Bubiker Abstellgleise: Die neue Suche beginnt
Als die Sektion Zürich des VCS vor sechs Monaten das Programm ihrer diesjährigen Generalversammlung in der Alten Turnhalle in Wetzikon ankündigte, hatte sie sich wohl kaum ausmalen können, wie brandaktuell die Wahl ihres Leitthemas sein würde.
«SBB-Service- und Abstellanlage in Bubikon: notwendig, aber wohin damit?» lautete die Frage, die sie vom zuständigen SBB-Infrastruktur-Planer Daniel Bösch (Netzentwicklung Zürich Ost) und dem ehemaligen Verkehrsplaner und Ustermer Gemeinderat Paul Stopper unter der Leitung von Tages-Anzeiger Redaktor Marius Huber diskutiert haben wollte. Eine Frage, der der Zürcher Regierungsrat erst letzte Woche mit seiner Entscheidung, die Suche noch einmal neu zu lancieren, eine ganz andere Dimension verliehen hatte.
Nicht mehr gegen, sondern für etwas
So kamen die rund 20 anwesenden Hörerinnen und Hörer am Montag Abend in Wetzikon trotz der kontradiktorischen Positionen der Podiumsteilnehmer weniger in den Genuss eines hitzigen Schlagabtauschs, denn vielmehr einer detailreichen Präsentation von Erklärungen, Argumenten und Alternativen. Ein Umstand, der nicht zuletzt der neuen Ausgangslage geschuldet war. Man spürte: Ab sofort gilt es nicht mehr gegen etwas zu kämpfen, sondern etwas Neues zu finden.
In diesem Sinne nutzte Daniel Bösch sein initiales Referat dazu, die Situation noch einmal zu erklären. Der Netz-Ausbauschritt 2035 mit der Erweiterung des Bahnhofs Stadelhofen und dem Brüttener Tunnel erfordere zusätzliche Abstell- und Wartungsanlagen für die 60 nötigen neuen Doppelstöckerzüge. Weil diese Anlagen in der Nähe von Abgangs- und Endbahnhöfen liegen müssen und die beiden Service-Anlagen in Oberwinterthur ausgelastet sind, braucht es zwingend eine Service-Anlage in einer Region, in der viele Linien verkehren, die nicht in Winterthur enden – «und das ist nun mal das Zürcher Oberland».
Zudem wollte er noch zwei Trugschlüsse aus der Welt räumen, die in den letzten Monaten medial oft portiert worden seien: «Erstens ist es nicht möglich, alles in der Stadt Zürich zu abzudecken. Das würde allein schon viel zu viel leere Dienstfahrten nötig machen und damit auch viel zu viel kosten. Und zweitens wurde kein einziges Gleis, das man für den Personenverkehr hätte verwenden können, zugunsten der Immobilienentwicklung abgerissen.»
Den Variantenfächer gefüllt
Kontrahent Paul Stopper zeigte sich davon wenig beeindruckt. In seinen Ausführungen stellte er die Fragen in den Raum, warum die von den SBB berechneten Abstellplätze nicht in Frage gestellt würden, warum man bei der Standortsuche die Nachbarkantone nicht miteinbezogen habe und ob dezentrale Service-Anlagen denn wirklich wirtschaftlicher seien als zentrale. Dezidiert stellte er sich schliesslich auf den Standpunkt, dass die ausgewählten Standorte schlicht die «einfachsten» gewesen seien, weil sie auf einer grünen Wiese liegen.
«Es gibt genügend bestehende Möglichkeiten. Eine Umnutzung von Kulturland ist deshalb nicht vertretbar.»
Paul Stopper, ehemaliger Verkehrsplaner
Vor allem aber füllte Stopper den Variantenfächer, dessen Öffnung Regierungsrat Martin Neukom an der Pressekonferenz versprochen hatte, mit Inhalt: Neben den detaillierten Vorstellungen der Standorte in Rapperswil und in den Depots F und G beim Hauptbahnhof, zeigte er in kurzen Abrissen Alternativen von bereits genutzten Flächen in Wetzikon, Aathal-Seegräben, am Bahnhof Kempten, beim Militärflugplatz Dübendorf, in Hinwil, Niederglatt, Bülach, Winterthur und im Zürcher Vorbahnhof. Sein Fazit: «Es gibt genügend bestehende Möglichkeiten. Eine Umnutzung von Kulturland ist deshalb nicht vertretbar.»
Ja, aber…
In der anschliessenden Diskussion zeigte sich schliesslich im kleinen Rahmen das, was sich in den nächsten zwei Jahren während der Standortevaluation im Grossen abspielen wird. Wissend um die Sachzwänge beantwortete SBB-Planer Daniel Bösch die vielen Eingaben Stoppers und aus dem Publikum bezüglich Varianten und alternativen Ideen mit neuen Linienführungen, Doppelnutzungen, doppelstöckigen oder unterirdischen Anlagen mit einem «Ja, aber».
«Wir werden mit den Regionen, Gemeinden und der Bevölkerung in einen Dialog treten und neue Varianten, die wir zuvor im Ausschlussverfahren gar nicht geprüft hatten, miteinbeziehen.»
Daniel Bösch, SBB-Infrastruktur-Planer (Netzentwicklung ZH Ost)
Gleichzeitig bekräftigte er deutlich den Willen und die Zuversicht, eine «bessere Lösung als diejenige in Bubikon» zu finden. Er versprach: «Wir werden mit den Regionen, Gemeinden und der Bevölkerung in einen Dialog treten und neue Varianten, die wir zuvor im Ausschlussverfahren gar nicht geprüft hatten, miteinbeziehen.» Mit dem grossen Widerstand und den vielen Einwendungen habe man nicht gerechnet, eine Anpassung der Interessensgewichtung sei deshalb logisch. Dafür habe man nun zwei Jahre Zeit.
Zeit, neu zu denken
Paul Stopper hielt dagegen just hier den Finger in die Wunde. «Was genau nicht geschehen darf, ist, dass man wieder zwei Jahre plant und in jener Zeit Flächen und Anlagen verbaut werden, die geeignet wären», warf er in die Runde und forderte mit Vehemenz die Prüfung aller möglichen Varianten und eine Öffnung des Horizonts für neue Ideen. Insbesondere den Raum Rapperswil gelte es «ganz neu zu denken».
Ganz neu zu denken - in diesen Kanon konnte auch der SBB-Planer miteinstimmen. An Ideen, Möglichkeiten und gutem Willen fehlt es ihm spätestens nach diesem Abend sicher nicht mehr. Man habe Herrn Bösch einen vollen Korb von Vorschlägen mitgegeben, formulierte es die Gastgeberin, VCS-Geschäftsführerin Gabi Petri bei der Verabschiedung. Um dann fast schon etwas mitleidig anzufügen: «Die Auslegeordnung ist gemacht. Aber das ist ja immer einfacher, als Entscheide zu treffen.
