Ustermer Unteroffiziere bauen ihr Museum in Bauma wieder auf
Bis 1988 ratterten in der alten Fabrik die Webmaschinen. Dann hatte der Kanton darin während 20 Jahren bis 2014 ein Durchgangszentrum für Asylbewerber geführt. Und nun erwacht der grosse Gebäudekomplex an der Unterdorfstrasse in Bauma zu neuem Leben. Dies kann gesagt werden, auch wenn es ein Museum ist, das in einem guten Teil des Areals eingerichtet wird.
«Mit unserer Compagnie 1861 sind wir als lebendiges Museum schweizweit im Einsatz», betont Tobias Streiff, der nicht nur Präsident des Museumsvereins ist, sondern auch als «Drüllmeister» der Truppe wirkt. Diese steht in ihren historischen Uniformen an zahlreichen Feierlichkeiten im Einsatz. In der Region bekannt sind vor allem ihre Auftritte am traditionellen Ustertag und dem Ustertag-Schiessen.
Materialmagazin und Waffenkammer
Die Compagnie 1861 ist eine der zehn Untergruppen des Unteroffiziersvereins Uster. Und für ihre vielseitigen Einsätze – auch eine Artilleriegruppe ist mit dabei – benötigt sie ein grosses Materiallager.
Dazu gehören die Uniformen vom Käppi bis zu den nach einem komplizierten Plan mit unterschiedlichen Nägeln beschlagenen Schuhen, aber auch Gürtel, Munitionstaschen, Tornister – solche «Fellaffen» dürften noch in verschiedenen schweizerischen Estrichen und Kellern schlummern – und natürlich die Vorderladergewehre.
Nach der Züglete im vergangenen Jahr aus dem Zeughaus Uster nach Bauma ist dieses Materiallager auch das erste gewesen, was wieder eingerichtet werden musste. Schliesslich galt es, rasch einsatzbereit zu sein für den Ustertag und das Sechseläuten.
Mehr als 40 Männer und Frauen wurden ausgerüstet, wie Andreas Streiff betont, der Bruder von Tobias und Präsident des Ustermer Unteroffiziersvereins.
Exerzieren in Saland
Für diese Grosseinsätze wurde aber zunächst eine Kantine in Bauma eingerichtet , wo sich die 1861er verpflegen können. Die Toiletten wurden wieder in Betrieb genommen und auch die bestehende Werkstatt galt es zu reaktivieren. Schliesslich muss das beanspruchte Material retabliert und der Gewehr-Parkdienst bewerkstelligt werden können.
«Unsere Truppenhandwerker in der Werkstatt, aber auch der Schmied und der Schuster haben am letzten internationalen Museumstag, den wir noch in Uster durchgeführt haben, ihr Können der Öffentlichkeit gezeigt», hält Tobias Streiff fest.
Für das Exerzieren, das früher in Uster direkt auf dem Zeughausplatz durchgeführt werden konnte, musste die Compagnie nach Saland ausweichen. Dort zwischen den Hallen des vormaligen Zeughauses konnten die Soldaten auch ihre Salutschüsse einüben.
Im Salander Zeughaus kann man bald alte Panzer bestaunen
20.08.2021

Fahrzeugmuseum Bäretswil baut au
Das ehemalige Zeughaus in Saland wird zum Ausstellungsraum für alte Fahrzeuge. Beitrag in Merkliste speichern In jenen Hallen richtet die Familie Junod, die in Bäretswil ein Fahrzeugmuseum betreibt, einen Ableger ein. Dorthin sollen unter anderem auch historische Militärfahrzeuge und Panzer verlegt und ausgestellt werden.
Andreas Streiff hofft darauf, dass sich zwischen Junods Museum und dem Unteroffiziersmuseum eine Zusammenarbeit ergeben wird. «Wir haben Material aus der entsprechenden Epoche und können beispielsweise gut Puppen in originalgetreuen Uniformen zur Verfügung stellen.»
Eröffnung im 2023 geplant
Vorläufig stehen diese Puppen aber noch ungeordnet in den neuen Räumlichkeiten in Bauma. Gleiches gilt für den beachtlichen Fuhrpark mit Beschirrungen, diverse Geschütze oder das Biwakmaterial, das dem Schweizerischen Unteroffiziersmuseum gehört.
Der Ustermer Unteroffiziersverein stellt nämlich mit der Compagnie 1861 nicht nur die offizielle Repräsentationstruppe für den kantonalen und eidgenössischen Dachverband, sondern ist auch schweizweit für die historische Sammlung der beiden Organisationen verantwortlich.
Der Auszug erfolgte unter grossem Zeitdruck. Seit März 2021 ist das Unteroffiziersmuseum wegen des Umzugs geschlossen. «Und jetzt ist noch vieles wild gemischt», meint Andreas Streiff. Sein Bruder ist aber zuversichtlich, dass das Museum im 2023 wieder geöffnet werden kann.
«Im Museum soll man sich wieder auf eine Zeitreise zurück zur jungen eidgenössischen Armee unter General Dufour begeben können», hält Tobias Streiff fest. «Auf diese Weise funktioniert das Museum auch für Neumitglieder und Rekruten als schnelle Einführung in die Epoche der Ordonnanz 1861 und in die Gründungszeit des Schweizerischen Unteroffiziersverbandes.»
Ein Tösstaler Museumsverbund
Das Museum wird zwei Stockwerke im ehemaligen Lagerhaus der Weberei umfassen. Darin enthalten sind das grosse Materialmagazin mit den Werkstätten sowie das auf 1839 – das Gründungsjahr der Zürcher Unteroffiziersgesellschaft – zurückreichende Archiv mit der Militärbibliothek der Zürcher Unteroffiziere.
Im Unterschied zu Uster ist der Unteroffiziersverein in eigenen Räumlichkeiten mit eigener Trägerschaft. Für den Betrieb und den Unterhalt kann der rund 140 Mitglieder zählende Verein selbst aufkommen.
Gegenüber dem Militär- und Festungsmuseum Full-Reuenthal sowie dem Museum im Zeughaus Schaffhausen ist die nun in Bauma befindliche Ausstellung zwar einiges kleiner, aber im Kanton Zürich das einzige Militärmuseum. Mit seiner thematischen Ausrichtung ist es zudem schweizweit einzigartig. Im Zeughaus Uster wurden 500 bis 800 Museumsbesucher pro Jahr gezählt.
Andreas Streiff hofft, dass es im Tösstaler Verbund mit dem neuen Fahrzeugmuseum in Saland, den historischen Anlagen des Dampfbahn-V ereins in Bauma sowie dem Museum Neuthal für Textil- und Industriekultur noch mehr Interessenten anziehen wird. Seine stärkste Wirkung entfaltet das Museum aber auswärts mit Einsätzen wie Anfang September am Biedermeierfest in Heiden und nächstes Jahr im Weisstannental.
Kampf gegen Motten
Bis es soweit ist, müssen die Vereinsmitglieder allerdings noch viel Arbeit investieren. Für die ganze Umzugsaktion sind bisher schon über 1200 Frondiensttage aufgewendet worden. Zudem wurden rund 100’000 Franken an zweckgebundenen Spenden für Handwerksarbeiten ausgelegt.
Und als gäbe das Einrichten und Aufräumen nicht schon genug zu tun, halten kleine Tiere die Museumswächter jetzt schon auf Trab: «Wir befinden uns in einem ständigen Kampf gegen Motten», meint Andreas Streiff.
Der Ausbruch aus dem «Ustermer Kessel»
Während zwei Jahren sorgte die Diskussion um den Verbleib des Unteroffiziersmuseum in Uster für manche Schlagzeile und viele rote Köpfe. Seit 1999 hatte der Unteroffiziersverein Uster in einem Teil des Zeughauses Uster seine Bleibe – kostenlos. Als 2003 klar wurde, dass der Verein samt Museum auf Dauer nicht im zentral gelegenen Zeughaus bleiben konnte, machte er sich auf die Suche nach einer Ersatzlösung. Diese fand er im Aussenzeughaus Winikon 1.
Geldgeber waren damals bereit, jenes Gebäude für 1,5 Millionen Franken zu kaufen und zu sanieren. Ende 2018 eröffnete die Stadt Uster als neue Besitzerin dem Unteroffiziersverein, dass sie einen Teil des Winiker Zeughauses auf 20 Jahre befristet vermieten würde. Das kam aber für die Unteroffiziere nicht infrage.
Nachdem auch Unterstützung auf politischer Ebene nichts gefruchtet hatte, stand der Verein vor der Frage, ob er sich auflösen sollte, da er in Uster keinen Platz mehr fand. Im Mai 2020 hatte auch bereits das bekannte Buchdruckmuseum, das ebenfalls im Zeughaus beheimatet war, aufgeben müssen. Dessen historische Maschinen wurden verschrottet.
So weit ist es für den Unteroffiziersverein aber nicht gekommen. So wurde er kurz vor dem endgültigen Auszug aus Uster im Juni 2021 in Bauma in der ehemaligen Weberei Tösstal fündig.
«Unsere ursprüngliche Idee war, ein militärisches Bauwerk zu erhalten und der Öffentlichkeit zu erschliessen. Der nun eingeschlagene Weg ist ein Rückzug», resümiert Vereinspräsident Andreas Streiff. «Viel von dem, was wir in den vergangenen 25 Jahren in den Standort Uster investiert haben, ist verloren. Aber mit diesem Schritt gelingt uns der Ausbruch aus dem Ustermer Kessel.»
Auch wenn der ganze Betrieb in Bauma aufgrund der peripheren Lage viel aufwändiger als in Uster sei, ist Streiff froh, nun eine eigene Bleibe gefunden zu haben. (cb)
