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In Schlitzen wird nach Pfahlbauerspuren gesucht

Das Ägerstenriet bei der Seegräbner Aussenwacht Aretshalden soll wieder zu dem werden, was es im Namen trägt. Doch zuvor wird untersucht, ob sich dort vor 6000 Jahren schon Menschen herumtrieben.

Der Archäologe Manuel Walser sucht in einem Graben im Ägerstenriet nach Spuren von Pfahlbauern., Die fast 18'000 Quadratmeter grosse Wiese wird mit Schlitzen überzogen, die den Archäologen Einblick in den Untergrund geben. , Etwas Ferienstimmung: Bei der Untersuchung der Schlitze halten Schirme das helle Sonnenlicht ab.

Foto: Christian Brändli

In Schlitzen wird nach Pfahlbauerspuren gesucht

Es sieht ein bisschen aus, als hätte ein gewaltiger Maulwurf gewütet. Über die ganze Wiese zwischen der Messikommer Eiche und dem Seegräbner Weiler Aretshalden verstreut sind Erdhaufen zu sehen und daneben jeweils längere und kürzere Schlitze im Erdboden. Bis Ende Woche werden es über zwei Dutzend sein, die auf der knapp 18’000 Quadratmeter grossen Parzelle ausgehoben werden.

Über zwei Dutzend werden im Ägerstenriet auf der Suche nach Pfahlbauerspuren angelegt.

Anders als bei einem Maulwurf üblich werden die Erdhaufen und Löcher aber nicht lange sichtbar sein. Haben die beiden Archäologen, die dort während rund zwei Wochen wirken, den Sondierschnitt untersucht, wird er vom Baggerführer wieder zugeschüttet. «Aus Sicherheitsgründen», wie Adina Wicki erklärt. Die Archäologin leitet das Projekt und sucht zusammen mit ihrem Kollegen Manuel Walser auf dem Gelände nach Spuren von Pfahlbauern.  

Hohe Erwartungen

«Wir sind mit hohen Erwartungen hierher gekommen», meint Wicki. Das kommt nicht von ungefähr, ist im Umfeld der nahen Messikommer Eiche doch bereits ein mittelsteinzeitlicher Lagerplatz belegt. Zwischen 9500 und 5500 vor Christus siedelten dort Jäger und Sammler. Die dort gefundenen Hinterlassenschaften – Feuersteingeräte wie Silexspitzen, die für Pfeile genutzt wurden – sind für die Forscher besonders interessant. Einige stammen nämlich aus der Übergangszeit, als die Sammler und Jäger sesshaft wurden und sich zu Bauern entwickelten.

Grabungsleiterin Adina Wicki nimmt ein Loch im Ägerstenriet unter die Lupe.

Diese «Pfahlbauer» werden der Jungsteinzeit zugeordnet. «Aus dieser Übergangsperiode gibt es nur wenige Fundstellen. Der Platz bei der Messikommer Eiche, der damals wie eine Insel aus dem sumpfigen Umland ragte, ist von nationaler Bedeutung», hält Wicki fest. Hier gebe es sogar Spuren aus der Altsteinzeit. «Und der Platz ist noch intakt, da es nie grosse Bodeneingriffe gegeben hat.»  

Dank Trockeneis zu interessanten Funden

In der ersten Woche haben die beiden Archäologen in jener ins Ofenriet übergehenden Zone diverse Proben mit einer drei Meter langen Sondierstange entnommen. Dabei wird die Metallröhre mit Trockeneis gekühlt und das Bodenmaterial bleibt dann an der Stange kleben. «Wir haben vielversprechende Bohrkerne zu Tage gefördert», erklärt Wicki.  

Bei der Messikommer Eiche erinnert ein Stein und eine Gedenktafel an den Pfahlbauerforscher Jakob Messikommer.

Jetzt aber sind die beiden Archäologen im Ägerstenriet den Pfahlbauern aus der Jungsteinzeit und Bronzezeit auf der Spur. Diese hatten auch am Pfäffikersee zwischen 4000 und 1000 vor Christus ihre Siedlungen auf Pfählen erstellt. «Doch wir vermuten, dass hier auch Spuren aus der Mittelsteinzeit zu finden sind.»

Ominöse Glasperle

«Diese dunkle, eingedolte dunkle Schicht könnte eine Grube gewesen sein, wie sie beispielsweise in prähistorischen Siedlungen vorkommen kann», erklärt die Archäologin in einem der Gräben.

Die Gemeinde der Einbäume

04.04.2021

Das besondere Wappen von Seegräben

Sie ist die einzige Gemeinde, in der die Pfahlbauer ihre Spuren sogar im Wappen hinterlassen habe Beitrag in Merkliste speichern Ans Licht geholt haben die beiden auf der Wiesenparzelle bisher zwei Silexsplitter – und eine Glasperle aus dem nebenan liegenden Acker. «Da laufen die Drähte nun heiss», schmunzelt Walser. «Die könnte aus der Bronzezeit stammen, aber ebenso gut moderner Ethnoschmuck sein.» Das wird nun abgeklärt.

Die bis zu 1,2 Meter tiefen Schlitze im Boden ziehen die Aufmerksamkeit vieler Passanten auf sich. Walser erklärt bereitwillig, was die Archäologen hier so treiben. Jeder Schnitt wird zuerst von den Schmierspuren der Baggerschaufel befreit. Dann werden die Schichten fotografiert, ausgemessen und beschrieben. Nicht oft seien sie an so schönen Grabungsstellen beschäftigt, meint Walser. «Es ist ein Privileg, hier zu arbeiten, mit direktem Blick auf die Alpen. Das ist toll», schwärmt er. Und die beiden grossen Sonnenschirme oben am Loch lassen schon fast etwas Ferienstimmung aufkommen.  

Sonnenschirme für die Arbeit: Archäologen untersuchen das Ägerstenriet.

Adina Wicki wird anschliessend an die Grabungen einen Bericht erstellen. Je nach Resultat wird auch entschieden, ob weitere Nachforschungen angestellt werden. Das wird auch die kantonale Fachstelle Naturschutz interessieren.

Aus Wiese wird wieder Riet

Denn sie ist der Auslöser für die Untersuchungen der Archäologen. Die ganze dem Kanton gehörende Wiese soll nämlich renaturiert werden. «Unser Ziel ist die ökologische Aufwertung dieses Gebiets», unterstreicht Fabio Fässler, wissenschaftlicher Mitarbeiter der Fachstelle. In den flacheren Teilen soll eine Pfeifengraswiese entstehen, so wie sie nebenan im sumpfigen Teil des Ägerstenriets bereits besteht. Im oberen Teil dürfte es eine blütenreiche Magerwiese geben.

Damit das realisiert werden kann, müsste die oberste 20 bis 30 Zentimeter dicke Humusschicht abgetragen werden. Je nachdem könnten es stellenweise aber auch mehr sein. «Das ist aber alles noch nicht fix», betont Fässler. Schliesslich seien sie jetzt erst am Vorprojekt. Die Sondiergrabungen, die nun die Archäologen für ihre Forschungen nutzen, werden auch darüber Auskunft geben, was alles für die Rückführung des Gebietes zu einem artenreichen Lebensraum getan werden muss.

Die rot eingerahmte Parzelle bei der Messikommer Eiche soll renaturiert werden.

Nach der Projektierung wird gemäss dem Naturschutzexperten ein Bauprojekt ausgearbeitet, das dann bei der Gemeinde zur Bewilligung eingegeben wird. «Im Idealfall können wir das Vorhaben bereits in diesem Herbst umsetzen.» Was das Ganze kostet, kann Fässler noch nicht beziffern. «Das wird erst die Detailplanung zeigen.»

Und so bleiben die möglichen Pfahlbauerüberreste noch eine Weile ungestört im Boden. «Dort sind sie auch am besten geschützt», meint Archäologin Wicki.   

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