Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

«Wir müssen eine Welt schaffen, in der es weniger Glück braucht»

Sie sind Politveteraninnen und stehen dennoch erst am Anfang: die neuen Stadträtinnen von Illnau-Effretikon, Rosmarie Quadranti (Mitte, 65) und Brigitte Röösli (SP, 58). Im grossen Sommerinterview sprechen die beiden unter anderem über ihre neuen Aufgaben, die Rolle der Frau in der Politik und die steigende Ungeduld im Alter.

Seit dem 1. Juli im Amt: die beiden Stadträtinnen Rosmarie Quadranti (li.) und Brigitte Röösli.

Christian Merz

«Wir müssen eine Welt schaffen, in der es weniger Glück braucht»

Rosmarie Quadranti, in Ihrem illustren Lebenslauf finden sich viel Erfahrung in Gesellschafts-, Kultur- und vor allem Bildungsfragen – aber keine im Baubereich. Nun wurde Ihnen in Illnau-Effretikon das Hochbauressort zugeteilt. Gehen wir richtig in der Annahme, dass Sie sich etwas anderes erhofft hatten?
Rosmarie Quadranti: Nein. Sie müssen meinen Lebenslauf ein wenig genauer anschauen: In meinen 18 Jahren als Präsidentin der eigenständigen Schulgemeinde Volketswil haben wir vier Schulhäuser und eine Mehrzweckhalle gebaut. Angesichts der anstehenden baulichen Entwicklung von Effretikon bin ich stolz darauf, dieses wichtige und spannende Ressort bekommen zu haben.

Bei Brigitte Röösli sind wir uns sicher: Als Gesundheitsfachfrau sind Sie im Gesellschaftsressort wunschlos glücklich.
Brigitte Röösli: Natürlich ist das Thema Gesellschaft meins. Ich bin in der Jugendarbeit gross geworden, habe dann ins Gesundheitswesen gewechselt und bei der Spitex, im Spital und zuletzt in der Langzeitpflege gearbeitet. Im Sozialbereich habe ich noch nicht viele Kenntnisse – aber es war naheliegend, dass ich die Gesellschaft übernehme.

Die Gesellschaft ist ein sehr weites Feld. Wo sehen Sie die grössten Herausforderungen?
Röösli: Wo soll ich bloss anfangen? Da wäre der Krieg in der Ukraine, die Folgen der Corona-Pandemie oder auch die demographische Entwicklung, in deren Zuge wir vorbereit müssen, dass die Pflege gewährleistet werden kann, wenn die geburtenstarken Jahrgänge in Rente gehen …
Quadranti: … und schon frech dazwischen geschwatzt: Ist Illnau-Effretikon bereit für die Wohnformen, in denen wir im Alter wohnen wollen?
Röösli: Fühl dich frei Rosmarie, diese Frage betrifft ja auch dein Ressort.

Rosmarie Quadranti hat nach einer langen Politkarriere noch einmal ein Exekutivamt übernommen.

Quadranti: Ich selbst will in meiner Wohnung alt und gepflegt werden. Und wenn ich nicht mithilfe von Exit aus dem Leben scheide, gehe ich nur zum Sterben ins Pflegeheim. Ist die Stadt darauf vorbereitet? Wie können wir städtebaulich verdichten, enger zusammenwohnen und gleichzeitig diesen Bedürfnissen gerecht werden? Da sind der Hochbau und die Gesellschaft eng miteinander verknüpft. 
Röösli: Ich sehe Möglichkeiten beim Generationenwohnen – da haben wir in Illnau-Effretikon noch nichts. Verstehen Sie mich nicht falsch, wir sind hier sehr gut aufgestellt. Doch auch bei Betreuungsformen könnten wir als kleine Stadt eine Vorreiterrolle übernehmen und Lösungen zustande bringen, die die Grossstädte Zürich und Winterthur allein ihrer Dimension wegen nicht gut realisieren können.

Wir spüren viel Tatendrang. Wollen Sie den zuletzt so homogenen Stadtrat etwas aufmischen?
Quadranti: Nein, ein Gremium, das gegen Aussen einig auftritt, ist absolut zentral. Sobald Keile dazwischen getrieben werden, leidet die ganze Sache. Frischen Wind gibt es anfänglich immer. Aber danach muss das Gremium ein Gremium sein. Gegen aussen mag das langweilig wirken, aber Langeweile ist in der Politik eine gute Sache. Aufregung, Populismus, Skandale – das ist für die Medien spannend, doch der Politik schädlich.

Rosmarie Quadranti
Rosmarie Quadranti, 65, geniesst nicht nur regionale, sondern auch nationale Bekanntheit. Die gelernte Kauffrau trat an ihren Wohnort Volketswil 1994 als SVP-Mitglied in die Schulpflege ein, von 2000 bis 2018 stand sie dieser als Präsidentin vor. 2009 trat sie zur BDP über, für die sie 2011 in den Nationalrat einzog. Bis zu ihrer Abwahl 2019 war sie dort in verschiedenen Kommissionen und mitunter in der Geschäftsleitung und als Fraktionsvorsteherin tätig. Zwischen 2017 und 2020 präsidierte sie die BDP des Kantons Zürich. Im Zuge der Parteifusion mit der CVP gehört sie seit 2021 der Mitte an.
Auch ausserhalb des institutionalisierten Politbetriebs ist die Mutter dreier erwachsener Kinder und Inhaberin der Beratungsfirma ScolArch äusserst engagiert. Aktuell ist sie unter anderem Präsidentin des Schweizer Musikrats, des Verbands der Schweizer Kulturinstitutionen, der Frauenzentrale Zürich und des Forums21 in Illnau-Effretikon. Nach dem Tod ihres Ehemannes zog sie 2018 von Kindhausen nach Illnau.

Röösli: Unser abgetretener Stadtpräsident Ueli Müller war ein ruhiger Politiker. Er hat zugehört, nicht polarisiert und so den Stil im Stadtrat geprägt. Ich hoffe, dass Marco Nuzzi diese Tradition weiterführt und niemand innerhalb des Gremiums isoliert wird. Wir sind sieben verschiedene Persönlichkeiten, die gemeinsam viel Potenzial bergen. Das müssen wir nutzen.

Mit Ihnen sind zwei engagierte und profilierte Politikerinnen in den Stadtrat gewählt worden. Wie werten Sie das hinsichtlich der Geschlechtergerechtigkeit in der Lokalpolitik?
Röösli: Wir sind immer noch mindestens eine Frau zu wenig – schliesslich ist die Mehrheit der Bevölkerung weiblich. Ja, eigentlich müssten es sogar vier Frauen sein.

«N icht nur die Frauen, sondern auch Menschen mit Migrationshintergrund oder Menschen mit Beeinträchtigungen sind untervertreten. »
Rosmarie Quadranti

Quadranti: Es sind zwei Frauen zur Wahl gestanden, beide sind gewählt worden. Unbestritten ist, dass der Frauenanteil an sehr vielen Orten zu tief ist – auch in Illnau-Effretikon. Allerdings sind nicht nur die Frauen, sondern auch die Menschen mit Migrationshintergrund oder die Menschen mit Beeinträchtigungen untervertreten.

Im Parlament sieht es wenig besser aus: Dort stehen zehn Frauen 26 Männern gegenüber.
Quadranti: Wir müssen die Frauen für die Politik begeistern. Da sind auch Brigitte und ich als Vorbilder gefragt. Wie auch immer wir das machen – ich bin sicher: Da wird was gehen.

Brigitte Röösli findet, dass ihr ihre Emotionalität vorgehalten wird.

Röösli: Absolut, wir beide haben uns dieses Thema auf die Fahnen geschrieben. Nun sind wir gemeinsam in einem Gremium, das uns Raum gibt, Dinge zu verwirklichen. Den können wir nutzen, um junge Frauen, aber auch alte Frauen, für die Politik zu gewinnen.

Alte Frauen?
Röösli: Ja, alte Frauen. Früher war man mit 80 steinalt, heute sind die Menschen in diesem Alter viel vitaler. Wieso soll dieser Teil dieser Bevölkerung nicht auch adäquat vertreten sein? Leider trauen sich das viele nicht zu.

Weshalb denken Sie, ist das so?
Röösli: Ein Grund dafür ist, dass wir als Frauen in der Politik immer noch reduziert werden. Ich habe das ja selbst erlebt. In meiner Rolle als Fraktionspräsidentin war es meine Aufgabe, bei Bedarf auf den Tisch zu hauen. Heute werde ich gefragt, ob ich es denn mit meiner Emotionalität schaffen werde, meinen neuen Job als Stadträtin zu bewältigen. Mit Verlaub: Diese Frage würde einem Mann doch nie gestellt.

Wieso nicht?
Röösli: Weil man bei einem Mann in einem solchen Fall von einem Charakterzug spricht. Mir wird das dagegen als Schwäche ausgelegt. Ich arbeite in einem Betrieb, in dem ich 120 Mitarbeitende führe – und da trauen mir die Leute nicht zu, die Position eines Stadtrates zu vertreten? Das ist befremdlich.

Brigitte Röösli
Brigitte Röösli, 58, ist im luzernischen Dagmersellen aufgewachsen. Ursprünglich erlernte sie den Beruf der bäuerlich-hauswirtschaftlichen Angestellten, anschliessend liess sich zuerst zur Familienhelferin und dann zur Pflegefachfrau und Erwachsenenbildnerin ausbilden. Noch bis Anfang August arbeitet sie als Leiterin Pflege in einem Alterszentrum in Frauenfeld.
In den 1990er-Jahren zog sie in den Raum Zürich, 1999 wurde sie Co-Präsidentin der Lesben-Organisation Schweiz, mit der sie sich intensiv für das Partnerschaftsgesetz engagierte (und die Abstimmungen 2002 in Zürich und 2005 national gewann). 2008 zog sie mit ihrer heutigen Ehefrau nach Effretikon, wo sie 2010 für die SP in den Gemeinderat gewählt wurde. In ihrer Zeit als Parlamentarierin war sie mitunter in der Geschäftsprüfungskommission, als Ratspräsidentin, in der Ortsplanungskommission und als Fraktionspräsidentin tätig. 2018 trat sie in den Kantonsrat ein, seit 2019 ist sie überdies Co-Präsidentin der Patientenstelle Zürich.

Quadranti: Vielleicht tut es uns Frauen nicht gut, wenn wir öffentlich Tränen zeigen – weil man uns dann in die Rolle des «Huscheli am Herd» drängen kann. Aber Emotionen gehören in der Politik dazu. Sobald Politik emotionslos wird, wird sie langweilig.

Langweilig? Haben Sie nicht eben gesagt, das sei in der Politik eine gute Sache?
Quadranti: Ja, aber wenn Politik emotionslos wird, wird sie auf eine gefährliche Art langweilig. Emotionen müssen zwingend in die Sachpolitik einfliessen, sonst entfernt sie sich vom Leben. Aber um wieder auf das Thema zurückzukommen: Ich finde es wichtig, dass Brigitte und ich uns jetzt nicht nur über die Zahl der Frauen im Stadtrat beschweren. Wir müssen zuerst unseren Beitrag in diesem Gremium leisten und darauf basierend mithelfen, junge Frauen für die Politik zu gewinnen.
Röösli: Da bin ich optimistisch. Wir haben zwar im Parlament die Zahl der Frauen nur wenig steigern können, doch diese sind jünger geworden. Gleichzeitig spüre ich aber bei den 30- bis 50-Jährigen eine gewisse Gleichgültigkeit. Viele habe in diesem Alter auch familiäre Aufgaben.

« Es ist nicht mehr so, dass die Arbeitgeberin stolz darauf ist, dass jemand politisch aktiv ist. Im Gegenteil, es ist eine Last. »
Brigitte Röösli

Quadranti: Da wären wir bei der Gleichstellungsfrage. Wenn wir Frauen im besten Alter wollen, müssen wir die Vereinbarkeit zwischen Beruf und Privatleben gewährleisten. Da sind neue Modelle gefragt – auch für Männer. Wann kommen wir an den Punkt, an dem die Wirtschaft realisiert, dass man auch mit 80 Prozent Führungsaufgaben erledigen kann? Das würde Potenzial für anderes freilegen – auch für die Politik. Wir müssen eine Welt schaffen, in der es weniger Glück braucht und mehr Möglichkeiten gibt.
Röösli: Unser Milizsystem wird gegenwärtig herausgefordert. Es ist nicht mehr so, dass die Arbeitgeberin stolz darauf ist, dass jemand politisch aktiv ist. Im Gegenteil, es ist eine Last.

Gleichzeitig dürfen wir festhalten: Das Thema steht in der politischen Agenda inzwischen weit oben.
Quadranti: Das stimmt. Aber wir müssen uns die gleiche Frage wie beim Klimawandel stellen: Stimmt die Geschwindigkeit? Ich sehe zwar, dass sich etwas bewegt. Aber es ist zu wenig! Hier werde ich im Alter nicht geduldiger, sondern ungeduldiger.

Brigitte Röösli und Rosmarie Quadranti werden ihre Meinungsverschiedenheiten im Gremium ausdiskutieren. Und zwar nur im Gremium.

Röösli: Ja, es mag sich was tun. Aber wer bleibt zuhause, wenn das Kind krank ist? In allererster Linie doch immer noch die Frauen. Und auf der Führungsebene muss ich heute dankbar sein muss, wenn ich 80 Prozent arbeiten darf. Nur: 20 Prozent reichen nicht für die Familienarbeit.
Quadranti: Da muss ich dir widersprechen Brigitte: Es ist machbar. Wenn wir jetzt dafür plädieren, dass wir alle nur noch 50 Prozent arbeiten, sieht es bei der Altersvorsorge dann sehr bitter aus. Ein hochprozentiges Arbeiten, etwa mit 70 oder 80 Prozent, muss möglich sein. Dazu braucht es aber funktionierende Betreuungssysteme.

Und diese kosten Geld.
Quadranti: Wir müssen Synergien finden. Einfach einmal laut gedacht: Heute darf ein krankes Kind nicht in die Kita. Wieso können die bestehenden Tageskliniken für Seniorinnen und Senioren nicht auch solche Kinder aufnehmen? Generell ist es doch so: Wir haben Betreuungsstrukturen, begrenzen Sie aber auf Gruppen.

Sie bringen beide einen Rucksack voller Erfahrung mit – allerdings unterschiedlicher Natur. Brigitte Röösli kennt die Politik und das Leben in Illnau-Effretikon aus dem Effeff, Rosmarie Quadranti hat dagegen jahrzehntelang in verschiedensten politischen Ämtern an anderen Orten gewirkt. Welche Qualität ist für den Stadtrat wertvoller?
Quadranti: Eine Mischung zwischen uns beiden wäre wohl die Power-Stadträtin schlechthin.  Aber ich bin neugierig und freue mich darauf, Fragen zu stellen – weil ich so vieles noch nicht weiss.

« Unsere Politik funktioniert nach dem Prinzip der Salami-Taktik. Nur auf diesem Weg lassen sich gesellschaftliche Mehrheiten erreichen. »
Brigitte Röösli

Röösli: Mach dir mal keine Sorgen. Auch ich habe gemerkt, dass ich noch so vieles nicht weiss. Wir haben beide einen ganz neuen Job begonnen.

Möchten Sie mit uns noch ein letztes Fass aufmachen?
Röösli: Unbedingt! Was ist drin?

Der gesellschaftliche Wandel schreitet derzeit rasant voran, die Debatten um die Umwelt, Gleichstellung, Diversität und strukturellen Rassismus werden vor allem seitens der Jungen sehr emotional geführt. Zu emotional?
Quadranti: Ich war nie eine Freundin der Radikalität. Aber beim Klimawandel tun mir die Jungen schon leid. Insbesondere beim Tempo werden ihnen Dinge versprochen, die allein schon unserer trägen Abläufe wegen nicht eingehalten werden können.
Röösli: Ich bin 1998 über mein Engagement für das Partnerschaftsgesetz in die Politik gekommen. Mitte Juli konnte ich offiziell heiraten. Ich habe also persönlich erfahren, wie lange die Prozesse dauern. Unsere Politik, und das meine ich nicht abwertend, funktioniert einfach nach dem Prinzip der Salami-Taktik. Nur auf diesem Weg lassen sich gesellschaftliche Mehrheiten erreichen.
Quadranti: Wir dürfen keine leeren Versprechungen machen und müssen klar sagen: Wenn wir das oder jenes erreichen wollen, braucht es diesen und jenen Zwischenschritt. Man muss aufzeigen, dass uns eine allfällige Initiative, die das Ziel zu einfach und zu direkt erreichen will, nicht weiterbringt, sondern bremst.

(Das Interview führten Lea Chiapolini & Matthias Müller)

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns