«Am Bild der Lehrperson muss gearbeitet werden»
Es war ein bemerkenswertes Prädikat, das Marco Nuzzi im Rahmen der öffentlichen Verabschiedung für die scheidende Stadträtin Erika Klossner bereit gehalten hatte. «Niemals amtsmüde» sei sie, sagte der neue Stadtpräsident in seiner Laudatio – was in jenem Moment etwas seltsam anmutete. Schliesslich war die 66-Jährige ja gerade im Begriff aus eigenen Stücken abzutreten.
Dabei hat es Nuzzi ziemlich gut getroffen. 20 Jahre lang hatte Klossner das Amt der Bildungsvorsteherin inne – eine in der Politik fast schon epische Zeitspanne. Und das auch noch in einer Phase, die von einem rasanten technologischen und gesellschaftlichen Umbruch geprägt war. Abnutzungserscheinungen, so dürfte man meinen, wären da nur natürlich.
Stattdessen treffen wir an diesem sonnigen Dienstag im Sekundarschulhaus Watt eine Frau an, die vor Esprit nur so sprüht. Und die sofort sagt: «Nein, ich bin überhaupt nicht amtsmüde. Sondern einfach dezidiert der Meinung, dass man in einem gewissen Alter auch mal aufhören sollte.» Das übrigens spricht für eine weitere Qualität, die ihr Nuzzi in seiner Rede attestierte: «Entscheidungsfreudigkeit».
Abschied in stürmischen Zeiten
In diesem Sinne hinterlässt sie ihrem Nachfolger Samuel Wüst (SP) ihr Haus guten Gewissens. Allerdings in äusserst stürmischen Zeiten: Der Personalmangel im Bildungswesen ist inzwischen derart akut, dass im Kanton Zürich kurz vor den Sommerferien immer noch hunderte Stellen unbesetzt sind. Auch in Illnau-Effretikon sind gegenwärtig noch eine Handvoll kleinerer Pensen ausgeschrieben.
Von dieser Situation will Erika Klossner ihren Abgang nicht überschattet sehen. Sie sagt: «Ich bin froh, dass wir fürs neue Schuljahr fast alle Positionen mit qualifizierten Lehrerinnen und Lehrern besetzen konnten.» Kalt lässt sie der Trend aber nicht.
«Die Mutterzeit einer Lehrerin dauert nicht selten mehr als zehn Jahre. In dieser Zeit fehlt sie uns bei den höheren Pensen.»
Erika Klossner
Eine Ursachenforschung ist freilich auch für den Profi schwierig. Sie sagt: «Am Bild der Lehrperson muss gearbeitet werden.» Der Beruf sei inzwischen ein Frauenberuf geworden. Das habe nicht nur mit Karriereperspektiven zu tun. Vielleicht, so ihre Vermutung, würden die Buben weniger positive Erlebnisse aus ihrer Schulzeit mitnehmen. «Deshalb ist es wichtig, dass wir sie in der Schule richtig abholen.»
Gleichzeitig dürfe nicht unterschlagen werden, dass das niederprozentige Arbeiten, «eine wertvolle Errungenschaft der Frauenemanzipation», stark ausgereizt wird. «Die Mutterzeit einer Lehrerin dauert nicht selten mehr als zehn Jahre. In dieser Zeit fehlt sie uns bei den höheren Pensen.»
Ihre Hoffnung liegt darauf, dass die Männeremanzipation nun ebenfalls zügig voranschreitet – und dass es die Privatwirtschaft mittels Teilzeitarbeit auch den Ehemännern der Lehrerinnen erlaubt, sich verstärkt in der Kinderbetreuung zu engagieren.
Aus einer anderen Welt
Das mögen alles nur Gedanken auf einer theoretischen Ebene sein. Doch man spürt in ihnen unmissverständlich die Leidenschaft für die Sache. Die Schule, das ist Erika Klossners Ding. «An den politischen Betrieb gewöhnt man sich irgendwann, aber das Herzblut für die Schule: das war bei immer da.»
Immer – das bedeutet in diesem Fall seit dem Spätsommer 2002 und ihrer Wahl in den Stadtrat. Eine Zeit in der Ruth Dreifuss oder Kaspar Villiger noch im Bundesrat sassen, in der die Digitalisierung noch in den Kinderschuhen steckte und der Zürcher Erziehungsdirektor Ernst Buschor für seine Vision der Reform des Volksschulgesetz mit dem Kopf durch die Wand wollte – und scheiterte.
An «eine komplett andere Welt» erinnert sie sich und lacht dabei fast schon ungläubig. Es gab keine Blockzeiten, praktisch keine Tages- und Ferienbetreuungen, kein Englisch, dafür aber überdurchschnittlich viele Kleinklassen – ein Umstand, auf den man in Illnau-Effretikon zu jener Zeit noch stolz war.
«Das hat die Arbeit enorm erleichtert.»
Erika Klossner zur Einführung von Schulleitungen
Die Transformationen erfolgten schnell. Einerseits weil Buschors Nachfolgerin Regine Aeppli das neue Volksschulgesetz dann 2005 schliesslich doch noch durchdrückte. Und andererseits weil Erika Klossner in Illnau-Effretikon nicht aufs Brems-, sondern aufs Gaspedal trat.
Basis dafür war die Einführung des Modells der teilautonomen Schule, die über eine Schulleitung funktionieren. «Das hat die Arbeit enorm erleichtert», betont sie. Zuvor waren alle Konflikte zwischen Eltern und Lehrpersonen bei der Schulpflege gelandet.
Die vielen Kleinklassen aufgelöst
So hatte die Bildungsvorsteherin den Rücken frei, um die Schule in die Moderne zu führen. Sie zählt auf: Die Einführung der Schulsozialarbeit, die Übernahme der Trägerschaft für das Berufsvorbereitungsjahr, die Integration der Schule Kyburg, das Programm «Fit für den Kindergarten», die Erweiterung der Musikschule Alato, das flächendeckende Klassenmusizieren im vierten Schuljahr. Dazu die Errichtung der ICT im technischen und pädagogischen Bereich. «Man muss sich vergegenwärtigen, dass damals erst ganz wenige private Computer in den Schulen standen.»
Der Kern des Wandels lag indessen in der Einführung der integrativen Förderung und der damit einhergehende Auflösung der Kleinklassen. Das Prinzip war – und ist – nicht unumstritten, insbesondere ein Teil der arrivierten Lehrerschaft hatte ihre liebe Mühe damit.
Erika Klossner begrüsste es schon damals – und bezeichnet es auch heute noch als ein «ganz grosses Anliegen» der Schule Illnau-Effretikon. Im Sinne des Kindeswohl müsse zwar in ganz bestimmten Fällen eine Separierung möglich sein. Doch sie pocht darauf: «Die integrative Förderung ist für ganz viele Kinder eine riesige Chance.»
Dass die Umstellung dennoch reibungslos funktionierte, hat wohl auch mit ihrer Persönlichkeit zu tun. Die Hotelfachschulexpertin, die von sich selbst sagt, dass sie «gerne Probleme löst», hat sich in Mediation weiterbilden lassen. Im Spannungsfeld des Schulbetriebs sicherlich eine willkommene Qualität.
«Wir gleisten die Dinge so sauber auf, dass wir keine Juristen brauchten. Das schafft Vertrauen. »
Erika Klossner
Vor allem aber habe sie als Schulpräsidentin immer auf «tolle Mitarbeitende» zählen können. Insbesondere in den Schulleitungen, die entgegen dem zeitgenössischen Trend wenig Fluktuation unterworfen waren. Ein Umstand, der auch ihrem Führungsstil und klaren Linie geschuldet sein dürfte. Nicht ohne Stolz sagt sie: «Wir haben nie Berater hinzuholen müssen. Und wir gleisten die Dinge so sauber auf, dass wir keine Juristen brauchten. Das schafft Vertrauen.»
Bestellung musste stimmen
Selbst nahm sie sich nicht zurück. Die Schulraumplanung nennt sie ihr «Hobby». Bei den mehr als zehn Bauprojekten, die in ihrer Amtszeit realisiert und vorgespurt wurden, hat sie stets Wert darauf gelegt, dass schon in der Planung und Projektierung alles einbezogen, ausgehandelt und entschieden wurde. Dass die «Bestellung», die aufgegeben wurde, final war.
Vom Stadtrat und vom Parlament hat sie jedenfalls stets bekommen, was sie beantragte. Da konnte es ihr egal sein, wenn hinter vorgehaltener Hand auch mal von «Klossners Königreich» gesprochen wurde. Man kann das ja durchaus als Kompliment verstehen.
