Ancora-Meilestei geht eine Extrameile für Menschen
20 Jahre lang wohnt eine Frau aufgrund ihrer Einschränkungen in einer Wohngemeinschaft, die rund um die Uhr betreut ist. Jetzt wagt sie den Schritt in die Selbständigkeit, wohnt allein und wird nur noch für wenige Stunden pro Woche von einer Betreuungsperson besucht.
Dies ist nur ein Beispiel, das die Mitarbeitenden der Ancora-Meilestei Stiftung zum Jubeln bringt. «Manchmal sind die Fortschritte über Jahre lang so klein, dass man glaubt, es passiere nichts. Aber das tut es», sagt Michael Mülller, Geschäftsleiter der Stiftung.
Die Institution steht für berufliche und soziale Integration. In Wetzikon, Forch und Wil (SG) bietet sie verschiedene Wohnformen, Berufsausbildungsprogramme und geschützte Arbeitsplätze an.
Stationäre sowie ambulante Sozialtherapie im Rehazentrum in Uessikon.
Deshalb ist es von Bedeutung
Menschen sind nicht immer in der Lage, ohne Hilfe Fuss im ersten Arbeitsmarkt zu fassen oder alleine zu wohnen – aus welchen Gründen auch immer. Die Stiftung Ancora-Meilestei mit Sitz in Wetzikon hat es sich zum Ziel gemacht, diese Leute auf dem Weg in die Selbständigkeit zu begleiten.
«Aber auch nur schon Betroffene stabilisieren zu können, damit sie ihren Weg mit Betreuung gehen können, ist sehr viel wert. Das vergisst man in unserer Gesellschaft heute oft», stellt Gerhard Fischer fest. Er ist Co-Präsident des Stiftungsrates von Ancora-Meilestei.
Wer profitiert davon?
Den Grossteil ihrer Klienten machen Personen mit einer Suchterkrankung oder einer psychischen Beeinträchtigung aus, was häufig korreliert. Personen mit leichten kognitiven oder körperlichen Einschränkungen wohnen und arbeiten ebenfalls in der Institution.
«Zu unseren Stärken gehört, dass wir auch für Personen scheinbar ohne Potenzial für den ersten Arbeitsmarkt eine Extrameile gehen», sagt Leo Nissen, Leiter der Fachstelle Sozialdienst von Ancora-Meilestei.
Jeder Tag sehe anders aus. Besonders bei psychisch erkrankten Menschen sei die jeweilige Tagesform hochdynamisch.
Letzte Chance ergreifen
Auch aus der Justiz kämen zunehmende Anmeldungen hinzu. Diese erweiterten die Diversität in den Gruppen nochmals.
Natürlich müsse man immer besprechen, ob jemand Neues hineinpassen würde. «Personen, die einen Strafvollzug hinter sich haben oder unfreiwillig bei uns sind, stabilisieren die Gruppendynamik aber eher. Es ist oft ihre letzte Chance», so Müller.
So hat sich die Stiftung entwickelt
Vor fünf Jahren haben sich die 1980 gegründete Stiftung Ancora und der 1991 gegründete Verein Meilestei zu einer Institution zusammengeschlossen.
Ancora war mehr auf Menschen mit psychisch und sozial bedingten Beeinträchtigungen ausgerichtet, während der Verein Meilestei Suchterkrankungen im Fokus hatte. Ziel war, Synergien bilden zu können und für die zuweisenden Stellen wie das Sozialamt mehr anbieten zu können.
So fänden Klientinnen und Klienten beispielsweise nach der Reha eine Arbeitsstelle innerhalb der Stiftung oder würden bei der Suche unterstützt.
Blatt gewendet
Nicht nur wegen der Fusion, sondern generell sah sich Ancora-Meilestei mit Schwierigkeiten konfrontiert, die sowohl die interne Zusammenarbeit als auch die Finanzierung betrafen.
Als Michael Müller im Sommer 2019 die Geschäftsleitung übernahm, war ihm das bewusst. Mit motivierenden Massnahmen und mutigen Investitionen habe er es geschafft, das Blatt zu wenden und die Wirtschaftlichkeit der Stiftung zu erhöhen.
Die Stiftung erbringt eine Vielzahl an Dienstleistungen, die in letzter Zeit nochmals beträchtlich ausgebaut wurden. Ihre betreuten Klientinnen und Klienten arbeiten unter anderem als Schreiner, in der Hauswartung, Administration, Logistik oder als Lebensmittelverarbeiter.
Gerade Letzteres eigne sich laut Müller gut für niederschwellige Jobs. Auch Lehrstellen zum Lebensmittelpraktiker EBA würden sie ausschreiben, was im geschützten Rahmen in der Schweiz noch praktisch unbekannt sei.
Mehr Wohnbereiche
Ermöglicht wird dies durch die neu begonnene «bean to bar» Produktion von fünf eigenen Schokoladensorten. Sie dient auch als Einnahmequelle und wird unter anderem im kürzlich geöffneten Café Sam angeboten, das sich ebenfalls auf dem Areal in Wetzikon befindet.
Auch die berufliche Integration zählt heute etwa das Doppelte an Personal, in Wetzikon seien erstmals Wohnbereiche mit insgesamt 60 Plätzen entstanden und auch das teilbetreute Einzelwohnen in Wil wurde aufgestockt.
Mittlerweile habe sich zudem die Platzbelegung in der Reha in Uessikon auf einem hohen Niveau stabilisiert. «Die Pandemie hat uns hier auch Leute zugespielt. Menschen, die bereits auf der Kippe standen, sind häufig in eine Krise gerutscht», sagt der Geschäftsleiter.
