Geldsegen für Kinder versiegt – «Pro Jugend Uster» löst sich auf
Florian Thalmann bezeichnet ihn als Kuriosum unter den Vereinen. Und der Präsident von «Pro Jugend Uster» muss es wissen. Schliesslich ist es tatsächlich so: Während wohl die allermeisten Vereine irgendwo auf Geldsuche gehen, um ihre Aktivitäten zu finanzieren, ist die Hauptaktivität von «Pro Jugend Uster» die Vergabe seines Vermögens.
Oder besser war. Denn am Freitag wurde 17 Jahre nach seiner Gründung ein Schlussstrich unter seine Existenz gezogen. Er hat kein Geld mehr, das er noch vergeben könnte. Die letzten rund 50’000 Franken, die er noch in seiner Kasse hatte, gehen hälftig an den Ferienplausch des Bezirks Uster und die Ustermer Schulen.
Verein mit Ablaufzeit
Thalmann ist über das Ende nicht traurig. Schliesslich war schon bei der Gründung von «Pro Jugend Uster» dessen Auflösung absehbar. Das einzig Überraschende war, dass der Verein länger durchhielt, als eigentlich gedacht. So waren die rund 600’000 Franken, die der Verein bei der Gründung auf dem Konto hatte, nicht wie gedacht schon nach gut zehn Jahren, sondern eben erst jetzt verteilt.
«Unser Ziel ist erreicht», unterstreicht Thalmann. Das ganze Geld ist Ustermer Gruppierungen und Institutionen zugutegekommen, die Schulkinder und Jugendliche bis zum 20. Altersjahr begleiten.
Nutzniesser in vielen Vereinen
In all den Jahren behandelte der Vereinsvorstand rund 230 Gesuche, von denen die allermeisten gutgeheissen worden seien. Zum Zug kamen etwa der Abenteuerspielplatz Holzwurm, Kultur für Kinder Kufki, das Spielmobil, der Ferienplausch und Vereine wie die Pfadi, die Cevi, Basketball Midnight oder verschiedene Sportvereine.
Profitiert haben aber auch Projekte des Frijz und das Musikschullager. «Schade war eigentlich nur, dass wir direkt von Jugendlichen nur eine Handvoll Gesuche für deren Projekte erhielten», bilanziert der 38-jährige Thalmann.
Grosse Verantwortung
Zum Auflösungs-Apéro am Freitag kamen einige Vertreter der bedachten Vereine. «Viele haben uns einfach gedankt für unsere Arbeit», sagt Thalmann. Er selber, der im Alter von 22 Jahren den Verein übernommen hatte, blickt auf eine spannende und verantwortungsvolle Zeit zurück.
«Damals dachte ich: cool, so viel Geld zu verteilen. Mit der Zeit merkte ich, dass das gar nicht so einfach war.» Es galt, das Geld gerecht unter die Leute zu bringen. «Und so war es nicht Macht, die ich verspürte, sondern eher Ohnmacht», meint der psychosoziale Familienbegleiter, der ursprünglich Geschichte und Philosophie studiert hatte.
Beurteilt wurden die Gesuche vom siebenköpfigen Vorstand, zu dem jeweils auch drei Vertreterinnen und Vertreter der Ustermer Schulen gehörten.
Geld aus der Ferienkolonie
Doch woher hatte Pro Jugend Uster überhaupt das viele Geld? Es stammte vom einstigen Verein Ferienkolonie Uster, der 1989 sein Haus in Heiterswil ob Wattwil verkauft hatte. Die 430’000 Franken vermehrten sich dann – ganz still auf einem Bankkonto – bis zum neuen Jahrtausend dank hoher Zinsen auf fast 600’000 Franken.
Lager für arme und kränkliche Kinder
16.09.2022

Ferienkolonie Uster
Rund 80 Jahre lang hat die Ferienkolonie Uster Lager für Kinder organisiert. Beitrag in Merkliste speichern Das in Vergessenheit geratene Konto wurde 2003 wieder aufgespürt und der frühere Ustermer Stadtpräsident Hans Thalmann, der Vater von Florian, lud zu einer Aussprache ein, was mit dem Geld geschehen soll. Und so wurde die Idee zur Gründung von «Pro Jugend Uster» geboren.
Zwei grosse Schlafsäle
Dessen erster Präsident war Ruedi Karrer. Der vor vier Jahren verstorbene Lehrer hatte in den 1970er Jahren selbst noch Lager in der Ferienkolonie Uster geleitet, zusammen mit seiner Frau Rosmarie.
Und sie, die damals als Primarlehrerin in Uster wirkte, erinnert sich noch gut an die Räumlichkeiten: «Die 50 bis 60 Kinder waren in zwei grossen Schlafsälen untergebracht, einer für Mädchen und einer für Buben.» Das Gebäude stand neben dem Hotel Restaurant Churfirsten, das im Auftrag der Ferienkolonie von Pächtern geführt wurde. Von nebenan bezogen die Lagerteilnehmer jeweils auch das Essen.
Die 79-Jährige weiss auch darum noch gut, wie es in den Sälen ausgesehen hat, weil jeweils eine Leiterin oder ein Leiter abends im Raum bleiben musste, bis die Kinder eingeschlafen waren. «Dabei mussten wir schauen, dass wir nicht selbst vorher einnickten», meint sie mit einem Schmunzeln.
Viel Bewegung
Das Programm für die Kinder bestand aus viel Bewegung, «vor allem tschumple», schiebt sie nach. Selbst nach dem Znacht und einigen Spielen ging es jeweils nochmals nach draussen für einen Abendspaziergang. «Das war für viele Kinder neu.» Und wenn es dann durch dunkle Waldpartien gegangen sei, sei die vorher verstreute Schar plötzlich wieder nahe beisammen gewesen.
Sie war im Sommer, aber auch mal im Herbst oder im Winter in Lagern dabei. Besonders in Erinnerung geblieben ist ihr jenes von 1979, von dem sie noch einige Dias besitzt. Es dürfte das letzte Skilager der Ustermer Ferienkolonie gewesen sein.
Rosmarie Karrer erinnert sich auch noch an Sammelaktionen, die in Uster zugunsten der Ferienkolonie durchgeführt wurden. Mit dem Geld wollte man die grossen Schlafsäle zu kleineren Zimmern umbauen. «Wir hatten gemerkt, dass so grosse Schläge in jenen Jahren nicht mehr attraktiv waren.»
Keine Nachfrage mehr nach Lagern
Doch das Ende der Ferienkolonie war ohnehin gekommen. Kolonie-Lager waren in den 1980er Jahren nicht mehr gefragt. 1989 wurde der ganze Komplex verkauft. Seit damals führt nun die Familie Alder das «Churfirsten».
Und noch heute kommen hin und wieder Leute dort oben vorbei, die einen Blick in die alten Gästebücher werfen wollen – auf der Suche nach ihrer Unterschrift, die sie einst im Lager auf eine Seite gekritzelt hatten. «Irgendwann werden auch diese Gästebücher dann in die Paul-Kläui-Bibliothek im Ustermer Stadtarchiv kommen, wo heute schon die Unterlagen der Ferienkolonie und bald auch jene von Pro Jugend Uster liegen», meint Florian Thalmann.
