Lager für arme und kränkliche Kinder
Am Anfang des 20. Jahrhunderts breitete sich eine Idee schnell in der ganzen Schweiz aus: die Schaffung von Ferienkolonien. «Die erste Aufgabe der Ferienkolonien muss sein, die Gesundheit des Kindes günstig zu beeinflussen», lautete einer der Leitsätze des Zürcher Pfarrers Bosshard. In Uster ging der Anstoss zur Gründung von der Gemeinnützigen Gesellschaft des Bezirkes Uster aus.
Angeregt durch einen Vortrag an deren Generalversammlung 1902, schritten die Primar- und die Sekundarschulpflegen zur Tat und schufen eine «Ferienkolonie für die Primar- und Sekundarschüler des Primarschulkreises Uster.»
Gewichtszunahme als Ziel
Das Ziel bestand ursprünglich darin, vor allem armen und kränklichen Kindern einen einwöchigen Aufenthalt in gesunder Umgebung zu ermöglichen, wie der Historiker Hans-Rudolf Galliker in der vor wenigen Jahren erschienenen Schrift «Vereinsmeier» schreibt.
Die Ferienkolonien gliederten sich in den damaligen Trend zur Hinwendung zur Natur und zur gesunden Lebensführung ein.
Als Erfolgsnachweis des Kuraufenthalts wurden anfänglich sogar Gewichtsvergleiche vor und nach dem Lager angestellt.
Auf der Scheidegg und dem Hörnli
Bereits 1903 führten die Ustermer Schulen auf der Scheidegg ein Lager für 28 Kinder durch. Nach dreimaliger Durchführung dislozierte die Ferienkolonie von 1906 bis 1912 auf das Hörnli.
«Die Sehnsucht nach Besserem verfolgte inzwischen das Ziel eines Eigenheims und in verdankenswerter Weise vermittelte die Schweiz. Volksbank Uster, die von jeher eine freundliche Gönnerin der Institution war, die Erwerbung der Pension ˓Aquasana˒ in Saas, bei welcher Erwerbung die Bank heute noch unsere rückhalteste Kreditorin ist», hält ein Zeitungsartikel fest, der ohne Datum und Angaben zur Zeitung dem Protokoll des Jahres 1919 beigefügt wurde.
Statt einer ursprünglich eingesetzten Kommission nahm sich ab dem 19. Oktober 1919 ein eigens gegründeter Verein den Ferienkolonien an. Kranke und arme Schulkinder muss es damals viele gegeben haben, denn die Anmeldungen wuchsen Jahr für Jahr. So wollten etwa 1930 über 90 Kinder eine Ferienwoche in Saas verbringen.
Hauskauf in Heiterswil
Am 27. Dezember 1940 wurde die Ferienkolonie Uster zum zweiten Mal Besitzerin einer eigenen Liegenschaft. Sie kaufte die aus zwei Häusern bestehende Liegenschaft «Churfirsten» in Heiterswil fünf Kilometer oberhalb von Wattwil. Das Jugendstilhotel war 1939 abgebrannt und war schnell wiederaufgebaut worden.
Auch wenn sich die Ferienkolonie nach dem Zweiten Weltkrieg nicht mehr spezifisch an benachteiligte Kinder richtete, blieb die Nachfrage laut Galliker gross. Noch in den 1970er-Jahren führte der Verein je zwei Kolonien im Winter und Sommer sowie eine im Herbst durch.
Abwärts in den 1980er Jahren
Um 1980 folgte dann die Wende. 1982 fragte der damalige Präsident Kurt Schär: «Sind die Ferienkolonien passé? Während in den fünfziger- und sechziger Jahren tausende von Übernachtungen pro Jahr in Heiterswil verzeichnet werden konnten, sind diese Zahlen später nie mehr erreicht worden. Im Gegenteil. Immer häufiger fallen Kolonien ganz aus, oder aber sie kommen nur mehr mit Mühe zustande und sind unterbelegt.»
Schär kam zum Schluss, dass der Wohlstand und das grosse Lagerangebot durch Pfadi, kirchliche Gruppen und Sportvereine die Ferienkolonien wohl überflüssig gemacht hätten.
Er schreibt weiter: «Die Ferienkolonie ist aber nicht nur in Bezug auf gesunkenes Interesse bei den Kindern zu einem Opfer des Wohlstandes geworden, sondern auch die Leiter lassen sich aus ähnlichen Gründen kaum mehr finden.»
Sieben Jahre später stellt der Verein seine Tätigkeit ein. Das Lagerhaus – erst zwischen 1975 und 1978 renoviert – wurde 1989 an die Familie Alder verkauft, die noch heute das Hotel Restaurant Churfirsten führt.
