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70 Kinder in vier Stunden: Aus dem Alltag eines Vikars

Sie sind gefragt wie selten zuvor: die Stellvertreterinnen und Stellvertreter, die an den Schulen die Engpässe beim Lehrpersonal entschärfen. Doch wie arbeitet es sich eigentlich als Lehrer auf Zeit? Ein Sprung durch die Klassen des Ustermer Primarschulhauses Pünt mit dem Vikar Sandro Wirz.

Hier gefällt es ihm: Sandro Wirz im Schulhaus Pünt in Uster.

Christian Merz

70 Kinder in vier Stunden: Aus dem Alltag eines Vikars

Sandro Wirz ist der «Neue», das lässt sich noch nicht kaschieren. Pünktlich um 08:10 Uhr steht er am Eingang des Klassenzimmers. 20 Viertklässler schreiten über die Türschwelle, er begrüsst jeden einzelnen, die meisten fragt er mit entschuldigendem Unterton nach dem Namen. Gesichter sieht er keine. Nur Augen und Masken.

Es sind freilich nur die ersten Kinder, mit denen er sich heute auseinandersetzen wird. Auf seinem Einsatzplan stehen an diesem Morgen vier Lektionen mit vier verschiedenen Klassen und Altersstufen. «An Abwechslung fehlt es mir hier definitiv nicht», sagt er schmunzelnd.

Springerin findet Vikar

Zum Anfang des Jahres hat der 40-Jährige im Schulhaus Pünt in Uster eine Stelle als Vikar angetreten. Darunter ist im bildungstechnischen Sinne eine befristete Stellvertretung zu verstehen. Als Fachlehrer im Bereich der «Integrativen Förderung» und «Deutsch als Zweitsprache» soll er vor allem die Klassenlehrer und Schüler unterstützen. Eine eigene Klasse führt er nicht.

«Wir hatten auf dieser Stelle eine Vikarin, die bis Ende Dezember angestellt war. Dass wir am 3. Januar kurzfristig Herrn Wirz gefunden haben, ist ein Glücksfall», sagt Conny Christen. Die Schulleiterin, die im November selbst über eine Springer-Agentur in ihre Position vermittelt worden war, hatte den Kontakt über eine Vermittlungsplattform für Vikare hergestellt.

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Die Winterthurerin Angela Jetter vermittelt seit zwei Jahren Vikare und Vikarinnen an Schulen. Beitrag in Merkliste speichern Wirz seinerseits hatte zuvor vier Monate lang in einer Festanstellung eine 5. Klasse in einer anderen Schule im Kanton geleitet, nach der Probezeit allerdings das Handtuch geworfen. «Schwierige Bedingungen», meint er knapp.

Die Konstellation steht exemplarisch für die Dynamik, die der Markt inzwischen erreicht hat. Der chronische Lehrermangel kombiniert mit der Pandemie hat einerseits die Nachfrage, andererseits aber auch den Druck auf die Schulleitenden erhöht. Die im Schulbetrieb so wichtige Kontinuität zu gewährleisten, gestaltet sich unter diesen Bedingungen schwierig.

Angenehmer Start

Immerhin, der Eindruck von knappem Personal kann an diesem Morgen im Schulhaus Pünt nicht entstehen. Die Mathematiklektion der vierten Klasse, in der Sandro Wirz’ Arbeitstag beginnt, wird von einer Studentin der Pädagogischen Hochschule geleitet, die Hauptlehrerin ist ebenfalls vor Ort. Das Thema – das Lesen der Uhrzeit – ist dankbar. Er kann sich ohne grosse Vorabsprache zwischen den Bänken bewegen, den Kindern über die Schulter schauen und ein wenig helfen.

Sandro Wirz hat die Klasse im Auge.

«Ein angenehmer Start», bilanziert er, als er sich in der ersten Pause ins nächste Zimmer begibt. Wissend, dass diese Stunde herausfordernder wird. In der 2. Klasse wird es zwar ebenfalls um Mathematik gehen, doch die jüngeren Schülerinnen und Schüler verlangen noch etwas mehr Aufmerksamkeit. Ausserdem sind sie eben aus dem Turnen gekommen und aufgekratzt.

Mit ein bisschen Ermunterung

«Wer möchte in einer Gruppe mit dem Herrn Wirz arbeiten?», fragt der Klassenlehrer in die Runde. Zahlreiche Hände schnellen empor. «Ich weiss, ihr wollt ihn alle kennenlernen, aber so geht das nicht», meint er und sortiert fünf Schülerinnen aus. Wirz wartet bereits am Tisch in der Ecke.

Nun geht es darum, mit dem Zahlenstrahl zu rechnen. Hier schaltet sich der Vikar aktiv ein, er zieht Holzklötze zur Rechenhilfe bei. Mitunter braucht es für die zerstreuten Mädchen etwas Ermunterung, doch sie ziehen mit. Der Vorteil der individuellen Betreuung offenbart sich deutlich.

Gut gefüllter Rucksack

In der grossen Pause kommt Sandro Wirz schliesslich dazu, etwas mehr zu seiner Person zu erzählen. Es stellt sich heraus, dass der Luzerner im letzten Sommer zu seiner Lebenspartnerin in den Raum Zürich gezogen ist. Zuvor hatte er in der Zentralschweiz 14 Jahre lang auf der Primar- und Sekundarstufe gearbeitet. Die meiste Zeit als Klassen-, zuletzt aber auch als Fachlehrer. Sein Rucksack, der auch mehrere Vikariate beinhaltet, ist also gut gefüllt.

Sandro Wirz gefällt die Rolle des Supporters.

«Ich hatte nie Probleme, eine Stelle zu finden», sagt er. Auch zur aktuellen Jahreswende hätte es andere Möglichkeit gegeben, doch habe er sich bewusst dazu entschieden, als Fachlehrer zu vikarisieren. Abwechslungsreich und spannend finde er das, ausserdem gefalle ihm die «Support-Rolle». Wichtig ist ihm aber vor allem auch: «Man trägt als Vikar in dieser Position nicht mehr die Verantwortung eines Klassenlehrers. Gerade nach meiner letzten Erfahrung kommt mir das entgegen.»

Probleme mit dem Fokus

In der anschliessenden Deutschlektion der 3. Klasse fasst Sandro Wirz einen konkreten Auftrag. Während die Klassenlehrerin und ihre Klassenassistentin die Geschichten behandeln, die die Kinder zuhause geschrieben haben, geht der Vikar mit zwei Schülern in ein anderes Zimmer. Beide bekunden Mühe, sich auf ihre Arbeit zu fokussieren.

Schritt für Schritt soll er mit den beiden ihre Texte durchgehen, doch das gestaltet sich schwierig. Nimmt er sich dem einen an, konzentriert sich der andere nicht – und umgekehrt. Es zeigt sich schnell, dass Einflüsse jeglicher Art dem Lernen hinderlich sind. Zuletzt setzt er die beiden weit auseinander und installiert eine Zwischenwand.

Gegen Mittag wird es müde

Zum Abschluss des Morgens steht noch eine letzte spezielle Aufgabe an: Ab 11 Uhr hilft er einem Lehrer die Erstklässler zu beschäftigen. Nach einem ganzen Morgen sind die Kleinen müde, im Schulzimmer herrscht deshalb emsiges Treiben. Die Klasse, so erklärt Sandro Wirz, habe ein grosses Leistungsgefälle.

Der Vikar Sandro Wirz arbeitet mit einem Schüler.

Während die einen noch ruhig an ihren Heften arbeiten, haut ein Junge bei einem Computerspiel auf die Tastatur, ein anderer malt und verlässt immer wieder das Zimmer. Wirz hilft mal da, mal dort, eine wirkliche Arbeitslinie ist schwierig zu finden. «Eine erste Klasse – das kannte ich bislang noch nicht», sagt er und lacht. Die Freude an der Abwechslung: Sie scheint auch nach knapp 70 Kindern in vier Stunden noch nicht gebrochen.

Zum Ende festangestellt

In der Mittagspause begegnen sich schliesslich Sandro Wirz und Schulleiterin Conny Christen im Lehrerzimmer. Christen drückt ihrem Vikar einen Schlüssel in die Hand. «Den wirst du ab jetzt brauchen», sagt sie. Und: «Es freut mich, dich auch weiterhin an Bord zu haben.»

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Man mag der Schulleiterin nicht widersprechen. Als sie im November ihren Posten in einer sich zuspitzenden Pandemiephase übernahm, war es ihr erklärtes Ziel, beim Lehrpersonal Stabilität und Kontinuität zu erreichen. Insofern ist die Einigung mit dem Vikar ein kleiner Etappensieg in einem langen Rennen. Nicht mehr, aber eben auch nicht weniger.

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