth Meier eine Figur, die inzwischen zum Wetziker Stadtbild gehört. Seit zwei Jahren zieht die alleinstehende Rentnerin drei bis vier Mal die Woche während fünf bis sechs Stunden durch Oberwetzikon, Kempten und Ettenhausen. Und sammelt ein, was andere unachtsam weggeworfen haben.
Ihr Markzeichen, die orange Weste, die sie dabei stets trägt, dient ihrer Sicherheit, lässt sie aber auch auffallen. «Ein klein wenig schreckt sie auch ab», ist Meier überzeugt. Es gebe viele Leute, die sich bei ihrem Anblick unterbewusst daran erinnern würden, dass sie jetzt nichts auf den Boden werfen sollten.
Der Ursprung liegt in der Tierliebe
Will man Meiers Geschichte auf den Grund gehen, muss man früh anfangen. In ihrer Kindheit auf einem Bauernhof in Gossau. Sie sagt: «Ich bin mit Tieren aufgewachsen und habe sie immer geliebt.» Eine Liebe, die im Laufe ihres Lebens nicht ab-, sondern zunimmt.
Gleichzeitig stört sich die gelernte Kleiderverkäuferin, die jung Mutter wird und sich später scheiden lässt, an der Oberflächlichkeit ihres Berufs. Sie wechselt die Branche, arbeitet unter anderem als Köchin im Bezirksgefängnis und in der Pflege.
Im Ruhestand, ihre beiden langjährigen Hauskatzen sind mittlerweile verstorben, bereist sie schliesslich mit ihrem Generalabonnement die Schweiz und unternimmt lange Spaziergänge. Immer öfter fällt ihr der Abfall auf, der an den Strassenrändern liegt. Und wie die Hunde daran schnuppern.
«Der Gedanke, dass die Tiere am Abfall verenden könnten, hat mich verrückt gemacht.»
Elsbeth Meier
«Irgendwann habe ich mir diese Zange, einen Einkaufswagen und einen Regenmantel gekauft», erzählt sie. Denn: «Der Gedanke, dass die Tiere daran verenden könnten, hat mich verrückt gemacht.»
Pizzaschachteln, Windeln, Abfallsäcke
So beginnt sie mit dem «Fötzeln», anfänglich exzessive neun bis zehn Stunden täglich quer durch Wetzikon. Mit der Zeit pendeln sich Längen und die Anzahl Tage auf einem etwas moderateren Schnitt ein. Quasi in Ergänzung zu den öffentlichen Reinigungskräften sieht sie auch in den Büschen und Hecken nach. In der Regel füllt sie auf einer Tour einen 35-Liter Abfallsack.
Was sie alles findet, macht sie freilich nachdenklich. Insbesondere auch in den Feldern der Bauern bei Ettenhausen. «Volle Pizzaschachteln, Windeln voller Fäkalien, ganz Abfallsäcke», zählt sie auf.
Jedes Mal sei sie da aufs Neue entsetzt. «Die jüngste Meldung in Ihrer Zeitung zur trächtigen Kuh aus Rüti, die an einer verschluckten Aluminiumdose gestorben ist: So etwas bricht mir das Herz.» Da ist er wieder, der traurige Blick.
Umgekehrt, und das ist Elsbeth Meier wichtig zu betonen, sei es nicht ihr Ziel, die Welt zu verbessern. Sondern auf ihre eigene Art, ihren ganz persönlichen Beitrag zu leisten. Deshalb kann sie ihrer Beschäftigung nur alleine und nicht als Teil eines Teams oder Projekts nachgehen.
Sie sagt: «Ich muss selbst entscheiden können, wann, wie und wohin ich gehen möchte. Nur alleine habe ich die Freiheit, die ich brauche.» Und: «Ich brauche nicht von jedermann oder jederfrau ein Dankeschön. Deshalb bitte ich Sie, mein Gesicht in diesem Beitrag nicht zu zeigen.»
Kraft aus den Begegnungen
Dass ihr die Menschen Respekt zollen, sich mit ihr unterhalten und austauschen, ist ihr genug. Aus diesen Begegnungen zieht sie Kraft. Man spürt das regelrecht, wenn sie Anekdoten auspackt.
Vom sechsjährigen Buben etwa, dem die Mutter eine Abfallzange gekauft hat, weil er sich, von Elsbeth Meier inspiriert, eine gewünscht hatte. Oder vom jungen Mann, den sie freundlich darüber in Kenntnis gesetzt hat, welchen Schaden sein weggeworfener Zigarettenstummel im Grundwasser anrichtet.
Als sie diesen eine Woche später erneut antraf, habe er sich für die Aufklärung bedankt und ihr seine Freundin vorgestellt.
«Wissen Sie, es gibt so viele gute Leute. Da kann ich auch damit leben, dass die anderen leider etwas mehr auffallen», sagt Elsbeth Meier und lächelt zufrieden. «Ich hoffe einfach, dass ich sie etwas zum Nachdenken bringen kann.»
