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Gesellschaft

«Der Glaube an den Tod macht uns besser»

Kaser Alasaad führt als Imam in Volketswil eine der grössten Moscheen im Kanton Zürich. Im Interview spricht er über die Bedeutung des neuen Grabfelds in Effretikon und des Tods in der islamischen Kultur.

Imam Kaser Alasaad ist für das Grabfeld in Effretikon dankbar.

Christian Merz

«Der Glaube an den Tod macht uns besser»

Herr Alasaad, ab dem 1. März dürfen auf dem Friedhof in Effretikon Menschen auf einem muslimischen Grabfeld beigesetzt werden. Was bedeutet Ihnen das?
Kaser Alasaad: Als Imam einer der grössten Moscheen im Kanton Zürich bedanke ich mich herzlich bei den Behörden der Stadt Illnau-Effretikon, dass sie dem Wunsch ihrer muslimischen Bürgerinnen und Bürger entsprochen haben. Ich sehe das als einen wichtigen Schritt in die richtige Richtung – auch für die Schweizer Gesellschaft generell.

Das sind grosse Worte.
Die Musliminnen und Muslime sind ein Faktor in der Gesellschaft. Sie leben und arbeiten hier und möchten ihre religiösen Bedürfnisse insbesondere im Krankheits- und Todesfall erfüllen. Deshalb sehe ich den Schritt auch als eine Willkommensgeste. Er zeigt, dass die Behörden im Sinne aller agieren. Gleichzeitig widerlegen sie auch das Vorurteil einiger Muslime, dass man hier nichts für sie tue. Dafür sind wir sind sehr dankbar.

Illnau-Effretikon öffnet Friedhof für Muslime

29.01.2022

Eigenes Grabfeld

Als erst dritte Stadt im Kanton ermöglicht Illnau-Effretikon Bestattungen nach islamischer Begräb Beitrag in Merkliste speichern Welche Bedeutung hat der Tod in der islamischen Kultur?
Es verhält sich wie im Christen- und im Judentum: Es gibt ein Leben nach dem Tod. Der Tod beendet das irdische Leben, das neben den guten Dingen auch von vielen Problemen, Schicksalen und Krankheiten geprägt wird. Danach werden die Gläubigen Gott begegnen und in seelischem Frieden im Paradies leben. Es beginnt das ewige Leben. Der Glaube an den Tod macht uns besser. Wir bauen unsere Häuser im Jenseits mit guten Taten im Diesseits. Gutes Benehmen, guter Charakter, guter Umgang mit allen Mitmenschen – all das hilft uns dabei. Umgekehrt werden wir für die schlechten Taten von Gott zur Rechenschaft gezogen.

Ein wesentlicher Unterschied zur christlichen Tradition ist, dass Musliminnen und Muslime möglichst schnell nach dem Ableben beigesetzt werden müssen. Weshalb?
Der Tod ist der unmittelbare Anfang des Lebens im Jenseits – genau darum ist es für die Gläubigen auch so wichtig, nach der islamischen Kultur begraben zu werden. Sie sollen so schnell als möglich für die Auferstehung bereit und folglich auch im Grab sein, wo sie noch eine Wartezeit verbringen müssen. Wir verstehen aber, dass das in der Schweiz so nicht geht und respektieren das. Man kann hier niemanden am Wochenende oder in der Nacht beerdigen. Deshalb sollte der Leichnam einfach im gegebenen Rahmen so schnell als möglich beigesetzt werden.

« Wir sind dankbar für alles, was wir hier haben – Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Deshalb leben wir unseren Glauben gerne unter den Regeln, die uns gegeben sind. »

Imam Kaser Alasaad

Für die Bestattung nach den hiesigen Vorgaben braucht es zahlreiche Kompromisse. Wie lassen sich diese mit der islamischen Lehre vereinbaren?
Wir leben hier in einem christlichen Land und haben dessen Regeln zu befolgen – auch die Friedhofsregeln. Im Koran steht, dass man die Gebote Gottes so gut wie möglich, wo möglich und wann möglich erfüllen soll. Das erleichtert uns insofern vieles, als dass wir einfach das machen, was wir dürfen. Wir sind dankbar für alles, was wir hier haben – Sicherheit, Frieden und Wohlstand. Deshalb leben wir unseren Glauben gerne unter den Regeln, die uns gegeben sind.

Ein Punkt ist indessen zentral: die Ausrichtung der Verstorbenen nach Mekka. Wieso ist dieses Kriterium so wichtig?
In Mekka liegt die Kaaba. Dieses schwarze Haus im Innenhof der heiligen Moschee, das man auch auf den Bildern immer sieht, ist das Haus Gottes. Der Prophet Abraham und sein Sohn haben es gebaut. Alle Pilger, die nach Mekka reisen, besuchen es, um islamische Rituale zu vollziehen. Wenn wir beten, sollten wir in Richtung Kaaba beten. Wir glauben, dass dies der gesegnete Ort und die Linien dorthin die gesegnete Richtung ist. In dieser Richtung begegnen wir Gott.

So verläuft der islamische Bestattungsprozess in der Schweiz

– Direkt nach dem Tod werden das Testament verlesen und die Augen des Verstorbenen geschlossen.

– Der Kopf wird nach Mekka ausgerichtet, auf dem Bauch wird die rechte Hand auf die linke gelegt.

– Der Leichnam wird mit einem weissen Tuch bedeckt.

– Es folgt die rituelle Waschung durch einen Imam oder eine andere Person, die damit Erfahrung hat. Geschehen sollte das in einem Raum im Spital oder auf dem Friedhof.

– Der Leichnam wird mit einem weissen Tuch umwickelt und in einen gekühlten Raum gebracht, bis klar ist, wann der Termin der Beerdigung ist. Je schneller, desto besser.

– Idealerweise ist ein Imam zugegen, um den Koran zu zitieren und die Gebete zu verlesen.

– Es ist für die Familie hilfreich, wenn sie von einem muslimischen Seelsorger begleitet wird.

– Vor der Bestattung wird unter der Leitung eines Imams das Totengebet gesprochen, anschliessend wird eine Abschiedspredigt gehalten und Trost gespendet. Das kann in einer Moschee, aber auch auf dem Friedhof geschehen.

– Bei der Bestattung selbst können Erde und Blumen auf den Leichnam, respektive den Sarg  geworfen werden.

– Wichtig ist, dass der Verstorbene gegen Mekka schaut. Eigentlich wäre der ganze Körper gegen Mekka gedreht – da in der Schweiz eine Sargpflicht gilt, wird der Kopf auf die rechte Schulter gedreht. Der Sarg muss folglich in der richtigen Position in der Erde versenkt werden. (mmu)

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