Laute Protestgrüsse nach Moskau
Kaum betritt Stress kurz nach halb Elf am Samstagabend die grosse H2U-Bühne auf dem Zeughausareal, fliegen die Arme in die Höhe. Die Fahnengalerie hinter ihm hat etwas von einem Turnerempfang.
Und tatsächlich ist der Rapper an diesem Abend so etwas wie der Vorturner, hält er doch das Publikum ständig in Bewegung. Kräftig unterstützt wird er dabei von der Sängerin Karolyn, «einer Powerfrau», wie Stress respektvoll sagt.
Schwierige Beziehungen
Während im Hintergrund eine überdimensionierte Ein-Dollar-Note der «United Stress of America» prangt, heizt der Sänger aus Lausanne den 2400 Zuschauerinnen und Zuschauern ein. Zwischendurch streut er auch immer wieder persönliche Erlebnisse, gerade auch aus dem Beziehungsleben.
Die Einleitung zu «Nightmare» etwa erzählt die Geschichte von einer seiner zwei «Ex»-Frauen, die bei vollem Tempo aus dem Auto aussteigen wollte und dann nur noch an der Türe hing.
Oder dann erzählt er, der seit einer Weile ganz in der Nähe von Uster in Zollikerberg daheim ist, von seinen Problemen mit dem Schweizerdeutschen. Diese kann er aber problemlos in seiner Version des Songs «Angelina» von Dabu Fantastic überwinden.
Und das begeisterte Publikum dankt es ihm mit dem lautstarken Refrain «Ufenand gats aber näbenand nöd».
Auch seine dunkle Zeit, die er vor drei Jahren durchmachte, blendet er ein. Damals, als er im Leben keinen Sinn mehr gesehen habe, seien einige an seiner Seite gestanden und hätten in wieder ans Licht geholt. «Seid Licht für andere in dunklen Situationen» fordert er alle auf dem Platz auf.
In Sowjetunion geboren
Und dann redet sich Stress in Rage angesichts des Egomanen in Moskau, dem alle Werte egal seien. «Es ist inakzeptabel, dass Millionen Menschen aus der Ukraine vertrieben werden», ruft der Musiker in die Menge.
Mit Russland respektive der früheren Sowjetunion hat der als Andres Andrekson in Tallinn geborene Rapper seine eigenen Erfahrungen gemacht. Im Alter von zwölf Jahren zog seine Familie zwei Jahre vor der Unabhängigkeit Estlands in die Schweiz, deren Staatsbürgerschaft er später erwarb.
«Wir stehen hier für Frieden und Respekt ein», unterstreicht Stress. «Das Arschloch in Moskau soll das hören.» Das Publikum in Uster quittiert das lautstark.
Und um den Friedensgedanken zu unterstreichen, regt er die Zuhörerschaft zu einer kollektiven Umarmung auf. Und schiebt dann nach, dass ein «Du häsch recht» auch mal in heiklen Momenten in Beziehungen helfen könne.
Kurz nach Mitternacht dann kommt es bei der zweiten Zugabe auch zum turnerischen Höhepunkt des Abends: «Jeder muss zum Abschluss gumpen», fordert Stress. Ausnahmen gebe es nur für jene, die ein Arztzeugnis vorzeigen könnten. Niemand legt ihm eines vor.
Fast ausverkauft
Res Nägeli, der für die Werbung verantwortlich zeichnet, ist sehr zufrieden mit dem Publikumsaufmarsch am diesjährigen H2U. Am Freitag sind es 1800 Leute gewesen und jetzt am Samstag 2400. Damit liegen die Organisatoren ganz knapp unter der «Ausverkauft»-Marke von 2500.
Sie hätten unterdessen viele «Stammkunden», meint Nägeli. Dazu zählen auch rund 200 Anwohner, die jeweils einen Drei-Tagespass kostenlos erhielten. Die Beziehungen zur Zeughaus-Umgebung seien gut ebenso wie jene zur Stadt.
«Die Wertschätzung für unsere Arbeit zeigt sich auch im Engagement-Preis, den wir erhalten haben.» Der Anlass für die Stadt habe sich etabliert. Neben den rund 30 «Kruu»-Mitgliedern sorgen 150 freiwillige Helfer dafür, dass beim H2U alles reibungslos abläuft.
Bisher ist es laut Nägeli auch zu keinen Friktionen gekommen. Der am vergangenen Sonntag begonnene Aufbau sei reibungslos verlaufen und die vom letzten Jahr übernommene Architektur des Festivalgeländes habe sich bewährt.
Besonders beliebt bei den Bands sei die Zeughaus-Infrastruktur im Backstage-Bereich. «Für ein Openair dieser Grösse ist es schon etwas Besonderes, eine so grosse Garderobe bieten zu können.»
Zwei Ustermer auf der Bühne
Und das Publikum schätze die vielen gedeckten Bereiche, die vor Sonnen aber auch vor Regen schützen können. Letzteres wird an diesem Samstag denn auch genutzt, als um 17 Uhr ein grosser Schauer über Uster niedergeht.
Und so steht Cachita bald fast ohne Publikum vor der Talentbühne da. Einzig ein paar Unentwegte in weissen, grünen oder roten Pelerinen – diese werden vom OK rasch verteilt – harren aus.
Die junge Ustermerin mit kubanischen Wurzeln hat aber wenigstens noch zwei weitere Male an diesem Tag die Gelegenheit, die Besucher von ihrem Talent zu überzeugen. Und über das Fernsehen, das auch auf Platz ist, dürfte Cachita, die Gewinnerin des kantonalen Band-It-Wettbewerbs im 2019, bald noch weiterherum bekannt werden.
Ustermer Rapper Freezy: «Geheilt? Das wäre gelogen!»
19.08.2022

Ewiger Kampf
Er kämpft schon länger mit Angstzuständen und Depressionen – nahm sich deshalb eine längere Ausze Beitrag in Merkliste speichern Der zweite Ustermer Künstler an diesem Tag ist der Rapper Freezy, der nach einem gesundheitlichem Out seine Rückkehr als Erster auf der Hauptbühne gibt. Dort dürfen auch ausgewählte H2U-Gäste Platz nehmen, hat Freezy doch einen «Balkon für zwei», in Anlehnung an sein neues, gleichnamiges Album, aufgebaut.
«Ich habe mich schon lange nicht mehr so glücklich gefühlt wie hier auf der Bühne», gesteht der Ustermer zum Schluss seines Auftritts, der von rund 300 Besuchern mitverfolgt worden ist.
Schon etwas mehr Leute hat es dann beim Gig der Bernerin Tashan, die einen eigenwilligen Mix aus Hip-Hop, R&B und Pop liefert. Für karibische Klänge mit schweizerdeutschem Text sorgt dann Phenomden. Der Reggae-Musiker ist damit nach dem Auftritt am Pfäffiker Reeds bereits wieder in der Region zu hören. Und dass er auch gehört und gefeiert wird, zeigen die H2U-Besucher mit kräftigem Applaus.
