Wie «Gepard» in die Charts sprang
Die zentrale Stellung von Apéros in der Politik kann nicht genug betont werden. Getreu dieser Erkenntnis hat Kantonsratspräsident Benno Scherrer (GLP) am Montag dem städtischen Klingklang zur Nach-Wahlfeier im Ustermer Bildungszentrum ein kantonales Anstossen vor der Landihalle folgen lassen.
«Politiker brauchen Apéros»
20.09.2021

Höchster Zürcher in Uster gefeiert
Stadtpräsidentin Barbara Thalmann zeigte am Montag in der Feier zu Ehren von Kantonsratspräsident Beitrag in Merkliste speichern Doch dieses stellte nur den Übergang dar zum Abendprogramm des Gesellschaftlichen Anlasses des Kantonsrates im Ustermer Stadthofsaal – bei dem selbstverständlich weitere Wein- und Bierflaschen geöffnet und Gespräche geführt wurden.
Benno Scherrer konnte dort rund 300 geladene Gäste begrüssen. « Es ist mir eine Ehre, dass so viele gekommen sind » , meinte er. Um dann gleich nachzuschieben, dass einige wegen der epidemiologischen Lage nicht gekommen seien, andere genau wegen der der Epidemie geschuldeten Zertifikatspflicht nicht.
Begrüssung aller Gs
Regierungspräsidentin Jacqueline Fehr (SP) wählte der Situation entsprechend für einmal eine andere Gäste-Kategorisierung zum Auftakt ihrer launigen Ansprache: « geschätzte 1Ger, 2Ger, 3Ger, lieber Benno » . Immerhin sei es dank des Schutzkonzeptes seit langem die erste Feier, die in geschlossenen Räumen ohne Maske durchgeführt werden könne.
Gleichzeitig machte sie darauf aufmerksam, dass sie als Regierungsvertreterin gleichwohl mit einem mulmigen Gefühl nach Uster gekommen sei. Schliesslich wisse man nie, wann die Ustermer wieder in einen Revoluzzer-Modus verfielen und wie mit dem Ustertag vor 191 Jahren dafür sorgten, dass es an der Spitze der Kantonsregierung zu massiven Veränderungen komme.
Überhaupt sei von Uster viel Neues ausgegangen: Nicht nur die Kantonsverfassung von 1830, auch jene von 1868 habe hier ihren Ursprung. Dazu habe es hier einst die höchste Fabrikdichte, die beste hauswirtschaftliche Ausbildung – und dies erst noch in einem Schloss – oder die erste Kinderkrippe der Schweiz gegeben. Mit der « kleinen, aber zähen » EVP habe hier auch eine Schweizer Partei ihre Geburt erlebt. Und schliesslich gebe es hier auch die ersten KMU-Boxen, « auch wenn ich nicht ganz verstanden habe, was das eigentlich ist » .
Der «Schlagzeuger»
Und jetzt stelle Uster – das auch Geburtsort der GLP sei, wie Benno Scherrer ergänzte – auch den ersten GLP-Kantonsratsratspräsidenten. Zugleich outete sie Scherrer, der in der Pfadi auf das Vulgo « Gepard » getauft wurde, als Chartstürmer. 1983 war es, als er als « Schlagzeuger » der Billy Bostitsch Bänd mit « Palmeschtrand » auf Platz 10 der Schweizer Hitparade kletterte.
Auf diesen wunden Punkt in Scherrers Karriere kam auch der kantonale Co-GLP-Präsident Nicola Forster zu sprechen. « Die Billy Bostitsch Bänd musizierte auf bedenklich tiefem Niveau » heisse es auf dem Musikportal Mikiwiki. Deren Englisch sei auf einem ähnlichen Level gewesen. « I want you wieder see » lautete ein Songtitel. Doch dank harter Arbeit habe es Scherrer dann doch noch zum Englischlehrer gebracht.
Scherrer in der Badehose
In der anschliessenden Fragerunde unter Leitung des Krisenkommunikators Christian Müller – Scherrer habe dessen Funktion als passend für diesen Anlass empfunden – konnte Scherrer zu seiner Verteidigung nur einbringen, dass es sich bei der Band um eine Pfadigruppe gehandelt habe. « Ich konnte nichts, daher habe ich den Part als Schlagzeuger übernommen. Wir wollten nur am Pfadi-Folkfest auftreten. Doch dann sah uns ein Produzent und bot uns einen Vertrag an. »
Es gab in den Medien sogar einige gutmeinende Kritiken, auch wenn es an einer Stelle prophetisch hiess: « Das Hallenstadion werden die netten Jungs mit Bestimmtheit nie füllen. » Natürlich hatte Müller nicht nur das Plattencover ausgegraben, auf dem sich Jung-Benno knapp bekleidet ablichten liess, sondern mutete dem Stadthofsaal-Publikum auch eine Hörprobe zu. Benno erhielt für sein 38 Jahre altes Werk viele Lacher und auch freundlichen Applaus.
Müller setzte nach diesem musikalischen Fauxpas noch einen drauf und meinte, dass der Pfadiname « Gepard » angesichts der Leistung, die Scherrer am vergangenen Samstag beim Lauf aufs Schnebelhorn abgeliefert habe, wohl falsch gewählt worden sei. Mit dem 178. Rang von 235 Teilnehmern sei Schildkröte passender.
Weisse Fahne bei der Regierungsratsfrage
Und dann musste der Kantonsratspräsident auch noch Antwort geben auf einige Fragen, die die Gäste auf Bierdeckel an den obersten Zürcher gerichtet hatten. War Scherrer im Mai noch mit 161 von 166 gültigen Stimmen gewählt worden, so waren nun 110 Bierdeckel eingegangen. Einer war leer und 21 erklärte Müller für ungültig: 8 nicht lesbar, einer mit dem Konterfei von Christoph Blocher und 12 aufgrund justiziabler Bemerkungen.
Während Scherrer der Frage auswich, ob Politiker auch lügen können müssten, schwenkte er bei jener, welcher Regierungsrat am meisten Aufmerksamkeit benötige, die weisse Fahne. Immerhin gestand er unumwunden ein, dass seine Forderung nach zweistöckigem Rollmaterial beim ZVV sein sinnlosester politischer Vorstoss gewesen sei. Das wäre technisch schlicht undurchführbar gewesen.
Gegen 21.30 Uhr fand der offizielle Teil des Anlasses nach drei amüsanten, unterhaltsamen und magenfüllenden Stunden sein Ende. Und zum Schluss bleibt neben der eingangs erwähnten Apéro- noch eine zweite Erkenntnis: Auch verspätete Feiern lohnen sich zu festen.
