So reitet es sich auf einem «Plastikpferd»
Ustermer Wald, ein sonniger Tag, vor mehreren Jahren: Ich liege mit schmerzverzerrtem Gesicht auf dem Boden. Der Rücken schmerzt. Ich ringe nach Luft – sicher eine halbe Minute lang.
Mein letztes Erlebnis mit Pferden ist eines der unangenehmeren Art. Bei einem Ausritt mit meiner Ex-Freundin geht der Isländer unter mir durch. Als Reitanfänger, der zuvor nur einige Mal zu Ross sass, kann ich mich nicht im Sattel und den Steigbügeln halten, stürzte krachend in einer Kurve auf den steinernen Waldweg.
All das kann mir heute, an diesem Donnerstagmorgen nicht passieren. Nicht in diesem Hobbykeller, an dessen Wand ein Laserbeamer ein mehrere Meter grosses Bild einer Landschaft projiziert. Nicht, auf diesem schwarzen Grosspferd aus Plastik.
Plastikpferd in Lebensgrösse
«Ja er bockt nicht, steigt nicht, schlägt nicht aus, sondern er ist einfach nur brav. Mit ihm kann man reiten so viel man will», sagt Doris Wetter über den Plastikhengst. Seit dem Herbst letzten Jahres betreibt die 59-Jährige an der Preyenstrasse 41 in Wetzikon ihren Reitsimulator, eine von zwei Anlagen in der ganzen Schweiz.
Der Reitsimulator ist dabei genauso gross wie ein echtes Pferd und soll diesem in Gefühl und Bewegung in nichts nachstehen. Mittels verschiedener Sensoren am Kopf und Hals, unter dem Sattel oder an beiden Seiten werden Reiterbefehle vom Simulator unmittelbar umgesetzt und in Echtzeit auf dem Monitor angezeigt und visualisiert.
Mittels eines metallenen Trittbocks steige ich auf das «Pferd», setze mich in den Sattel. Zuvor wurden die Steigbügel auf meine Körpergrösse eingestellt – keine einfache Sache bei 1,87 Meter wie sich zeigt.
Vertrautes Gefühl
Auch wenn ich schon Jahre nicht mehr im Sattel sass, fühlt es sich doch vertraut an. Allerdings muss mir Doris Wetter dann doch noch mal zeigen, wie die Zügel zu halten sind, locker eingeklemmt zwischen Daumen und Zeig, sowie Ring- und kleinem Finger.
«Man sieht, dass sie nicht zum ersten Mal im Sattel sitzen
»
Doris Wetter, Betreiberin Reitsimulator Wetzikon
Über 20 Jahre hatte Wetter einen eigenen Hof, besass zwischenzeitlich bis zu fünf Pferde. 2019 verkaufte sie den Hof. «Manchmal vermisse ich es – allerdings nicht die Arbeit.»
Sie ritt Turniere und liess sich auch durch einen schweren Reitunfall im Kindesalter ihre Leidenschaft nicht nehmen, als ein Hufschlag ihre Gesichtsknochen zertrümmerte und sie in Folge auf einer Seite ihr Augenlicht verlor.
Ich, ein Reittalent?
Ich blicke indessen konzentriert auf den Monitor. Zunächst geht es darum, die verschiedenen Sensoren zu spüren, sei es mittels Zügel, Gesäss oder Waden.
Anschliessend durchlaufe ich ein zweiminütiges Analyseprogramm, heisst, ich reite im Schritt, Trab, Links- und Rechtsgalopp. Das Pferd unter mir führt dabei die Bewegungen so gut aus, dass zumindest ich nicht sagen könnte, inwiefern sie sich von einem echten Pferd unterscheiden.
«Man sieht, dass sie nicht zum ersten Mal im Sattel sitzen, Sie machen das vorzüglich», lobt mich Wetter und zeigt mir auf einem Ausdruck verschiedene Wellenkurven.
«Sie haben einen hervorragenden geraden Sitz im Gleichgewicht, einzig nach vorne und hinten gibt es eine Schwankung.»
Sportliche Anstrengung
Danach geht es ins Dressurviereck. Mit ein, zwei Klicks, ist das Programm umgestellt, das Bild auf dem Monitor gewechselt.
Mit dem Anreiten und Angaloppieren, das mittels der Sensoren auf den Flanken geschieht, habe ich bisweilen meine Mühe. Nicht immer finde ich die Druckpunkte.
Irgendwann habe ich den Dreh aber dann doch noch raus. Ich galoppiere, halte mich im Sattel, gebe den Zügeln genug Lauf.
Immer wieder schaue ich zur Seite, um meine Haltung im Spiegel zu sehen und zu korrigieren. Aus den Lautsprechern ist das Gezwitscher von Vögeln oder das Knirschen von Hufeisen auf Kies zu hören.
Nach gut einer Stunde steige ich vom Pferd. Kaum habe ich den ersten Schritt getan, spür ich ihn – den Schmerz an der Innenseite meiner Oberschenkel.
Auch wenn ich heute «nur» auf einem Plastikpferd sass, die sportliche Anstrengung und die Beanspruchung der entsprechenden Muskulatur ist doch die gleiche. Nur ist dieses Mal mein Abgang wesentlich schmerzfreier als noch vor einigen Jahren.
Welche Vorteile ein Ritt auf dem Reitsimulator mit sich bringt, lesen Sie hier im Interview mit der Betreiberin Doris Wetter.
