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Gesellschaft

Wenn aus Gemotze Gesang wird

Negative Klagen in geniessbare Musik übersetzen: Dieses Kunststück will ein von Zürioberland Kultur lancierter Beschwerdechor vollbringen. Aktuell werden dafür noch Laiensängerinnen und Sänger gesucht.

Singen, wenn der Wurm drin ist: Ein Beschwerdechor verschafft dem alltäglichen Klagen Gehör.

PD

Wenn aus Gemotze Gesang wird

«Ich bin eine Pionierin, will Neues schaffen, wo Potenzial für Neues ist.» Mit diesem Satz hatte sich Jacqueline Falk im letzten März gegenüber der «Zuger Zeitung» zitieren lassen, als sie nach 15 Jahren ihren Job als Fachstellenleiterin Kultur der Stadt Zug gegen denjenigen als Gesellschafts- und Kulturverantwortliche beim Regionalmanagement Zürioberland eintauschte.

Insofern ist also das Projekt des Beschwerdechors, das die Baslerin jüngst lancierte, konsequent. Das ursprünglich 2005 vom finnischen Künstlerpaar Kochta-Kalleinen entwickelte Konzept basiert auf einem Laienchor, der gemeinsam Stücke singt, die von einem Chorleiter aus eingebrachten Beschwerden und Klagen in eine musikalische Form gebracht worden sind.

Ein «nachhaltiges» Projekt

In Zug hatte Falk dieses etwas speziell anmutende Vorhaben bereits 2012 einmal erfolgreich begleitet. Im Zürcher Oberland ist diese Kunstform dagegen noch weitgehend unbekannt. Jacquelin Falk sieht darin ein «witziges» und zugleich auch «nachhaltiges» Projekt, das Identität stiften soll: «Wir wollen Leute in der Region vernetzen.»

«Auch ich musste den Begriff zuerst googeln», muss denn auch Julia Gloor gestehen. Die Dirigentin und Komponistin, die derzeit den Jugendchor Brüll in Bubikon und den Kinderchor Flausenkids in Rüti und Hombrechtikon führt, war von Falk für die Chorleitung angefragt worden. Was sie im Internet las, begeisterte sie im ersten Moment aber nur bedingt.

Sie erkannte schnell:  «Beschwerden entsprechend zu verarbeiten und ausschliesslich mit Laien uraufzuführen – das ist enorm schwierig und kann peinlich werden.» Um dies zu verhindern, schlug Gloor diverse Anpassungen vor. Die Beschwerden sollten in der Liedform bodenständig und fast schon skurril überzeichnet, zur Realisierung vier professionelle Solisten engagiert und mit einem Beatboxer ein zeitgenössisches Element eingeführt werden.

Jacqueline Falk wiederum nahm diese Ideen dankend auf. Sie sagt: «Ich finde es toll, wenn eine Chorleiterin hohe Ansprüche hat. Dank den Profis steigt die Qualität der Konzerte. Ausserdem können wir so den Laien nicht nur eine Chance geben zu singen, sondern sie auch fördern.»

Für Anmeldungen und Klagen offen

Unterdessen ist der Rahmen gesetzt, Julia Gloor hat mit der Arbeit begonnen. Noch steht die fixe Zusammensetzung des Chors nicht fest, an dem sich neben den vier Solisten und dem Beatboxer auch der Jugendchor Brüll beteiligt. «Er zählt momentan zwischen 20 und 25 Personen, wobei ich mit 5 bis 9 Laien rechne», sagt Gloor. Die Zahl dürfe durchaus noch wachsen, Anmeldungen seien aus allen Altersklassen willkommen.

Bis zu den ersten Proben ist es freilich noch ein wenig hin, der Kick-off ist für den 1. März in Bubikon vorgesehen. Die drei Konzerte, die auf eine knappe Stunde ausgelegt werden, sind schliesslich für den Samstag 30. April in der Alten Turnhalle in Wetzikon, den Sonntag 1. Mai im Löwensaal in Rüti und den Sonntag 7. Mai im Museum Dürnten vorgesehen.

Diese Zeit, so viel scheint klar, wird für Chorleiterin Gloor intensiv werden. Gegenwärtig sichtet und verarbeitet sie die Beschwerden, die aus ihrem Umfeld und der Bevölkerung eingegangen sind. «Über die Anzahl kann ich mich nicht beklagen, ich kann auswählen», meint sie schmunzelnd. Dennoch würden auch weitere Klagen gerne entgegengenommen.

Die Kriterien seien dabei relativ offen, Tabus gebe es kaum. «Ich versuche, grössere Themen auf die Alltagsebene herunterzubrechen», erklärt sie ihren eigenen Ansatz. So habe sie etwa den Ärger über die zunehmende Smartphone-Obsession anhand einer spezifischen Situation mit Apples Sprachassistentin Siri dargestellt.

Den Fokus auf das Kleine im Alltag begrüsst die Kulturverantwortliche Jacqueline Falk als Ausdruck der gegenwärtigen Lage. Während sich 2012 beim Beschwerdechor in Zug das Problem des fehlenden Raumes herauskristallisiert habe, seien nun die indirekten Folgen der Covid-Pandemie zu spüren. «Die Menschen haben sich etwas mehr zurückgezogen», findet Falk. «Eine Tendenz zur Nabelschau ist deshalb durchaus angebracht.»

14 Oberländer «Demos-to-go»

Im letzten Sommer hat Zürioberland Kultur* der regionalen Musik-Szene die Möglichkeit gegeben, im mobilen Recording Bus der beiden Musikerinnen Carmen Fenk und Sarah Rama Zuber ein Demotape unter professionellen Bedingungen aufzunehmen. Davon haben 14 Bands, respektive Künstlerinnen und Künstler Gebrauch gemacht. Auszüge aus den 14 Stücken finden sich unter www.zuerioberland-kultur.ch/demo-to-go/

*Zürioberland Kultur ist Teil der regionalen Standortförderung des Regionalen Zweckverbands Region Zürcher Oberland (RZO) und wird am 1. Januar 2022 Teil dem neugegründeten Vereins Standortförderung Zürioberland angegliedert.

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