Der Verunfallte, an dem alle vorbeifuhren
Wer sie kennt, weiss: Auf der Rällikerstrasse zwischen Egg und Mönchaltorf ist Vorsicht geboten. Die gut frequentierte Kantonstrasse, die täglich von 9100 Fahrzeugen passiert wird, verfügt über zwei Haarnadelkurven, es gilt Tempolimit 80.
Zwischen 2010 und 2020 ereigneten sich auf dem insgesamt 2,5 Kilometer langen Streckenabschnitt gemäss dem polizeilichen Mediendienst total 88 Unfälle, 50 davon waren Schleuderunfälle.
Nun ist es offenbar erstmals zu einem Unfall mit tödlicher Folge gekommen. Der tragische Fall ist aber vor allem auch insofern bemerkenswert, als dass ihn gar niemand bemerkt hatte.
Gemäss der Medienmitteilung der Kantonspolizei Zürich sei ein Motorradfahrer «höchstwahrscheinlich» verunfallt und mehrere Monate im Wald neben seiner stark beschädigten Maschine liegen geblieben.
Beim Verunglückten handelt es sich gemäss der Kantonspolizei «mutmasslich» um einen seit Anfang Oktober vermissten 57-jährigen Mann, nach dem aber nicht öffentlich gefahndet wurde, wie Sprecherin Carmen Surber erklärt. Zur Herkunft des Mannes macht sie keine Angaben.
Aufgefunden hatte den Mann am letzten Samstag der Waldbesitzer und Landwirt Andreas Bühler. Zusammen mit seinem Sohn im Kindesalter war er in seinem Revier direkt unterhalb der unteren, engeren Kurve unterwegs, um seinen Baumbestand zu inspizieren und Sturmholz für die Holzschnitzelheizung zu markieren.
«Mein Sohn ging voran und sagte mir plötzlich, es sei ja schon verrückt, was die Leute alles wegwerfen. Als ich dann erkannte, um was es sich da handelt, habe ich ihn sofort an der Hand genommen und bin wieder zurückgelaufen, um die Polizei zu informieren», sagt Bühler.
Praktisch unzugängliches Gelände
In einer aufwändigen Bergungsaktion konnte die Feuerwehr Egg das Opfer und die Maschine anschliessend bergen, die Strasse musste dafür während dreier Stunden gesperrt werden. Zum genaueren Unfallhergang kann die Kantonspolizei keine Angaben machen, sie verweist auf das laufende Verfahren.
Die zentrale Frage lautet aber freilich: Wie kann es passieren, dass ein verunfallter Mann an einer derart vielbefahrenen Strasse nicht entdeckt wird?
Ein Augenschein vor Ort gibt zumindest Anhaltspunkte: Direkt hinter der Kurve, deren Strassenrand von Bäumen, Signalisationen, aber keiner Leitplanke flankiert ist, liegt ein Tobel. Das Gelände ist enorm steil und mit Bäumen, Sturmholz und Dickicht übersät. Es ist praktisch nicht zugänglich.
Auf der anderen Seite des Tobels, in Luftlinie keine 50 Meter von der engen Kurve entfernt, liegt ein Feldweg, auf dem Spaziergänger und Reiter unterwegs sind. Der Tobelgrund ist auch von dort aus derzeit nicht einsehbar, Sturmholz verhindert den Blick auf den kleinen Bach.
Der Motorradfahrer muss bergabwärts in die Kurve hineingefahren und das Tobel hinuntergestürzt sein – und dabei kaum Spuren hinterlassen haben. Auch nicht an den Bäumen, was angesichts der doch ansehnlichen Baum- und Buschdichte überrascht. «Es muss wirklich sehr vieles, sehr unglücklich gelaufen sein», meint Landwirt Bühler. «Das ist tragisch.»
Nur zwei Unfälle in 70 Jahren
Die Frage, ob eine Leitplanke das Unglück verhindert hätte, ist selbstverständlich rein spekulativer Natur. Dass der Unfall zumindest bemerkt worden wäre, scheint dagegen durchaus möglich. Die Baudirektion hatte gegenüber dieser Zeitung erst im Oktober erklärt, dass in der betroffenen Kurve keine Leitplanke geplant sei, weil einerseits keine Gebäude geschützt werden müssen und andererseits dann die Gefahr bestünde, dass ein Fahrzeug zurück auf die Gegenbahn geschleudert und dort andere Verkehrsteilnehmende gefährden würde.
Tatsächlich scheint in dieser Frage eine Güterabwägung unausweichlich. Und in diese spielt auch die Verhältnismässigkeit hinein. Andreas Bühler sagt: «Mein Vater lebt schon seit 70 Jahren hier, ich mein ganzes Leben lang. In dieser Zeit fielen nur ein einziges Auto und nun dieses Motorrad ins Tobel.»
