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Was es bedeutet, das Leben einer Henne zu retten

Am 14. und 15. Januar sollen in Illnau ausgediente Legehennen im Rahmen einer Tierrettungsaktion neue Besitzerinnen und Besitzer bekommen. Was erwartet sie? Ein persönlicher Erfahrungsbericht.

Der ZO-Redaktor präsentiert stolz eine der beiden geretteten Hennen.

Matthias Müller

Was es bedeutet, das Leben einer Henne zu retten

Sie betreiben Hochleistungssport – doch statt einer Medaille an der Ziellinie, erwartet sie bei der ersten Pause der Tod. Der Vergleich mag drastisch klingen, doch leider passt er.

Die Realität sieht nämlich so aus: Millionen von Legehennen legen in der Schweiz fast täglich ein Ei. Nach knapp zehn bis zwölf Monaten kommen sie in die sogenannte Mauser, eine hormonell bedingte Auszeit. In dieser regenerieren sie ihren Legeapparat und wechseln ihr Federkleid.

Weil sie in dieser Phase während mindestens drei Wochen keine Eier mehr legen, sind sie wirtschaftlich nicht mehr rentabel. Folglich werden sie in den Tod geschickt und durch neue ersetzt.

800 Hennen in zwei Tagen

Glücklich sind da jene, die diesem Schicksal dank einer Legehennen-Aktion der Susy Utzinger Stiftung entkommen. Die nächste ist für den Freitag 14. und Samstag 15. Januar in Illnau festgesetzt. Dort werden 800 weisse Legehennen aus einem Betrieb privaten Interessenten zugeführt, die sich im Vorfeld bei der Stiftung angemeldet haben.

Die Übergabe wird mitunter emotional verlaufen. Diese Erfahrung habe ich selbst im Sommer 2020 gemacht. Damals hatten meine Frau und ich beschlossen, unsere dreiköpfige Hühnerschar, die wir seit Jahren liebevoll auf unserem Gelände pflegen, zu erweitern.

Die Aktion, die in jenem Juli auf einem Betrieb in Watt durchgeführt wurde, war uns da gerade rechtgekommen. Als wir morgens um 7 Uhr dort ankamen, war die Schlange bereits lang. Umso aufgeregter waren wir, als wir nach gut 30 Minuten warten unsere beiden Hennen in einer Kartonschachtel ausgehändigt bekamen. Wir lachten, die Hennen gackerten.

Auf der Heimfahrt stellten wir uns Fragen um Fragen: Wie gesund sind die Tiere? Wie nehmen sie die neue Umgebung wahr? Wie hart wird der Kampf um die Hackordnung? Und: Kann das wirklich gut gehen? Bei der Namensgebung blieben wir indessen ziemlich uninspiriert und entschieden uns für die Farben: die Hellbraune und die Dunkelbraune.

Brutale Hackordnung

Tatsächlich waren unsere drei angestammten Hennen von ihren neuen Kolleginnen nur mässig begeistert. Bei der Zusammenführung im Gehege beobachteten sie sich gegenseitig lange argwöhnisch, ehe es ziemlich unmittelbar zum ersten Kampf kam. Schnell war klar: Bis zur Eintracht dürfte es noch ein Weilchen dauern.

Eine andere Frage wurde indessen sofort beantwortet. Noch bevor sich die Hennen ihre neuen Nester überhaupt angeschaut hatten, legte die Hellbraune schon ihr erstes Ei – schön unter einen Strauch.

Anfänglich, im Sommer 2020, zeigten sich die Hennen noch orientierungslos.

Den Stall sollte sie übrigens bis am Abend nicht finden. Statt auf der Stange entdeckten wir sie nach langem Suchen auf einem Ast eines Baumes, auf den sie sich in Sicherheit gebracht hatte.

Ausgebildeter Charakter

Im Laufe der ersten Tage klärten sich die Verhältnisse in der Gruppe kontinuierlich. Die zwei neuen Hennen mussten zwar hintenanstehen, doch sie fanden ihre Plätze im Stall, auf der Stange und im Auslauf. Gegenüber ihrem früheren Leben in einem Betrieb mit hunderten Kolleginnen, mussten sie sich zuerst an den vielen Platz gewöhnen, den sie in unserem Garten vorfanden.

Schon bald traten dann auch immer mehr die ausgeprägten Charaktere der beiden Tiere zutage. Im Gegensatz zu den drei Hennen, die wir bereits als Jungtiere aufgenommen hatten, waren sie bereits «erwachsen» zu uns gekommen.

Das Leben auf dem Betrieb hat die Hühner ihrer Scheu beraubt.

Das Leben auf dem Betrieb hat sie der Scheu beraubt. Im völligen Gegensatz zu unserem angestammten Trio, sind die beiden sind angstfrei, ja, fast schon frech. Man kann sie problemlos auf den Arm nehmen und durch die Gegend tragen.

Als ich in diesem Frühling ein Loch für einen Baum grub, musste ich aufpassen, sie nicht mit der Schaufel zu verletzten. Ständig sprangen sie in die Tiefe, um die Würmer aus dem Boden zu ziehen.

Ausserdem sind die beiden absolut wild auf Wasser: Jedes Mal, wenn wir mit der Spritzkanne oder dem Schlauch die Pflanzen giessen, versuchen sie mit allen Mitteln, ihren Schnabel in den Strahl zu strecken.

Der Jugend Tribut zahlen

Nur von der Sonnenseite zu sprechen, würde der Sache indessen nicht gerecht. Wie auch unsere anderen drei Hennen legen die Hellbraune und die Dunkelbraune im Alter von bald zweieinhalb Jahren nicht mehr sonderlich viele Eier.

Diese sind zwar grösser und von Zeit zu Zeit findet sich unter ihnen sogar ein doppeldottriges Exemplar. Doch die immense Legeleistung in der Jugend fordert ihren Tribut.

Die Hühner des ZO-Redaktors spazieren durch den Garten.

Trotz regelmässiger Entwurmung, guter hygienischer Zustände und ausgesuchter Ernährung kommt es immer häufiger zu Eiern ohne Schale, Legenot oder Eileiterproblemen. Letztere kommen bei den hochgezüchteten Hybridhühnern chronisch vor, weil sie schlicht nur für zwei Legeperioden geschaffen wurden.

Die Schmerzen sind den Tieren anzusehen, apathisch sitzen sie dann am Boden, die Schwanzfedern gesenkt. Das tut auch dem Halter weh.

Arztbesuche häufen sich

So haben sich in den letzten Monaten unsere Besuche beim Tierarzt gehäuft. Röntgenbilder, Antibiotika, Medikamente – all das kann helfen, geht mit der Zeit aber auch ins Geld. Zuletzt mussten wir eine Henne einschläfern lassen.

Keine Angst, die Hellbraune und die Dunkelbraune sind immer noch lebendig und munter. Und nein, meine Frau und ich haben unsere Entscheidung zu keinem Zeitpunkt bereut.

Dennoch muss jedem, der an der Aktion in Illnau eine Henne mit nach Hause nimmt, klar sein, dass er dem Tier nicht nur ein zweites Leben ermöglicht. Er muss es auch in den Tod begleiten.

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