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Ein schlechter Sommer macht noch keine schlechte Ernte

Frost, Wasser, Hagel und wenig Sonne – die klimatischen Bedingungen für die Schweizer Winzerinnen und Winzer waren in diesem Jahr miserabel. Daniel Müller aus Grüningen, der einzige Weinbauer der Region, der komplett von seinen Trauben lebt, ist dennoch zufrieden. Eine Begegnung am letzten Tag seiner Wümmet.

Diese Ernte war zufriedenstellend: keine Selbstverständlichkeit dieses Jahr., Winzer Daniel Müller (vorne) und sein designierter Nachfolger Lukas Pflugshaupt., , , ,

Roger Hofstetter

Ein schlechter Sommer macht noch keine schlechte Ernte

Es scheint, als hätte die Sonne an diesem Nachmittag noch einmal die letzten Kräfte mobilisiert, um Daniel Müller, einen schönen Abschluss zu bescheren. Schwach drückt sie durch die Wolken, die Temperaturen sind angenehm mild. In der Ferne sieht man die Silhouette der östlichen Alpenkette.

« Viele Leute sagen, es sei ein schöner Herbst, aber das ist subjektiv » , sagt der Winzermeister und zuckt mit den Schultern. « Wenn Sie die ganze Woche im Büro sitzen und am Wochenende schönes Wetter haben, dann schliessen Sie halt schnell vom Kleinen aufs Ganze. Doch dieser Herbst war über weite Strecken auch nass. »

Was Müller damit sagen will: Es ist nicht alles Schwarz und Weiss. Und: Es geht nicht nur um die Menge oder ein einzelnes Jahr. Natürlich sei die Grundstimmung in der Branche aktuell gedrückt, zumal auch der Lockdown vielen das Geschäft vermiest hat. Doch für ihn ist das Glas halbvoll. « Unsere Ernte beträgt etwa 60 Prozent eines durchschnittlichen Jahres. Zusammengezählt mit dem, was noch in meinem Weinkeller übrig geblieben ist, werde ich ein sehr gutes Angebot haben. »

Das Highlight im Winzerkalender

Die positive Stimmung, die Müller verbreitet, passt zum Bild vor Ort. In seinem Rücken lesen seine Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter am Grüninger Schlüssberg die noch verbliebenen Trauben ab. Es ist der vierte und letzte Tag der Wümmet, das gemütliche Beisammensein mit Käse, Brot und Wein im Rebhäuschen ist nicht mehr weit.

Rund 20 Personen sind gekommen, alle unentgeltlich. Es sind Freunde, vereinzelt auch Kunden, die ihm Jahr für Jahr bei der Arbeit helfen. « Etwas zu ernten, ist ein Grundbedürfnis des Menschen, das in letzter Zeit aber verloren gegangen ist » , erklärt Müller ihr Engagement. Sie schneiden die Trauben ab, legen sie in Plastikbottiche, die wiederum mittels eines kleinen Raupenfahrzeugs die Rebberge hinunter transportiert werden. Dort wiederum werden die Tauben in eines der sechs grossen Metallfässer, sogenannte Standen, gekippt, die bereits auf der Ladefläche des Traktoranhängers stehen.

Zwischen 12 und 16 Tonnen habe man in den vier Tagen gewonnen, mutmasst Winzer Müller. Wobei es beim Ertrag zu differenzieren gelte. Elf verschiedene Trauben hat er auf seinen drei Hektaren am Schlüssberg angebaut, neun davon sind sogenannte pilzwiderstandsfähige Sorten, kurz Piwi genannt. « Davon habe ich in diesem nassen Sommer, dem nässesten seit Beginn der Aufzeichnungen, natürlich stark profitiert. » Während sich etwa die weisse Riesling-Sylvaner-Traube – ein echter Klassiker – mit dem Mehltau schwer tat, haben einige Piwi-Trauben richtig reüssiert.

Ein intensives Jahr

Zweifelsohne ist in diesem Jahr viel Arbeit angefallen, die Gefahren waren omnipräsent. Müller hat auch einiges ausprobiert. Etwas beiläufig erzählt er davon, wie er versucht hatte, seine Reben mit einer Art Impfung – ein neuartiges Verfahren, bei dem der Rebe ein Pilzbefall vorgetäuscht wird – resistenter zu machen. Und wie er gegen die japanische Kirschessigfliege Kaolin einsetzte, eine weisse Tonerde. Davon zeugt deutlich der helle Staub, der auf den Trauben liegt.

« Die Weinbauern stehen in der Pflicht gegenüber der Bevölkerung. Auch wenn die Initiative gegen synthetische Pestizide in diesem Sommer abgelehnt worden ist, hat sich das Bedürfnis deutlich gezeigt. »

Daniel Müller, Winzer

Generell versucht Daniel Müller, den Gebrauch von Pestiziden so tief als möglich zu halten. Dabei kommt ihm sein starker Fokus auf die Piwi-Trauben entgegen. Zur Veranschaulichung: Während diese Sorten national nur gerade 2 Prozent ausmachen, sind es in seinem Betrieb satte 75. « Diese Sorten musste ich vier Mal spritzen, den Riesling-Sylvaner dagegen 12 Mal » , erklärt Müller und schiebt nach: « Die Weinbauern stehen hier in der Pflicht gegenüber der Bevölkerung. Auch wenn die Initiative gegen synthetische Pestizide in diesem Sommer abgelehnt worden ist, hat sich das Bedürfnis deutlich gezeigt. »

Nur eine Momentaufnahme

So sehr man sich auf die gegenwärtige Wümmet konzentrieren will, so sehr merkt man Daniel Müller auch an, dass das Geschehen vor Ort nicht mehr als eine Momentaufnahme seines Winzerlebens ist. Seit 1999 ist der 61-Jährige mittlerweile hier auf dem Schlüssberg aktiv – da relativiert sich ein vermeintlich hartes Jahr schnell. « Ein Jahr wie dieses gibt uns doch die Möglichkeit, uns intensiver mit unseren Trauben und unserer Arbeit zu befassen. Es ist doch für uns selbst auch wichtig, die Zeit mal so investieren zu können » , sagt er.

Stattdessen gehe es immer nur um Wachstum. Alles, auch das Wetter, sei immer mehr von Extremen beherrscht. Das mache ihn nachdenklich. « Die moderne Welt bekundet Mühe, damit umzugehen. Unsere Grosseltern waren viel näher dran, weil sie all die technischen Hilfsmittel nicht hatten. « ‹An Gottes Segen ist’s gelegen› stand unter manchem Dachbalken altern Bauernhöfe. Vielleicht sollten wir uns dem auch wieder etwas mehr bewusst werden. »

Den Nachfolger gefunden

Diesen Rat dürfte Müller wohl dereinst auch dem jungen Mann, der auf dem Lastwagen hinter ihm  gerade einen Bottich Trauben in die Stande kippt, noch einmal mit Nachdruck mit auf den Weg geben. Lukas Pflugshaupt aus Gossau wird am 1. Mai 2024 den Betrieb von Müller übernehmen. So ist es zumindest angedacht. « Zu jenem Zeitpunkt werde ich auf 25 Jahre zurückblicken können. Dann kann ich geruhsam ins zweite Glied zurücktreten. »

« Mir hat es vor vier Jahren den Ärmel richtig reingezogen » , sagt Lukas Pflugshaupt. Der 31-jährige Landwirt ist mit der Tochter von Müllers ältestem Bruder liiert und kommt seit Jahren an den Schlüssberg. « Lange war es für mich das Wümmet-Erlebnis, das im Vordergrund stand. Doch dann kam ein schlimmes Kirschessigfliegen-Jahr. Da habe ich die Arbeit zum ersten Mal nicht einfach als Spass, sondern als Herausforderung wahrgenommen – das war faszinierend » , erinnert er sich.

Der Reiz des Generationenübergreifenden

Seither ist Pflugshaupt langsam in die Materie hineingewachsen, bis er schliesslich vor zwei Jahren bereit war, Müllers Nachfolge-Begehren zu entsprechen. Wie sein Vorgänger spricht auch er leidenschaftlich von den mittel- und langfristigen Perspektiven und vom « Prozess, eine Rebkultur generationenübergreifend zu begleiten. »

In diesem Jahr hat er nun mit dem Cabarnet Blanc auf einer halben Hektare zum ersten Mal eine eigene Traubensorte gepflanzt. Allerdings mit mässigem Erfolg, wie er selbstkritisch zugibt: « Obschon es sich um eine Piwi-Sorte handelt, hatte sie im Sommer grosse Mühe mit dem Mehltau. Das sollte eigentlich nicht sein. »

Die Flinte ins Korn werfen und das Begonnene wieder abbrechen, mag er deshalb noch lange nicht. « Jetzt ist es an mir zu schauen, wie ich sie widerstandfähiger mache » , sagt Lukas Pflugshaupt. Daniel Müller dürfte das wiederum mit Zufriedenheit zur Kenntnis nehmen. Er sagt: « Für die Jungen musst du keine Pläne machen. Die haben ihre eigenen Ideen. Das war bei mir damals ja auch so. »

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