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Gesellschaft

Der (junge) Herr der Algorithmen

Der 17-jährige Effretiker Gymnasiast Josia John hat an der Informatik-Olympiade in Indonesien Bronze gewonnen. Eine Begegnung mit einem der grössten Informatik-Talente der Schweiz.

Stolz auf seine Bronzemedaille: der Effretiker Josia John im Garten seines Elternhauses.

Matthias Müller

Der (junge) Herr der Algorithmen

Es sind intensive Tage, die Josia John gegenwärtig zu bewältigen hat. Erst zum Ende der letzten Woche ist er von der Informatik-Olympiade in Indonesien zurückgekehrt, nun muss er sich bereits wieder im Alltag des Gymnasiums einfinden. Und dann schaut auch noch ein unbeholfener Reporter vorbei, dem er das Metier zuerst erklären muss.

Zum Glück ist John ein wohlerzogener junger Mann mit Geduld und Verständnis. Der 17-Jährige sitzt in seinem roten Nationalteam-Shirt am grossen Esstisch seines Elternhauses am Rande Effretikons und sagt in einer Ruhe: «Die Disziplin, die ich betreibe, heisst ‹ Competitive Programming › .» Und: «Man kann das als Sport sehen. Denksport.»

Josia John, soviel kann ganz ohne Fachkenntnis festgehalten werden, gehört in diesem «Sport» zu den Besten. Im Frühjahr hat er an der Schweizer Informatik-Olympiade Gold gewonnen. Nun konnte er sich am globalen Format, das Anfang August in der indonesischen Stadt Yogyakarta über die Bühne ging, eine Bronzemedaille sichern.

Ausflüge mit Polizeieskorte

Seine Stimme beginnt leicht auszuschlagen, als er davon zu erzählen beginnt. Zwar hatte er bereits im Vorjahr an dieser Veranstaltung teilgenommen, damals war diese wegen der Pandemie allerdings online abgehalten worden.

Dieses Mal durfte er indessen als Teil er vierköpfigen Schweizer Delegation auf die andere Seite der Erdkugel reisen. Gemäss dem Teenager, dessen entferntestes Reiseziel bislang Sizilien gewesen war, eine «mega eindrückliche» Erfahrung.

Dabei bezieht er sich auf die Interaktionen mit den vielen Konkurrierenden und gleichzeitig Gleichgesinnten, die er dort kennengelernt hat. Die Hotelanlage, in der die insgesamt 269 Jugendlichen untergebracht waren. Oder die von der Polizei eskortierten Reisen zu Tempeln und anderen Sehenswürdigkeiten.

Josia John kann auch fotografieren: Ein etwas anderes Selfie der Schweizer Delegation.

Natürlich haben sich für Josia John auch beim eigentlichen Anlass der Reise, dem Wettkampf, neue Dimensionen eröffnet. Er sagt: «Im Nachhinein hätte ich wohl noch mehr Aufgaben lösen können. Aber mit meiner Leistung bin ich sehr zufrieden.» Die Teilnehmenden duellierten sich dabei in einem Raum mit fast 300 Tischen. Ein abstraktes Bild, das man sich wohl als gigantischen Prüfungssaal vorstellen muss.

Tatsächlich ist das wettkampfmässige Programmieren, wie es ins Deutsche übersetzt werden könnte, eine überaus anspruchsvolle Angelegenheit. Mithilfe von Algorithmen gilt es, vermeintlich simple Probleme zu lösen, die überdurchschnittliches logisches und strategisches Denken erfordern.

Das Format gliedert sich dabei wie folgt: An zwei Tagen müssen während fünf Stunden je drei Aufgaben gelöst werden. Pro Aufgabe sind 100 Punkte möglich.

Auch die Verteilung des Edelmetalls erfordert Denkaufwand: Die besten 30 Teilnehmer erhalten eine Gold-, die nächsten 58 eine Silber- und wiederum die nächsten 88 eine Bronze-Medaille. Zur Einordnung: Josia John hat in Yogyakarta 173.25 Punkte erreicht und damit den 152. Platz von 349 Teilnehmenden belegt – wobei 80 von ihnen konnten wegen der Pandemie nur online teilnehmen konnten. Damit konnte er sich im Mittelfeld der Bronzegewinner klassieren.

So nah und doch so fern

Je mehr Josia John erklärt, desto mehr scheint die Welt, in der er sich bewegt, fassbar. Dennoch bleibt sie für den Laien abstrakt. Das Prinzip von Algorithmen, John vergleicht sie mit Rezepten, mag verständlich klingen – ihre praktische Anwendung ist dennoch schwer vorstellbar.

Für den jungen Effretiker sind sie freilich selbstverständlich. Über seinen Vater Ansgar, von Beruf Versicherungsmathematiker, hatte er früh den Zugang zum Programmieren gefunden. Auf der Suche nach neuen Herausforderungen war der Vater, der damals selbst an Mathematik-Wettbewerben teilnahm, auf das unter anderem von der ETH getragene Programm der Schweizer Informatik-Olympiade gestossen.

Josia John, Effretiker Teilnehmer an der Informatik-Olympiade 2022 in Yogyakarta, posiert vor einem Tempel.

Darin fand Josia John eine passende Möglichkeit, sein Hobby zu vertiefen. In einwöchigen Trainingscamps, in denen die Teilnehmenden geschult und auf die jeweiligen Wettbewerbe vorbereitet werden, lernte er nicht nur das Handwerk, sondern auch viele Freunde kennen.

Das Klischee, dass diese Jungprogrammierenden allesamt gut in Mathematik sein müssen, bestätigt John lächelnd. Auch er selbst bekundet mit dem Fach keine Mühe. Er will sich selbst zwar nicht als Mathe-Genie bezeichnen. Doch dass er bemerkt, jüngst eine Prüfung «verhauen» und dabei nur eine 5,5 erhalten zu haben, sagt viel. «Sprachen bereiten mir mehr Mühe», meint er lapidar.

Atemberaubende Perspektiven im Beruf

Immerhin: Lange wird es nicht mehr dauern, bis Josia John sich ausschliesslich mit Zahlen beschäftigen darf. Eben hat für ihn das letzte Jahr an der Winterthurer Kantonsschule Im Lee begonnen.

Was danach folgen wird, ist im Detail noch offen, der Fächer an möglichen Studienrichtungen reicht von Mathematik über rechengestützte Wissenschaften bis hin zu – logisch – Informatik. Vorzugsweise an der ETH Zürich oder, zumindest als Option, am MIT in Boston.

«Google stellt den Bewerbern genau solche Aufgaben, wie wir sie an der Olympiade lösen.»
Josia John

Dass beim Übertritt ins Studium auch seine Karriere als Informatik-Olympionike enden wird, ist für ihn verkraftbar. «Es gibt ähnliche Programme für Studenten», sagt er. Und sowieso: Letztlich gehe es ihm nicht darum, der Beste zu sein. «Es macht mir einfach Spass, Probleme zu lösen.»

Josia John kann das freilich aus einer Position der Stärke sagen. Im Gegensatz zu Talenten in Sport oder Kultur, werden sich seine Fähigkeiten im Berufsleben problemlos kapitalisieren lassen. Algorithmen sind die Währung der Zukunft, die Wirtschaft eröffnet den Menschen, die den Umgang mit ihnen beherrschen, atemberaubende Perspektiven.

Das ist natürlich auch dem jungen Effretiker nicht verborgen geblieben. «Google stellt den Bewerbern genau solche Aufgaben, wie wir sie an der Olympiade lösen», sagt Josia John lächelnd. «Und ich weiss jetzt, dass ich ganz gut darin bin, sie zu lösen.»

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