Der Spinnerkönig und die starken Frauen
Er gilt Mitte des 19. Jahrhunderts als grösster Spinnereibesitzer Europas, zugleich aber auch als rücksichtsloser Industriekapitalist. Und er hat im Oberland mit seinen Fabriken zahlreiche Spuren hinterlassen: Heinrich Kunz, der 1793 in Oetwil auf die Welt kam und 1859 in Uster starb. Mit einem Vermögen von 17 Millionen Franken war er wohl nicht nur der reichste Zürcher, sondern gehörte auch zu den Re ichsten der Schweiz.
Uster im Zentrum
Trotz dieser herausragenden Stellung ist bisher keine Biografie über Kunz erschienen. Diese Lücke hat nun der Oetwiler Werner Bosshard geschlossen. Am Donnerstag hat er in der Ustermer Villa Grunholzer, sein Buch «Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos und rücksichtslos» vorgestellt.
Uster ist mit Bedacht gewählt worden, liess Kunz doch in Oberuster seine erste grosse Fabrik erstellen und Uster war das Zentrum des Kunz‘schen Imperiums und Kern der Industrialisierung .
Kein königlicher Lebensstil
Die Titulierung als «Spinnfürsten» im Jahr 1844 durch den Pfarrer von Windisch, wo Kunz ebenfalls eine Fabrik besass, ärgerte den Industriellen. Gegen den Begriff «Spinnerkönig», den die NZZ fünf Jahre darauf öffentlich verwendete, scheint er dann aber nichts mehr einzuwenden gehabt zu haben.
Dabei war Kunz‘ Lebensstil « aber ganz und gar nicht königlich » , wie sein Biograf nun festhält. Heinrich Kunz habe stets bescheiden gelebt, « aber vermutlich nicht ganz so spartanisch, wie das später in Legenden teilweise erzählt wurde » , räumt Bosshard mit einer Fama auf, die den Grosskapitalisten bisher umgab.
Die meiste Zeit wohnte Kunz in einem Anbau seiner ersten Fabrik in Oberuster. Sein Lebensstil habe seiner Herkunft aus einer vergleichsweise vermögenden Familie entsprochen. Immerhin war das damals für eine Familie auf der Zürcher Landschaft aussergewöhnlich.
Der Nachbar aus Oetwil
Doch wie kommt Werner Bosshard, der einer Bauernfamilie entstammt, die ihr Heim nur rund 200 Meter von Kunz‘ Geburtsort hat, dazu, sich einem « König » anzunehmen? Der pensionierte Bankfachmann wurde auf die Geschichte von Heinrich Kunz während seiner Recherchen für das Oetwiler Ortsgeschichtsbuch aufmerksam. Auch dieses stammt aus der Feder des langjährigen Oetwiler Gemeinderates und erschien im vergangenen Jahr.
Der 67-Jährige hat seine Liebe zur Geschichte erst nach seiner Pensionierung entdeckt. Mittlerweile hat er bereits drei « Heimatspiegel » für den Zürcher Oberländer verfasst. Der jüngste widmet sich den Verkehrswegen im Oberland zur Römerzeit. In die Biografie über Kunz investierte Bosshard rund ein halbes Jahr. Am Anfang standen intensive Quellenstudien im Staatsarchiv und in jenem der NZZ.
Die Briefe als « Lottosechser »
Während dieser Arbeiten erinnerte er sich an einen « Glücksmoment » zehn Jahre zuvor. Damals hatte er einen Auszug aus dem A rchiv der Familie Wunderly kopiert. Die Wunderlys sind über die Schwester von Heinrich Kunz, Susanna Zollinger-Kunz, und deren Tochter Susette Wunderly-Zollinger Nachfahren des Ustermer Industriellen.
Und so kam Bosshard zu rund drei Dutzend Briefen von und an Heinrich Kunz. « Dieses Material ist wie ein Sechser im Lotto » , meint Bosshard. Es erlaubte ihm ein differenziertes Bild des Industriellen zu zeichnen: «Erst durch diese Briefe können die menschlichen Züge von Kunz erfahren werden.» In der Öffentlichkeit zeigte der Fabrikherr keine Empathie für seine Arbeiter. Wie die anderen Fabrikanten setzte er Kinder als billige Arbeitskräfte ein. Er legte oft eine rücksichtlose Art an den Tag, die nach heutigen, teils aber sogar nach damaligen Massstäben unhaltbar war.
« Abstossend für jeden »
Im Verkehr mit seinen Schwestern und seiner Nichte aber zeigte er eine weichere Seite. «Deine Zeilen haben mich einen Augenblick wehmütig gestimmt, was du fast nicht glauben wirst, da du mich für wenig gefühlvoll zu kennen glaubst» , schrieb er Susette 1841.
Kunz war sich offensichtlich bewusst, dass er von den Mitmenschen als wenig einfühlsam empfunden wurde. Sein Ustermer Arzt brachte es in einem Nachruf auf den Punkt : «Seine Art, Menschen zu behandeln, war rau bis zur äussersten Härte. Darum war es ihm auch nicht gegeben, jemanden an sich zu ziehen und zum eigentlichen Freund zu gewinnen. Er war abstossend für jeden. Sein Charakter war starrsinnig bis zur Härte.»
Schwestern in der Führung
Heinrich Kunz war ein Einzelgänger. Doch wie Bosshard aufzeigt, setzte er bei der Führung des auf acht Spinnereien angewachsenen Unternehmens stark auf Familienangehörige. Das Besondere für die damalige Zeit war, dass er auch Frauen in Führungspositionen hob.
Seine beiden Schwester Susanna und Elisabetha sowie seine Nichte Susette gehörten privat wie geschäftlich zu seinen Vertrauenspersonen. « Und seine Schwestern beteiligte er auch am wirtschaftlichen Erfolg » , unterstrich Bosshard an der Vernissage. Sie gehörten zu den wohlhabendsten Frauen.
Unverständnis in Uster
War Heinrich Kunz ein schlechter Mensch? « Er hatte eine schlechte und unangenehme Seite. Aber er war auch ein gewinnender Verkäufer, wie sein wirtschaftlicher Erfolg zeigt » , meint Bosshard. Und zudem habe er schweizweit rund 2000 Personen Arbeit und Einkommen verschafft. Er sei aber wohl auch nicht verstanden worden, da man die internationale Geschäftstätigkeit, die Kunz betrieb, nicht kannte.
Gerade in Uster eckte er immer wieder an. Für Unverständnis sorgte etwa seine Weigerung, sich an der Eingabe von 28 Fabrikanten der Gemeinde Uster für eine Zweigbahn der Linie Zürich–Winterthur nach Uster zu beteiligen. Diese schien ihm offenbar nicht lukrativ genug zu sein. Stattdessen beteiligte er sich lieber substanziell an anderen Bahnprojekten.
Kunz führte zeitlebens viele und endlose Gerichtsprozesse. Die meisten betrafen Wasserrechte, die er beim Bau und Ausbau seiner Fabriken benötigte. Wegen eines solchen Streits landete er auch für acht Tage im Kerker von Uster.
Architektonische Zeugnisse
Noch eine Besonderheit vermag Bosshard in seinem Buch herauszuarbeiten: Den besonderen Baustil, den Kunz für seine Spinnereien vor allem entlang des Aabachs entwickelte. Er liess sie stets nach demselben Muster errichten, was Bau- und Betriebskosten senkte.
Von den «Musterspinnereien» stehen diejenigen in Oberuster, Niederuster, Rorbas, Windisch und Unter-Aathal ganz oder teilweise noch. Ebenfalls erhalten ist das Spinnereigebäude in Kemptthal , das er einst aus einer Konkursmasse erworben hat . Das Gebäude in Fehraltorf, in welchem sich einst seine Wollmanufaktur befand, ist in einem baufälligen Zustand gegenwärtig auch noch erhalten.
Wer diese Gebäude sieht, hat nun eine gute Möglichkeit, in der neu erschienenen Biografie mehr über deren Erbauer und einstigen Besitzer zu erfahren, den erfolgreichen, rastlosen und rücksichtlosen Spinnerkönig.
Werner Bosshard: Spinnerkönig Heinrich Kunz. Erfolgreich, rastlos und rücksichtslos. Schweizer Pioniere der Wirtschaft und Technik, Band 119. Hrsg. vom Verein für wirtschaftshistorische Studien, Zürich 2021. Dazu ein Ergänzungsband mit der Briefedition. 34 Originaldokumente als Faksimile und Transkription.
