Sie spielt Ehe-Ping-Pong in der Manege
Die zwei Extreme des Showbusiness – sie sind sich an wenigen Orten so nahe wie im Zirkus. Davon können Gaby Schmutz und Henry Camus ein Lied singen. Als « Duo Full House » war das Ehepaar am Vorabend vor ausverkauften Rängen im grellen Scheinwerferlicht in der Manege des Circus Knie gestanden. Nun nutzen die beiden den Nachmittag für Medienarbeit und eine kleine Probe zwischen Pferden, Schläuchen und Anhänger. In ein paar Stunden steht schon der nächste Auftritt an.
Es ist frisch an diesem Herbsttag, doch die Sonne drückt noch einmal richtig durch. Sie legt den Blick auf das Gerüst frei, das dieses tägliche Spektakel trägt. Die riesige Infrastruktur, die sich über den Zürcher Sechseläutenplatz ausbreitet, wirkt bei Tage wenig glamourös. Sie steht vielmehr für die Knochenarbeit, die hier geleistet wird.
« Etwa 50 Shows » hätten sie im Rahmen der diesjährigen Tournee bereits gemacht, sagt Henry Camus in fliessendem Deutsch mit herbem amerikanischem Akzent. Er lächelt. Nach einem Jahr Pandemie-Pause wieder vor über 2000 Leuten spielen zu dürfen, sei fantastisch. « Aber es ist auch hart. »
Das Paar weiss um sein Privileg – speziell in diesen Zeiten. Nachdem es bereits einmal mit dem Circus Knie in der Romandie touren durfte, ist es mit ihm nun zum ersten Mal in der Deutschschweiz unterwegs. Umgekehrt sind Schmutz und Camus für die Knie-Verantwortlichen ein sicherer Wert. Schliesslich haben sie sich als Duo über Jahrzehnte hinweg im In- und Ausland etabliert. Mit ihrem Stil, den sie selbst « Action-Comedy » nennen, bringen sie eine unterhaltsame Note ins Programm.
So sehr die beiden im Leben eine Einheit sind – es ist es der Kontrast, der sie auf der Bühne prägt. Hier Henry Camus, der umtriebige und aufgekratzte Tausendsassa aus Queens, New York City. Und dort Gaby Schmutz, die höfliche aber bestimmte Frau aus dem kleinen Effretikon, Agglomeration Zürich. Ein permanentes Ehe-Ping-Pong, das der Authentizität entspringt und sich deshalb intuitiv und glaubwürdig präsentieren lässt.
Effretikon im Herzen
Tatsächlich sieht sich Gaby Schmutz auch heute noch als echte Effretikerin. Obschon die 52-Jährige seit über zehn Jahren mit ihrem zwei Jahre älteren Mann und ihren beiden Teenagern Viviana und Dominic in Ascona lebt und für die Auftritte zuweilen in die entlegensten Ecken dieser Erde reist, trägt sie ihre Heimatstadt im Herzen.
« Ich erinnere mich an eine schöne Kindheit auf dem Lande, an die Terrassenhäuser an der Lindenstrasse, wo ich mit meinem älteren Bruder und der jüngeren Schwester aufgewachsen bin » , sagt sie. Und: « Wir waren immer draussen, man musste uns jeweils schon fast wieder reinprügeln. »
Im Jugendalter lernte sie dann auch ein anderes Gesicht der Stadt kennen. Zum Kinderzirkus Robinson in Zürich, bei dem sie ihre Leidenschaft für Artistik auslebte, und zur Kantonsschule Lee in Winterthur musste sie mit dem Zug pendeln. « Da merkte ich, wie einfach man an Effretikon vorbeifahren kann. » Ihrer Verbundenheit zur Stadt, aus der ihre Eltern nie weggezogen sind und in die sie deshalb immer wieder zurückgekehrt ist, hat das keinen Abbruch getan.
Ab 16 auf der Strasse
Dass es sie letztlich raus in die Welt wegzog, lag indessen in der Natur der Sache. Schmutz, die schon als Kind nie etwas anderes als Artistin werden wollte, musste für ihren Traum zwangsläufig unter Leute und auf die Strasse. Es war die Möglichkeit, sich zu präsentieren. Zusammen mit ihrer Schwester gründete sie bereits im zarten Alter von 16 eine Artistikgruppe mit dem klingenden Namen «Limbonelli» , mit der sie regelmässig auf öffentlichen Plätzen auftrat.
Nebenbei studierte sie Sport – wobei dies eher einem « absicherungstechnischen » Gedanken entsprang. « Es kam mir wie ein Doppelleben vor. Tagsüber war ich an der ETH, abends auf der Gasse » , erinnert sie sich.
« Es kam mir wie ein Doppelleben vor. Tagsüber war ich an der ETH, abends auf der Gasse. »
Gaby Schmutz erinnert sich an ihren Weg zur Artistin
Dieses Leben sollte sie, aber auch ihren Mann Henry, den sie Anfang der 1990er an einem Festival in Italien kennenlernte, in mehrerer Hinsicht prägen. Einerseits lernte das Paar früh, mit dem zu leben, was es am Abend aus dem Hut zog – eine Eigenschaft, die ihm nun in der Pandemie entgegenkam. Andererseits auf das Publikum einzugehen und es miteinzubeziehen.
« Man muss das Artistische begleiten, kommentieren, den Spannungsbogen aufbauen » , sagt Gaby Schmutz. Denn: « Wenn da 30 Sekunden nichts läuft, zieht der Zuschauer weiter. »
Der Strasse entspringt folglich das Comedy-Element ihrer heutigen Erfolgsrezeptur – ein Element, dass sie im Gegensatz zur Artistik ursprünglich nicht mitgebracht hatten. Das wiederum begünstigte den Einsatz des vielleicht wertvollsten Werkzeugs, das das Paar besitzt: die Fähigkeit verschiedene Sprachen zu sprechen.
Wie ihr Mann spricht Gaby Schmutz neben den beiden Muttersprachen auch noch fliessend Französisch und Italienisch. « Unsere Show funktioniert über die Sprache » , betont sie. Nicht nur, weil ihnen dieses Talent Auftritte in mehr als 50 Ländern auf allen Kontinenten ermöglichte. Sondern vor allem, weil sich mit ihr Nuancen und Unterschiede für das Programm herausarbeiten und überzeichnen lassen.
Comedy als Altersversicherung
Der unterhaltende Teil ist gleichzeitig auch eine Art Altersversicherung. Nicht, dass das Duo die artistische Leistung nicht mehr bringen würde – doch dem fortschreitenden Alter gilt es Tribut zu zollen. « Den Spagat schaff ich zwar noch » , sagt Gaby Schmutz schmunzelnd. Doch dass sie ihren Mann noch mit 80 auf den Schultern durch die Manege tragen wird, ist nicht anzunehmen. « Idealerweise » , so Schmutz weiter, « werden wir dann nur noch auf der Couch sitzen und Leute unterhalten. »
So weit ist es freilich noch lange nicht. Dass Schmutz aber überhaupt bis tief in die Pension denkt, hat damit zu tun, dass der Horizont des Duos noch ganz weit nach vorne reicht. Was für viele ein Graus wäre, ist für Schmutz und Camus nämlich inspirierend: das totale Verschmelzen zwischen dem Beruflichen und dem Privaten. « Wir ergänzen und einfach sehr, sehr gut » , sagt Gaby Schmutz. Und: « Es hilft, dass wir ein anderes Leben gar nicht kennen. »
Gut möglich, dass dereinst auch die Kinder mit von der Partie sein werden. Die Teenager Viviana und Dominic sind in diesem artistischen Haushalt aufgewachsen und haben die Eltern auf deren beruflichen Missionen immer wieder begleitet. « Ein Projekt in dieser Richtung ist für die nähere Zukunft tatsächlich angedacht » , bestätigt Schmutz.
Während die Tochter bereits an eine Zukunft in der Musical-Branche denkt, ist der Sohn diesbezüglich noch defensiver unterwegs. Er spiele Schlagzeug, erzählt Gaby Schmutz, allenfalls könne man dieses Element einbinden – sofern er denn wolle. Denn wichtig sei vor allem eins: « Es muss aus ihm selbst rauskommen. Es muss authentisch sein. »
Das Duo Full House im Circus Knie
Seit dem letzten Juli steht das Leben von Gaby Schmutz und Henry Camus ganz im Zeichen des Circus Knie. Die diesjährige Tournee startete Ende Juli in Rapperswil, ehe der Tross dann über Bern nach Genf und Lausanne weiterzog. Die letzten Wochen war der Circus schliesslich auf dem Sechseläutenplatz in der Stadt Zürich stationiert, wo nun am Sonntag die letzte Aufführung stattfand.
Schluss ist freilich noch lange nicht: Ab dem 11. November wird der «Knie» seine Zelte in St. Gallen aufschlagen, ab dem 25. November für drei Tage in Fribourg und schliesslich vom 3. bis zum 31. Dezember in Luzern gastieren.
Weitere Infos finden sich unter www.knie.ch
