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Das Chorleben kehrt stimmgewaltig zurück

Am Samstag Abend findet in der Mehrzweckturnhalle Zentrum in Wetzikon das Abschlusskonzert der Chorwoche Zürcher Oberland statt. Für die von der Pandemie arg in Mitleidenschaft gezogene Szene wird der Auftritt auch zu einem Akt der Befreiung.

Beethoven will gut geprobt sein: Die Teilnehmenden am Tageskurs üben unter der Leitung von Dirigent Roger Widmer.

Matthias Müller

Das Chorleben kehrt stimmgewaltig zurück

Eine Bühne, ein Dirigent, 80 Sängerinnen und Sänger, vier Solisten und ein Orchester mit 34 Musikerinnen und Musikern – was bis noch im letzten Jahr ganz normal war, mutet heute fast schon ein wenig surreal an. 20 Monate Pandemie haben die allgemeine Wahrnehmung verändert. « Es ist eine richtiggehende Erlösung » , sagt der Chorsänger Toni Merz aus Wetzikon. Wissend, dass er am Samstag Abend zum Abschluss der jährlichen Chorwoche Zürcher Oberland als Teils dieses grossen Kollektivs auf der Bühne stehen und das einstudierte Beethoven-Programm präsentieren wird.

An diesem Donnerstag Nachmittag ist der grosse Moment zwar noch knapp zweieinhalb Tage entfernt, doch in den Köpfen bereits präsent. Rund 45 Sängerinnen und Sänger, vor allem Pensionäre, sind anwesend, um unter der Leitung des Dirigenten und Organisators der Woche, dem Wetziker Roger Widmer, in der alten Turnhalle zu proben. Sie besuchen den Tageskurs, während der andere Teil des Ensembles sich am Abend zusammenfindet.

Fast siebenmonatiges Chorsingverbot

Der Klang der Stimmen füllt die Halle, man spürt die Konzentration und die Passion der Teilnehmenden. Das Gros von ihnen hat im letzten Jahr kaum bis nie gesungen. Corona hat die Choraktivitäten und das Chorleben fast gänzlich verunmöglicht. « Es ist wunderbar » , schwärmt Regula Walder aus Bäretswil, die sonst vor allem in der Kirche singt. « Diese Woche ist für mich wie Ferien, ich bin so dankbar. » Und Toni Merz, der seit Jahrzehnten Teil des Madrigalchor Wetzikon ist, fügt an: « Seit 1992 habe ich nie so lange nicht gesungen. »

« Wir hatten zwischen November und Mai ein fast siebenmonatiges Chorsingverbot. Das ist nicht ohne » , erklärt Roger Widmer nüchtern. Die Situation war für ihn, der beruflich den Frauenchor Bubikon, den Männerchor Zürich und den Katholischen Kirchenchor Bülach leitet, alles andere als einfach. Doch wenigstens traf sie ihn nicht unvorbereitet.

Vollgas im Sommer 2020

Bereits früh hatte Widmer sich mit der Entwicklung und den wissenschaftlichen Aspekten der Pandemie beschäftigt – er ahnte, was kommen würde. Dementsprechend intensiv hatte er den Sommer 2020 genutzt, um Proben mit physischer Präsenz durchzuführen. « Alleine im September hatte ich 10 Konzerte angesetzt » , so Widmer. Auch die Chorwoche Zürcher Oberland liess er im letzten Herbst steigen – wenn auch in einer kleineren Form.

Überdies hatte er bereits im ersten Lockdown alternative Wege finden müssen, um die Proben zu ermöglichen – das kam ihm nun entgegen. « Es galt, die Chorprobe neu zu erfinden » , fasst er zusammen. Das wichtigste Hilfsmittel war dabei der Videomessenger-Dienst Zoom. Widmer nahm sich die Zeit sicherzustellen, dass auch die älteren Mitglieder seiner Chöre die Applikation nutzen und die Mikrofone ihrer Endgeräte entsprechend einstellen konnten.

«Es galt, die Chorprobe neu zu erfinden.»

Roger Widmer zu den Herausforderungen der Corona-Zeit.

Das eigentliche Gruppensingen war mittels dieser Technik zwar nicht möglich, da sie keinen synchronen Ton erlaubt. Das Üben des Rhythmus und der Stimmbildung dagegen sehr wohl. « Die selbstständigen Sänger haben dabei profitiert » , ist Widmer sicher. Noch wichtiger sei allerdings, dass das « Gemeinschaftsgefühl » und das « Chorleben » gepflegt werden konnten. Denn: « Viele Chöre, die in der Pandemie passiv geblieben sind, haben jetzt Probleme, die Leute wieder zurückzuholen. »

Zertifikatspflicht wird begrüsst

Obschon unterdessen die Restriktionen für die Chöre gefallen sind, ist das Thema selbst noch nicht vom Tisch. Das ist auch bei der Probe in der alten Turnhalle zu erkennen. Einerseits sind die Stühle weiter auseinandergesetzt als in Vorpandemie-Zeiten, andererseits steht auf Widmers Flügel ein für alle sichtbares CO2-Messgerät. Selbstverständlich gilt auch hier die 3G-Zertifikatspflicht.

« Ich habe da immer eine klare Linie gefahren, die Leute schätzen das » , erklärt Widmer. So habe er bei der Kontrolle festgestellt, dass alle 80 Sängerinnen und Sänger geimpft ­sind – obschon das ja gar nicht Pflicht sei. Das wiederum ist für viele ein Pluspunkt, wenn nicht sogar eine Bedingung. « Generell meide ich Plätze, an denen es viele Ungeimpfte hat. Zu wissen, dass hier alle geimpft sind, gibt mir Sicherheit » , sagt etwa Toni Merz.

Premiere in der Mehrzweckturnhalle

So ist auch bei der Hauptprobe und beim Abschlusskonzert der Platz ein Thema. Zum ersten Mal hat Roger Widmer deshalb die Mehrzweckturnhalle Zentrum gebucht. Von 2012 bis 2019 hatte das Finale jeweils in der reformierten Kirche Hinwil, im Vorjahr dagegen in der Turnhalle der Berufsschule stattgefunden. « Es war mir wichtig, eine Anlage der Stadt Wetzikon zu nutzen, schliesslich kommen wir ja auch in den Genuss ihrer Kulturförderung. »

Es sei überdies das erste Mal überhaupt, dass in dieser 2015 eingeweihten Mehrzweckturnhalle eine Kulturveranstaltung abgehalten werde. Das wiederum hat aber seinen Preis. Rund vier Mal so viel wie in der Kirche Hinwil kostet ihn die Miete. Da werde es für einen Veranstalter schwierig, die Finanzen unter einen Hut zu bringen, zumal auch noch die zusätzliche Infrastruktur – Licht, Bühne, Bestuhlung – in dessen Verantwortung fällt.

Grundsätzlich versuche man bei nicht-kommerziellen Veranstaltern ein Minus über den Förderungsbeitrag abzufedern, erklärt dazu der Kulturverantwortliche der Stadt Wetzikon, Christophe Rosset, und schieb nach: « In diesem Fall werden wir uns im Nachgang mit Herrn Widmer noch zusammensetzen. »

Das Abschlusskonzert der Oberländer Chorwoche findet am Samstag, 16. Oktober, in der Mehrzweckturnhalle Zentrum in Wetzikon statt. Die Aufführung beginnt um 19.30 Uhr. Der Eintritt kostet 30 Franken, es herrscht Covid-Zertifikats- und Maskenpflicht.

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