Gesellschaft

Der Sitzberger Röseligarten hat eine bewegte Vergangenheit

Heute ist der frühere Röseligarten im Sitzberg ein Haus für eine Lebensgemeinschaft von Menschen mit kognitiven und psychischen Behinderungen. Die Rückblende zeigt, dass dieses Haus zuvor vielfältig genutzt wurde. 

Der Sitzberger Röseligarten hat eine bewegte Vergangenheit

Der Röseligarten im Sitzberg findet in der Turbenthaler Gemeindechronik Erwähnung. Unter dem Titel « Häuser wachsen aus dem Boden » kann man in der Herausgabe von 1960 lesen:

« Im Kirchenorte Sitzberg mit dem stattlichen Pfarrhaus besteht heute das Ferienheim Röseligarten, welches auf Grund einer 1956 beurkundeten Stiftung zur Abhaltung von Tagungen und Kursen für kulturelle und berufliche Fortbildung, sowie zur Durchführung von Ferienwochen für erholungsbedürftige Personen gegen eine bescheidene Benützungsgebühr zur Verfügung gestellt wird. In neuster Zeit konnte man darum auch Kurse des obligatorischen hauswirtschaftlichen Unterrichtes für Mädchen nach Sitzberg verlegen. »

Gemeint ist die « Rüebli-RS » , wie sie gemeinhin im Volksmund genannt wurde.

Nur fürs weibliche Geschlecht

Allgemein waren es erst nur Mädchen, die lernen mussten, wie man gesund kocht, ökologisch haushaltet und einen Wasserhahn entkalkt. Dann aber kamen im Zuge der Gleichberechtigung auch die Jungen zum Haushaltsunterricht.

Auf dem Schwarzweiss-Foto sieht man ein grosses Wohnzimmer. Darin sitzen junge Frauen auf verschiedenen Stühlen und vor dem Kamin.

Zur Zeit des Röseligartens  aber war das noch kein Thema. Gleichwohl wurden die jungen Männer magisch angezogen.

Der 2019 verstorbene Ernst Stahel erzählte einmal schmunzelnd, wie er und Kollegen jeweils hoffnungsvoll Kieselsteine an die Fenster der dort wohnenden Mädchen geworfen haben. Denn die Kursbesucherinnen lernten im Sitzberg nicht nur Rüebli schälen, sie nächtigten auch im Haus.

Grab bei der Kirche

Tassilo Spelters, der inzwischen in Pension gegangene Leiter des Turbenthaler Hochbauamtes, hat als Baujahr des Hauses 1865 angegeben. Diese Zahl deckt sich nicht mit der Chronik.

Nach deren Beschreibung wurde das einstige Pfarrhaus früher erbaut. Das spielt indes keine Rolle, denn im Zentrum dieses Berichts stehen die Stiftung Röseligarten und insbesondere eine starke Frau mit ihrem prägenden Wirken.

Sie hiess Hannah Benz, wurde 1895 geboren und verstarb im Oktober 1991. Auf dem Friedhof der Kirche Sitzberg findet sich, etwas beengt in einer Ecke, nach wie vor ihr Grab.

Schön, dass man sich so immer noch an diese bemerkenswerte Frau erinnern kann. Um sie näher kennen zu lernen, lässt man am besten die ehemalige Vizepräsidentin des Stiftungsrates Röseligarten zu Wort kommen.

Das Schwarzweiss-Foto zeigt das Porträt einer älteren Frau mit weissen Haaren.

Nelly Huber hat zuhanden einer Sitzung im November 1991 das Lebenswerk von Hannah Benz schriftlich zusammengefasst.

Ursprung des Röseligartens

Huber erzählt darin, dass der ursprüngliche Röseligarten  ab 1921 in einem von Hannah Benz gemieteten Hausteil bei der Familie Siegfried als Treffpunkt für die aus einer Pfadfindergruppe hervorgehenden Mädchenvereinigung entstanden ist.

Nachdem die Siegfrieds für diesen Wohnteil Eigenbedarf angemeldet hatten, erstand Benz Ende der 1930er Jahre mit ihren letzten Mitteln das alte Pfarrhaus.  Eine Jugendfreundin habe ihr mit einem grösseren finanziellen Betrag beigestanden, schreibt Huber weiter.

Noch im alten Domizil führte die Frauenzentrale Winterthur ab 1922 hauswirtschaftliche Einführungskurse für körperlich schwächere und in der geistigen Entwicklung noch etwas zurückgebliebene Mädchen durch.

Mädchen erhielten ihr Rüstzeug

Ab 1941, jetzt am neuen Ort, war dann das kantonale Jugendamt für die fünf Monate dauernden Kurse zuständig.

Regelmässige hauswirtschaftliche Kurse für Mittelschülerinnen führte im Weiteren ab 1964 die Erziehungsdirektion durch, nachdem sie diese zuvor noch vier Jahre lang vereinzelt angeboten hatte.  Dazu kamen obligatorische Kurse für Lehrentlassene oder das Arbeitslehrerinnenseminar.

In über 50 Jahren hätten Tausende von Mädchen ihr Rüstzeug im Röseligarten  erhalten, schwärmt Nelly Huber in ihrem Bericht:  « Sie genossen darüber hinaus frohe Kameradschaft in einer Atmosphäre des heimelig eingerichteten Hauses auf den luftigen Höhen des Tösstals. »

Ein Ort der Erholung

Huber weiss weiter von angehenden Schwestern für Kinder- sowie Säuglingskrankenpflege vom Inselhof Zürich zu berichten. Während einigen Jahren verbrachten diese regelmässig vor den Abschlussprüfungen zwei bis drei Wochen im Röseligarten.

Und immer wieder genossen überlastete Mütter durch die Vermittlung der sozialistischen Frauengruppe Schweiz erholsame Ferien an diesem Ort.

« Frisch gestärkt, hei gahts us em Röseligarte, Ma und Chind tüend is erwarte. »
Gästebucheintrag einer Mutter

Hannah Benz umschrieb dies in einem Jahresbericht wie folgt: « Einmal die Hände in den Schoss legen, an den gedeckten Tisch sitzen und nachher lange ruhn, hilft mancher Mutter, die aufgestaute Müdigkeit abzubauen. »

Eine dieser dankbaren Mütter schrieb denn auch ins Gästebuch: « Frisch gestärkt, hei gahts us em Röseligarte, Ma und Chind tüend is erwarte, verby isch die schöne Feriezyt, die Chraft und Muet is uf de Heiwäg git. »

Ein vielfältiges Engagement

Nelly Huber berichtet auch über das übrige üppige Engagement von Hannah Benz. Sie war wohl eine von Krankheiten oft heimgesuchte Frau, nichtsdestotrotz legte sie ein vielfältiges soziales Engagement an den Tag.

So war sie ab 1920 massgeblich beim Aufbau der Frauenzentrale in Winterthur beteiligt. Auch war sie Initiantin des Haushaltungsinternats für lernbehinderte Mädchen in der Sunnhalde in Unterlangenhard.

Zudem half sie beim Auf- und Ausbau der Berufsberatung für Mädchen und Frauen in Stadt und Bezirk Winterthur. Sie gründete und leitete überdies einen zivilen Frauenhilfsdienst, der sich 1945 den nach Winterthur strömenden Flüchtlingen annahm – es müssen gegen 7000 gewesen sein.

Die so engagierte Frau wurde 1959 pensioniert und wohnte noch eine Weile im obersten Stock des Röseligartens. Es war ihr ein Anliegen, nah bei ihren Mitarbeiterinnen und den jungen Menschen zu sein.

Ein Lebenskreis schliesst sich

1964 wurde dann durch die Stiftung in der Nähe das Steiggüetli erbaut, dort durfte Hannah Benz ihren Lebensabend verbringen, bis sie zehn Jahre später ins Altersheim Schloss Hauptwil zog. Dort schloss sich ihr bemerkenswerter Lebenskreis.

1995 ging das Haus über in die Winterthurer Bärbeli Stiftung, seit 1999 gehört es dem Verein Chupferhammer (siehe Box).

(Renate Gutknecht)

Für Menschen  kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen

Der Verein Chupferhammer mit Sitz in Ebnat-Kappel wurde 1981 gegründet, der Name der Organisation geht zurück auf die erste Liegenschaft in Lütisburg.  Heute gibt es 13 Wohn- und Lebensgemeinschaften in Kleinhäusern in vier Kantonen. Eine davon befindet sich im Sitzberg.

Die derzeitigen Co-Leiterinnen sind Gerlinde Witlatschil und Claudia Klingler. Sie betreuen mit einem sozialpädagogischen Begleitteam insgesamt sechs Menschen mit kognitiven und psychischen Beeinträchtigungen. In einem Atelier in Turbenthal werden diverse Gegenstände angefertigt, die man in einem  kleinen Kiosk vor dem Haus im Sitzberg kaufen kann. (rg)

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