Rütner Kult-Wirt legt seine Schürze ab
Die Uhr auf dem Handy zeigt 13 Uhr. Ein grosser Teil der Mittagskundschaft ist offenbar schon weitergezogen, der Sternen in Rüti noch knapp zur Hälfte gefüllt. Hölzerne Stühle und Tische, einfache Papierunterlagen, neben der Küche ein grosser runder Stammtisch. Das urschweizerische Beizenflair – man spürt es unmittelbar und mit allen Sinnen.
Aus einer Ecke winkt Caspar Fries, der Besitzer der Liegenschaft und Präsident des Vereins Sternenkeller, dem weit über die Gemeinde- und Kantonsgrenzen hinaus bekannten Kleintheater im Untergeschoss. Er sitzt mit seiner Frau Ilsi Muna Ferrer und einem Freund zu Tisch, den Platz neben ihm hat er extra für den Besuch decken lassen.
«Herzlich Willkommen», sagt er und lächelt freundlich. «Schön, dass es geklappt hat.» Und: «Nach 24 Jahren hat sich der Charly das verdient.»
Ab 1. April unter neuer Führung
«Der Charly» heisst mit bürgerlichen Namen Karl Engelhard. Der 68-Jährige gehört in Rüti zum Dorfinventar. Als Wirt und Koch hat er den Sternen am 2. Oktober 1998 übernommen, am Freitag 25. Februar bedient er seine Gäste zum letzten Mal. Danach schliesst das Lokal, ehe es am 1. April unter neuer Leitung wiederöffnen wird.
Kulturveranstalter Fries hat diese Neuigkeit in einem Newsletter in die Redaktionsstuben getragen. Für Charly Engelhard selbst, so wird dieser später sagen, wäre es dagegen «auch gut ohne gegangen».
Bevor es aber um ihn geht, wird zuerst gespiesen. Sechs Menüs stehen zur Auswahl, daneben gibt es noch die Karte. Die Wahl fällt auf das Menu 5, die Servicefrau bringt Rindsteak mit Polenta und Gemüsegarnitur. Es schmeckt vorzüglich.
Beim Kaffee gesellt sich Charly Engelhard hinzu. Das graue Haar zerzaust, die weisse Kochweste gut sitzend, die Unterarme frei. «Frische Zutaten und international», meint er auf die Frage nach seinen kulinarischen Prinzipien knapp. Dann lehnt er sich auf dem Stuhl nach hinten und faltet die Hände über dem Bauch zusammen.
Es ist eine typische Engelhard-Antwort. Gern salopp und augenzwinkernd, oft kurz, immer direkt. «Ich bin nicht einer, der viel redet. Den Wein habe ich früher immer ‹ Schnurri-Droge › genannt», sagt er etwa. Oder: «Ob die langen Arbeitstage im Alter an die Substanz gehen? Fragen Sie mich doch nochmals, wenn ich alt bin.»
«Ich bin nicht einer, der viel redet. Den Wein habe ich früher immer ‹ Schnurri-Droge › genannt.»
Sternen-Wirt Charly Engelhard
Die Gesprächsrunde ist locker und hat eine gesellige Note. Es macht durchaus Sinn, sich mit Engelhard in dieser Atmosphäre zu unterhalten. Nicht nur helfen seine langjährigen Wegbegleiter Fries und Muna Ferrer die Geschehnisse einzuordnen – der Rahmen schafft Authentizität.
«Mühsame» Pandemie
Das weinende Auge, von dem so gerne gesprochen wird, scheint es hier nicht zu geben. «Wehmut? Wieso?», entgegnet Charly Engelhard auf das Stichwort.
Er möchte nicht jammern, aber die Pandemie sei «schon mühsam» gewesen. Nun freue er sich, sich wieder seinem alten Hobby, dem Imkern zu widmen und mal «niemandem hinterhertelefonieren zu müssen.»
Was herablassend klingen mag, ist so nicht gemeint. Vielmehr ist Engelhard ein ruhiger Macher, der in flachen Hierarchien gerne Verantwortung übernimmt und in einer Sache aufgeht. «Ich bin keiner, der vor etwas Angst hat», sagt er.
Davon zeugen seine Stationen in der Vergangenheit. Zu Beginn der 1980er-Jahre hatte der Bauernsohn aus dem Zürcher Unterland zwei Mal versucht, ein landwirtschaftliches Projekt zu realisieren, ehe er quer bei der Kulturbeiz Neuhof in Bachs, die anfangs noch genossenschaftlich organisiert war, in die Gastronomie einstieg.
In den Neunzigern zog er aus, um Erfahrung bei verschiedenen Restaurants und einem Tennisklub-Lokal zu sammeln. Wenn es nötig war, habe er auch schon mal «die Schürze fallen lassen» und sei einfach gegangen. Den Sternen in Rüti übernahm er schliesslich am 2. Oktober 1998 – anfänglich stand er noch ganz alleine in der Küche.
Die soziale Ader
Schnell einmal ist die Belegschaft auf gut 10 Personen angewachsen, viele der Mitarbeitenden sind lange geblieben. «Charly hat eine sehr soziale Ader, auch bei den Lehrlingen», sagt Ilsi Muna Ferrer. Nicht selten habe er jene angestellt, die andernorts rausgeflogen sind.
«Ich habe immer diejenigen genommen, die es draussen in der freien Wildbahn am schwierigsten hatten», bestätigt Engelhard. Einmal, so erinnert er sich, sei ein Lernender in einen unüberbrückbaren Konflikt mit einer neu eingestellten Küchenchefin geraten. Er selbst habe den Jungen deswegen nicht schicken wollen. Die Konsequenz? «Sie ging.»
«Ich habe immer diejenigen genommen, die es draussen in der freien Wildbahn am schwierigsten hatten.»
Charly Engelhard über die Wahl seiner Lehrlinge
«Der Charly hat einen harten Schädel, aber ein offenes Herz», sagt Caspar Fries. Und: «Das einzige Schimpfwort, das ich je aus seinem Mund gehört habe, ist ‹ Caramba › .» Tatsächlich? «Ja, wenn ich merke, dass jemand mit mir streiten will, dann laufe ich ihm davon», sagt Charly Engelhard.
Die Philosophie beibehalten
Diese Gutmütigkeit seines Wirts dürfte mit ein wichtiger Grund dafür gewesen sein, dass der Sternen den Spagat zwischen Dorf- und Kulturbeiz geschafft hat. Das sieht zumindest Caspar Fries so: «In dieser Atmosphäre lassen sich die unterschiedlichen Publika gut vereinen. Man akzeptiert sich gegenseitig und beäugt die anderen nicht komisch.»
Inzwischen sind auch Judith Glarner und Michela Cabitza an den Tisch gestossen. Die beiden langjährigen Servicemitarbeiterinnen haben jüngst eine GmbH gegründet und werden ab April den Betrieb übernehmen.
«Manchmal ein Chaot, aber enorm sozial», beschreibt Glarner ihren Noch-Chef. «Wir möchten gewisse Dinge ändern. Doch diese Philosophie wollen wir unbedingt beibehalten.»
Schon vor vier Jahren hatte es Pläne für eine Nachfolgelösung gegeben, realisiert worden sind sie damals nicht. Eigentlich wäre jetzt angedacht gewesen, dass Charly Engelhard bei der neuen Firma zumindest anfänglich noch mit von der Partie ist. Dass es nun auch ohne ihn geht, komme ihm entgegen.
So steht noch die Frage im Raum, ob es nun noch eine Dernière gibt. Ein letztes Fest. «Nein, das möchte ich nicht. Auch keine ‹ Ustrinkete › oder dergleichen. Ich mag es nicht, im Mittelpunkt zu stehen», sagt er. Am 6. März wird er noch ein letztes Mal den traditionellen Sternen-Zmorge offerieren.
Und dann? «Was dann?», wirft Charly Engelhard zurück. «Ja dann suche ich mir vielleicht noch eine Alpwirtschaft mit ein paar Tieren. Das wäre was.»
