Bezirk Hinwil

Bezirk Pfäffikon

Bezirk Uster

Tösstal

Themen

Specials

Services

ZO Portale

Abo

Gesellschaft

«Humor in Krisenzeiten ist für mich lebensnotwendig»

Am Samstagabend tritt Michael Elsener im Scala Wetzikon auf. Vor seinem Aufritt spricht der Satiriker über Stadt-Land-Graben, Medien und Krisen. Und erklärt, wieso diese für ihn Inspirationsquelle sind.

Mit spitzem Werkzeug gegen Fake News: Michael Elsener macht mit seinem aktuellen Programm Halt in Wetzikon., «Fake me happy» lautet der Name des Programms des Comedians., Bekannt ist Elsener vor allem für seine Parodien und Imitationen.

Fotos: PD

«Humor in Krisenzeiten ist für mich lebensnotwendig»

Michael Elsener, Sie treten am Samstag im Scala in Wetzikon im Zürcher Oberland auf. Was fällt Ihnen zur Region ein?
Michael Elsener: Mir wurde einst von einem Kollegen gesagt, der hier wohnt, das Oberland sei auch bekannt als «Bible Belt», Bibelgürtel. Ich habe eine Nummer im Programm, in der Roger Schawinski ein exklusives Interview mit einem lang erwünschten Gast führen kann – mit Gott. Diese Nummer bringe ich in Wetzikon in der Tat etwas früher als an anderen Orten.

Warum?
Der Auftritt als Comedian ist immer ein bisschen eine Gratwanderung. Es geht darum, die Leute am jeweiligen Abend frühestmöglich einzuschätzen und zu merken, wofür sie empfänglich sind.  Ich presche da gern auch etwas vor mit einem Thema, wie mit «Gott» im «Bible Belt», weil ich möchte die Leute auf Gedanken bringen, die sie sich im Alltag nicht freiwillig machen.

Michael Elsener sitzt an einem Tisch und lacht.

Unterscheidet sich der Humor auf dem Land und in der Stadt?
Wollen Sie jetzt auch einen Stadt-Land-Graben heraufbeschwören? (lacht) Wenn ich in der Schweiz auftrete, kann ich einen Teil meines Programms, in dem es um Sterbehilfe geht, in der ersten Hälfte der Show noch nicht bringen. Die Leute sind dafür noch nicht bereit. In Berlin allerdings, muss ich damit sehr früh einsteigen – das Publikum schläft mir sonst weg.

Also ist deutscher Humor anders als Schweizer?
Ich will nicht pauschalisieren. In den grossen Städten muss ich sicher schneller auf den Punkt kommen.

«Schwebe ich auf Wolke Sieben, fällt mir das pointierte Schreiben schwer»

Zwei Jahre Corona-Pandemie, jetzt Ukraine-Krieg. Was darf Humor in Krisenzeiten?
Humor halte ich für lebensnotwendig, jederzeit und vor allem in schwierigen Zeiten. Es kommt darauf an, über wen man seine Witze macht. Ich mache meine Jokes über Menschen mit mehr Macht, mehr Prestige, über jene, die etwas getan haben, was nicht in Ordnung ist. – Ich finde: Humor ist für Krisen-Zeiten gemacht.  

Welchen Einfluss hat die aktuelle Situation auf Sie?
In Krisenzeiten schreibe ich die besten Witze. Wenn es mir schlecht geht, blühe ich kreativ auf. Hingegen wenn ich auf Wolke Sieben schwebe, fällt mir das pointierte Schreiben schwer.

Ihr aktuelles Programm, «Fake me happy», das während der Pandemie entstanden ist, ist also Ihr bestes?
Ja, das könnte man vielleicht so zusammenfassen (lacht). Ich habe das Programm im Lockdown geschrieben, was für mich eine Grenzerfahrung war – mein Job hat ja nicht mehr existiert. Das hat neue Kräfte in mir freigesetzt und für mich war klar, eine mittelmässige Nummer kommt nicht ins Programm. Wenn die Leute dann wieder an meine Auftritte kommen, wollte ich ihnen das Bestmögliche bieten.

In Ihrem Programm geht es um unser Fake-Ich, Realitätsflucht, Selbstbetrug, Social-Media. Kann Satire heutzutage mit all den falschen Darstellungen und Informationen überhaupt noch als solche verstanden werden?
(denkt lange nach) Nicht immer, aber das hat aus meiner Sicht zwei Gründe.  Einerseits verwechseln die Leute oft das Thema des Witzes mit dem Ziel der Pointe. Sie hören das Wort «Gott» und taxieren es als  Gotteslästerung, dabei ist es mein Anliegen, die katholische Kirche als Institution zu hinterfragen. Zweitens erlebe ich immer wieder kleinere Shitstorms, die ich dann aber darauf zurückführe, dass ich meine Arbeit nicht ganz sauber gemacht, die Pointe nicht klar genug formuliert habe.

Was heisst das?
Humor und Satire sind eine Kunstform, die oftmals auch emotional ist. Da geht es für mich dann darum, bevor ich meine Pointe vor Publikum präsentiere,  Abstand zu gewinnen und analytisch zu hinterfragen , wie der Witz genau  funktioniert.

Für Ihre Erklärvideos auf Youtube zu politischen Abstimmungen greifen Sie ja sogar auf ein Team zurück, das Ihre Fakten checkt.
Das stimmt. Denn ich habe den Anspruch, dass die Sachen, die ich mache, auch stimmen. Mir wurde schon gesagt, dass ich für manche im Vorfeld von Abstimmungen die vertrauenswürdigste Quelle sei. Das freut mich natürlich, überrascht mich allerdings auch zugleich.  Plötzlich schreiben mir Lehrerinnen und Lehrer und sagen, sie hätten die Clips im Unterricht gezeigt. Und ich denk mir: Crazy, ich hätte nie gedacht, dass ein Comedian mal zu Schulstoff wird.

Inwiefern hilft Ihnen bei Ihrer Arbeit auch die Tatsache, dass Sie als Journalist gearbeitet und Politikwissenschaft studiert haben?
Zunächst finde ich es toll, dass ich drei Berufe – Comedian, Journalist und Politikwissenschaftler – miteinander kombinieren kann. Das ist eine sehr befriedigende Arbeit. Und in der Tat hilft es mir im Vorfeld bei der Recherche und beim Herausschälen der Kern-Frage einer Abstimmung. 

Welche Rolle spielen Medien bei Ihrer Vorbereitung?
Für mich sind sie essentiell. Ich stütze mich auf die Arbeit von Journalistinnen und Journalisten. Ohne guten Journalismus wäre mein Schaffen nicht möglich. So informiere ich mich sehr breit, über BBC, deutsche und Schweizer öffentlich-rechtliche Medien.

«Auch heutzutage kommt das Training im Umgang mit Medien in der Schule zu kurz»

Aber laufen Instagram und TikTok den etablierten Medien nicht immer mehr den Rang ab?
Das ist sicher so, sie sind viel schneller. Meine Cousine hat mich über den Ukraine-Krieg per Whatsapp informiert, weil sie einer ukrainischen Influencerin auf Instagram folgt . Zu diesem Zeitpunkt hatte ich den Ausbruch  noch gar nicht auf dem Schirm.

Wie sehen Sie den Umgang mit Social-Media als Informationsquelle?
Sicher kritisch. Und ich glaube bei vielen Jungen ist der Medienumgang aus bildungstechnischer Sicht ein Manko. Ich selber habe in der Schule so etwas nie gelernt und auch heutzutage kommt das Training im Umgang mit Medien zu kurz.

Apropos Medienkritik. Ich habe gelesen, dass Sie den 1. April toll finden und in Zeitungen immer auf die Suche nach falschen Geschichten gehen.
Ehrlich gesagt hat sich meine Freude über den 1. April in den letzten Jahren abgeschwächt.

«Ginge es nach mir, sollten wir den 1. April vorläufig aussetzen»

Warum das?
Ich erachte ihn inzwischen einfach als sehr plump. Unter dem Jahr passiert so viel «crazy shit», wo wir denken, dass kann man doch gar nicht ernst meinen. Und so wird es immer schwieriger, noch absurdere Geschichten als die Realität zu erfinden. Deshalb sollten wir, ginge es nach mir, den 1. April vorläufig erst mal aussetzen.

Unser Medienunternehmen hat das nicht getan, sondern für einen 1. April-Scherz mit der Gemeinde Fehraltorf zusammengespannt. Darf ich Sie um eine kurze Einschätzung bitten?
Natürlich.

In Fehraltorf können die bekannten Osterrennen mit Pferden nicht mehr stattfinden, weil ein Bauer das Land umpflügte, um Winterweizen zu sähen. Stattdessen flitzen dieses Jahr Windhunde über die Rennbahn, Welpenkuscheln inklusive.
(lacht herzlich) Sehr gut! Und der Scherz …?

… ist, dass Windhunde kommen.
Nicht der Teil mit dem Bauern?

Nein, das hat sich wirklich so zugetragen im Herbst 2021.
Köstlich! Also der Scherz ist schon sehr glaubwürdig, weil so subtil. Vor allem auch, weil die Gemeinde mitzieht. Meistens sind ja April-Scherze als solche zu entlarven, wenn sie an einer Stelle völlig übertrieben sind. Wenn der ZO also behauptet hätte, dass der Hundekot besonders guter Dünger für den Winterweizen gewesen wäre. Aber so braucht ihr vielleicht am Ostermontag ein Care-Team.

Wofür?
Na für all die traurigen und enttäuschten Familien, die sich so auf die herzigen Hunde gefreut hatten.

Über Michael Elsener
1985 in Zug geboren, steht er als 14-Jähriger ein erstes Mal als Stand Up Comedian auf einer Bühne. An der Kantonsschule Zug macht er seine ersten Gehversuche als Komiker, bevor er später als Journalist arbeitet und Politikwissenschaften an den Universitäten Zürich und Florenz studiert. Er bildet sich in Schauspiel und Improvisationstheater weiter. Seit 2006 tritt er als Comedian auf, ist bekannt für eine Parodien und Imitationen, etwa von Roger Federer. Derzeit tourt Elsener mit dem Programm «Fake me happy» durch die Schweiz. Neben dem Aufritt am 2. April im Scala Wetzikon gastiert er am 24. September im Volketswiler Parkhotel Wallberg. (erh)

Abo

Möchten Sie weiterlesen?

Liebe Leserin, lieber Leser

Nichts ist gratis im Leben, auch nicht Qualitätsjournalismus aus der Region. Wir liefern Ihnen Tag für Tag relevante Informationen aus Ihrer Region, wir wollen Ihnen die vielen Facetten des Alltagslebens zeigen und wir versuchen, Zusammenhänge und gesellschaftliche Probleme zu beleuchten. Sie können unsere Arbeit unterstützen mit einem Kauf unserer Abos. Vielen Dank!

Ihr Michael Kaspar, Chefredaktor

Sie sind bereits Abonnent? Dann melden Sie sich hier an

Digital-Abo

Mit dem Digital-Abo profitieren Sie von vielen Vorteilen und können die Inhalte auf zueriost.ch uneingeschränkt nutzen.

Sind Sie bereits angemeldet und sehen trotzdem nicht den gesamten Artikel?

Dann lösen Sie hier ein aktuelles Abo.

Fehler gefunden?

Jetzt melden.

Kontakt

Inserieren

Abo

Services

Über uns