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Der Hausbau mit der reichen Witwe aus Wald

Das Oberhaus am Zürichsee ist eine Fundgrube. Der Walder Martin Widmer hat die dort gefundenen Schätze gesichtet. Und er führt zur ersten Hausherrin, die aus seinem Wohnort stammt.

Der Walder Historiker Martin Widmer, hier vor dem Chrattenhof, hat ein Buch über das Feldbacher Oberhaus geschrieben. , Sehr ungewöhnlich für das Zürcher Oberland ist der um 1720 gebaute Chrattenhof in der Hueb im Stil eines Weinbauernhauses.

Christian Brändli

Der Hausbau mit der reichen Witwe aus Wald

Am Anfang dieser Geschichte steht Rosmarie Bühler-Wildberger. Sie hat bis vor sieben Jahren im stattlichen Oberhaus in Feldbach am Zürichsee gelebt. Und sie hat in den rund 50 Jahren, in denen sie dort wohnte, ein Familienarchiv aufgebaut und im Haus ein Museum eingerichtet. Tausende von Alltagsgegenständen, von Unterwäsche über Geschirr bis zu Butterfass oder Kinderwagen, dazu Briefe, Fotos und Dokumente hat die Haushaltungslehrerin geordnet und fein säuberlich beschriftet.

Arbeit im Zweierteam

Vor einigen Jahren dann gab es einen runden Tisch, an dem neben Stefan Bühler, einem Sohn von Rosmarie Bühler-Wildberger, unter anderem auch der Walder Autor und Historiker Martin Widmer sass. Was sollte mit dem Oberhaus geschehen? « In dieser Runde war der Konsens, dass es zunächst einmal ein Buch über das Haus brauche » , erzählt Widmer. Ihm schwebte eine Biografie vor. Und er wollte keine Auftragsarbeit schreiben. Deshalb ging er auf Geldsuche – und schaute sich nach einer Ko-Autorin um. « Als Mann alleine wäre ich bei all diesen Fragen um die Aussteuer nicht zurechtgekommen » , meint er mit einem Schmunzeln. In Elisabeth Joris fand er die ideale Partnerin. Die Historikerin ist Spezialistin für Geschlechtergeschichte im 19. und 20. Jahrhundert.  

Die beiden erhielten den Schlüssel zum Oberhaus. Und wühlten sich monatelang durch den Berg an Material. « Uns wurde eine riesige Geschichte präsentiert und wir konnten die Rosinen herauspicken. » Geschrieben wurde in einem Zimmer im 1743 erstellten Oberhaus. Auch ein Zirkuswohnwagen mit Sicht auf das Gebäude diente als Schreibstube.

Jetzt ist ihr Buch mit dem Titel « Mutters Museum » erschienen. Darin bieten sie nicht nur eine Geschichte des Hauses, sondern können am Beispiel der Familie Bühler über drei Jahrhunderte und sieben Generationen hinweg das Leben der ländlichen Oberschicht facettenreich aufzeigen. Erstaunlicherweise ist dieses Themen von Historikern bisher kaum beackert worden.   

Abwechslungsreicher Erzählstil

Die zwei präsentieren den umfangreichen Stoff in verschiedenen Erzählformen und mehreren Ebenen. Immer wieder wechseln sich Episoden aus dem Leben der letzten Hausherrin mit Kapiteln zu ihren Vorfahren ab. Mit diesen Zeitsprüngen wird ein Spannungsbogen aufgebaut, für den Widmer ein besonderes Gespür hat. Schliesslich hat er sich auch schon als Krimiautor betätigt.

Geschickt lassen die Autoren auch Zeitzeugen zu Worte kommen. Erst in solchen Reportagen kommen gewisse Perlen zum Vorschein. Eine wesentliche Erkenntnis ist für Widmer die Funktion der ländlichen Oberschicht als Banken, bevor es solche gab. Sie liehen Geld aus. Noch bis in die Nachkriegszeit standen laut einem solchen Zeitzeugen jeweils die Leute an Martini vor dem Oberhaus an, um ihre Schuldzinsen zu begleichen.

Entscheidende Brautwahl

Ein besonderes Augenmerk legen sie auf die Frage, wie die Familie zu ihrem Wohlstand gekommen ist. Geschicktes Wirtschaften, etwa als Müller in Grüningen, Gossau und in Zollikon oder als Landwirt etwa auf dem Barenberg in Bubikon, spielte da ebenso eine grosse Rolle wie geschicktes Heiraten. Mit der richtigen Brautwahl in den gehobenen Kreisen konnte nicht nur der Reichtum gewahrt, sondern gemehrt werden.

In der Barockzeit, in der das Oberhaus gebaut worden ist, gehörte Feldbach zur Landvogtei Grüningen. Damit orientierten sich die Herren unten am Zürichsee auch immer wieder Richtung Oberland, wenn sie auf Brautschau gingen. Und sie wurden durchaus fündig, sei es in Hinwil, in Hombrechtikon oder auch mal in Maur. Dem lokalen Erbrecht gemäss brachten die Frauen oft viel Geld, dazu als Besitz Schuldbriefe, Obligationen und Hypotheken ein.

Anfang in der Hueb

1734 wurde Hans Jakob Bühler aus Feldbach bei seiner Umschau in Wald, genauer oben in der Hueb auf dem Chrattenhof fündig und hat sich erfolgreich « iigwiibet » . Die damals 24-jährige Regula Heusser hatte ein Jahr zuvor ihren ersten Mann verloren. Und die Witwe war aus dieser Erbschaft vermögend. Neun Jahre lang lebte das Paar oben im Chratten.

Sie waren es, die just auf Martini 1743 hin das Oberhaus in Feldbach fertigstellen liessen und ins neuerstellte Heim einzogen. Somit steht eine Walderin am Anfang von « Mutters Museum » . Das Familienwappen der Heussers und der Bühlers ziert den Aufgang zum Haus. Und noch ein Zeuge des Reichtums von Regula Heusser ist im Oberhaus heute zu bewundern: das Himmelbett aus Holz – in der Barockzeit ein wichtiges Standeszeichen.   

 

Nach aussen wirkt das Haus trotz seiner Grösse noch heute eher schlicht. Diese Schlichtheit war verordnet, wie Widmer festhält. Um den Eindruck von Verschwendung zu vermeiden, war es der Oberschicht auf dem Land wie in der Stadt per Mandat verboten, unnötigen Zierrat an den Fassaden anzubringen.  Im Innern dagegen waren der Prachtentfaltung kaum Grenzen gesetzt, ganz nach dem heutigen Spruch « aussen nix, innen fix » . 

Das Geld im «Chratten»

Erst im bürgerlichen Zeitalter mit der Auflösung der Landvogtei Grüningen richteten die heiratswilligen Bühlers ihren Blick mehr dem See entlang Richtung Stadt Zürich. Was blieb, war ihr Einfluss, ihr Vermögen – und Legenden. Die Leute erzählten sich, dass der Oberhaus-Erbauer seine Geldmünzen in einem « Chratten » , einem grösseren Korb, aufbewahrt habe. Diese Saga hielt sich bis ins 20. Jahrhundert. Deshalb wurden Hans Jakob Bühler und seine Nachfolger in Feldbach weiterhin « Chrattenpuur »  genannt. Von der geografischen Bezeichnung in Wald oben hatte sich der Begriff am See unten auf die finanzielle Stellung übertragen.

Wie vermögend die Familie Bühler war, zeigt auch das Gut Barenberg bei Bubikon. Dieses wurde von der Familie 1707 als barocker Prunkbau erstellt. Um den Verputz resistenter zu machen, war es laut den beiden Buchautoren üblich, im Mörtel Wein zu verwenden, da dies Silikate band. Wein war zwar kein Luxusgut. « Doch da Steinbauten damals neu waren, wurde das Mischen des Mörtels mit Wein von den Landbewohnern als ungewöhnlich wahrgenommen und später als Ausdruck des Bühlerschen Reichtums umgedeutet. Die Interpretation hält sich bis heute » , heisst es im Buch.

Das System der Hauswirtschaftslehrerin 

Rosmarie Bühler-Wildberger war die erste Eingeheiratete, die nicht der ländlichen Oberschicht entstammte. Entsprechend sehen sich die Bühlers heute als Nachkommen von Bauern, die einen Hof betrieben haben und blendeten die frühere Stellung der Familie aus, meint Widmer. Doch diese Rosmarie ist es auch, die neue Wege beschritten haben. « Sie hat eine weibliche Genealogie geschaffen mit ihrem bebilderten Stammbaum im Unterwäschekasten » , erklärt Widmer eine weitere Erkenntnis dieser Arbeit.

Und aussergewöhnlich sei schliesslich das Ordnungssystem der Hauswirtschaftslehrerin gewesen. Die Geschichte des Hauses, seiner Gegenstände und seiner Bewohner hielt sie in einem dreifachen analogen System fest: Jeder Eintrag wurde dreifach abgelegt, einmal zugeordnet nach Personen, dann nach der Platzierung im Haus und schliesslich nach Thema.

Das Buch bietet eine Familiengeschichte in allen Facetten, die wesentlich von Frauen geprägt ist. Eine fesselnde Erzählung, die auch fürs Zürcher Oberland sehr interessant ist.

 

Elisabeth Joris, Martin Widmer: Mutters Museum. Das Oberhaus und die ländliche Oberschicht am Zürichsee; Verlag Hier und jetzt, 320 Seiten, Fr. 43.90.

Am Samstag, 6. November, findet um 16.30 Uhr eine Vernissage im Oberhaus Feldbach, Getreidezüchtung Peter Kunz, Seestrasse 6, statt, bei der es noch freie Plätze hat. Anmeldungen  über die Webseite martinwidmer.ch.

Das Oberhaus soll der Öffentlichkeit künftig mittels Führungen zugänglich gemacht werden. Erste solche Führungen dürften aber erst in etwa zwei Jahren möglich sein.

 

Historiker und Krimiautor

Der Walder Martin Widmer arbeitet seit 2017 als Autor und freischaffender Historiker. Zuvor war er während sieben Jahren Co-Verleger bei Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte, tätig. Als freischaffender Historiker führte er von 2001 bis 2009 Jubiläumsprojekte für die Kantone Zürich sowie beide Basel durch. 1991 brachte er das Projekt « Grabe wo du stehst » von Schweden in die Schweiz. Dabei grub er unter anderem die Geschichte der ehemaligen Seidenweberei Rosenberg in Wila aus. In jüngerer Zeit hat er sich aber auch als Krimiautor betätigt und verschiedene Reportagen geschrieben.

Aufgewachsen ist Widmer in Stammheim im Zürcher Weinland. In Zürich hat er Geschichte, Germanistik sowie Skandinavistik studiert und sich an der Fachhochschule Olten zum Thema Corporate Communication Management weitergebildet. 

 

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